29.03.2026 08:30
ARD-Serie "Sternstunde der Mörder" mit Nicholas Ofczarek
epd Auf der Tonspur spielt ein Grammophon den Schlager "Das wird ein Frühling ohne Ende", gesungen von Ilse Werner, während sich der Mörder auf dem Vyšehrader Friedhof sein nächstes Opfer ausguckt: die Witwe einer gefallenen Nazi-Größe. Als kurz darauf Kampfflugzeuge über das besetzte Prag des noch jungen Jahres 1945 donnern, in den Cafés die Gläser auf den Tischen wackeln und die Menschen in Kellern Schutz vor Bomben suchen, ist der Mann mit dem Messerkoffer bereits dabei, sein Werkzeug und seine Hände vom Blut zu reinigen. Der Frau ist er vom Friedhof nach Hause gefolgt, hat sie dort überfallen, getötet - und regelrecht ausgeweidet. Kein Zweifel, hier ist ein psychopathischer Sadist am Werk.
Mit dem Fall betraut wird bei der tschechischen Protektoratspolizei der aufstrebende Kriminaladjunkt Jan Morava (Jonas Nay). Weil die in den letzten Zügen zuckenden Nazi-Besatzer aber auch ein Wörtchen mitreden wollen, stellt ihm Standartenführer Meckerle (Devid Striesow) den Gestapo-Kriminaloberrat Erwin Buback (Nicholas Ofczarek) als Aufpasser an die Seite. "Die Bestie muss so schnell wie möglich unters Beil", gibt Meckerle als Devise aus, erhofft sich von Buback in Wahrheit aber vor allem Hinweise über potenzielle Aufrührer in den Reihen der Prager Ordnungshüter.
Der deutsch-österreichisch-tschechische Degeto-Vierteiler "Sternstunde der Mörder" beruht auf dem gleichnamigen Roman des 1928 geborenen Schriftstellers und Bürgerrechtsaktivisten Pavel Kohout und hat wohl eine komplizierte Entstehungsgeschichte hinter sich. Wie die Degeto auf Anfrage mitteilt, verließ Autor Holger Karsten Schmidt das Projekt nach Erstellung dreier Drehbuchfassungen "wegen inhaltlicher Differenzen" und ließ sein Pseudonym Klaus Burck einsetzen; "ab der vierten Fassung" sei dann "der Drehbuchbearbeiter Florian Plumeyer mit der Weiterentwicklung beauftragt" worden.
Was auch immer für die Differenzen sorgte und wie skeptisch man grundsätzlich Nazi-Kostümstücken gegenüberstehen mag: Die in Wien und Niederösterreich gedrehte Miniserie profitiert vom kundig geschilderten historischen Setting ihrer Vorlage. Der Kontext einer sich auflösenden allgemeinen Ordnung hebt die Mördersuche über durchschnittliches Krimi-Niveau. Das zusammengespannte Ermittler-Duo unterscheidet sich hier eben nicht nur durch ein paar angedichtete Marotten, sondern steht auf diametral entgegengesetzten Seiten. Dass zwischen Morava und Buback dennoch ganz langsam, fast ohne Worte ein Vertrauensverhältnis wächst, ist nur einer von mehreren fesselnden Erzählsträngen.
Regisseur Christopher Schier und der einmal mehr furiose Nicholas Ofczarek haben schon bei "Der Pass" und "Die Ibiza Affäre" erfolgreich zusammengearbeitet, Casterin Franziska Aigner hat auch bei der übrigen Besetzung einschlägig erprobte Schauspieler ausgesucht. Jonas Nay verkörpert den idealistischen jungen Helden genauso souverän wie Devid Striesow den aufbrausenden Nazi mit Schmiss und gelegentlichem Nasenbluten; Gerhard Liebmann gibt den leisen, unauffälligen Serienkiller.
Mit Beginn der zweiten Folge stößt noch Jeanette Hain in der Rolle der kriegsversehrten Diva Marleen Baumann dazu, die von Meckerle an Buback weitergereicht wird und mit diesem eine verzweifelte Liaison eingeht. Stark auch die tschechischen Mitglieder des Ensembles: Karel Dobrý als Moravas integrer Chef Beran und Diana Dulinková als engagierte Polizei-Bürokraft Jitka Modrá, die wiederum mit Morava inmitten des Elends eine herzerwärmende Liebesgeschichte durchlebt.
Wenn der Kriminaladjunkt seiner Kollegin eines Morgens einen Heiratsantrag macht, geschieht das auf Tschechisch und wird mit deutschen Untertiteln versehen - eine gute Entscheidung im Sinne der Authentizität. Umgekehrt kann jedoch der tschechische Akzent, den sich Jonas Nay für die deutschen Passagen zugelegt hat, etwas anstrengen.
Beide Frauenfiguren sind für den Fortgang der Handlung von entscheidender Bedeutung, nicht nur, weil es Jitka ist, die nach einem weiteren Messer-Mord, diesmal an einer tschechischen Wäscherin, den entscheidenden Zusammenhang entdeckt: Es geht dem Täter nicht um Offizierswitwen oder Nationalität, gemeinsam ist den Fällen vielmehr der Vyšehrader Friedhof als Ausgangspunkt. Nach dieser Erkenntnis erklären sich sowohl Jitka als auch Marleen bereit, dort unter Polizeiüberwachung als Lockvögel zu agieren.
Der Spannungsbogen erstreckt sich vom Abtasten der Ermittler über diese Lockvogel-Einsätze bis auf die Zielgerade, auf der die nahende Niederlage des "Großdeutschen Reichs" das Geschehen prägt. Mit Beginn des Prager Aufstands ist der im Titel erfasste Zustand kompletter Gesetzlosigkeit erreicht, im Chaos der Gewalt wird die Mörderjagd nicht leichter. Jan Morava ist zwischenzeitlich mit der Verteidigung eines Radiosenders ausgelastet, Buback müsste längst die Stadt verlassen haben, doch er bleibt. Das Finale des viermal 45 Minuten langen Mehrteilers entfaltet eine geradezu epische Wucht, die in der linearen Ausstrahlung aller Folgen am Stück voll zur Geltung kommen kann.
infobox: "Sternstunde der Mörder", vierteilige historische Krimiserie nach dem Roman von Pavel Kohout, Regie: Christopher Schier, Buch: Klaus Burck, Kamera: Philip Peschlow, Produktion: Zeitgeist Filmproduktion, EPO-Film (ARD-Mediathek/NDR/HR/Degeto/ServusTV/Canal+, seit 29.3.26, ARD, 3.4.26, 20.15-23.15 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 29.03.2026 10:30 Letzte Änderung: 31.03.2026 11:06
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Streaming, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, Serie, Krimi, Schier, Burck, Luley, NEU
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