31.03.2026 07:20
Dokumentation "Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden"
epd Die Weltmeister von 2014 sind fast alle noch präsent. Viele tummeln sich als TV-Experten bei verschiedenen Sendern und Streamingdiensten, andere sind nach wie vor aktiv. Doch was macht eigentlich Mesut Özil? Zuletzt war er als aufgepumpter Muskelprotz zu sehen. 2023 hat sein Fitnesstrainer einen Schnappschuss veröffentlicht, auf dem Özil das Hemd hochhebt, sodass die Tätowierungen auf der Brust zu erkennen sind: Sie zeigen Symbole der rechtsextremistischen Grauen Wölfe. Spätestens jetzt konnten sich all jene bestätigt fühlen, die schon immer der Ansicht waren, dass einer wie er nicht zu Deutschland gehören kann.
In seiner dreiteiligen Dokumentation rekonstruiert Florian Opitz den Werdegang dieses Ausnahmekickers vom schüchternen Jungen aus Gelsenkirchen zum internationalen Topstar - bis ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Mai 2018 das Ende seiner sportlichen Karriere einleitete.
Für viele repräsentiert er zudem den Niedergang des deutschen Fußballs: Kurz drauf schied die Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft bereits in der Vorrunde aus, seither gehört sie nicht mehr zur Weltspitze. Ohne Özil, sagt Ex-Bundestrainer Joachim Löw in der Dokumentation, wäre Deutschland 2014 wohl nicht Weltmeister geworden. Ohne Özil, behaupten andere, wäre Deutschland 2018 nicht ausgeschieden. Beide Behauptungen lassen sich nicht überprüfen, aber die erste These ist glaubhafter als die zweite.
Opitz hat die drei Teile, die ohne Kommentar auskommen, mit dem zynischen klingenden, aber treffenden Zusatztitel "Zu Gast bei Freunden" versehen. Özils Großvater gehörte zur ersten Generation der "Gastarbeiter", die zwar beim "Wirtschaftswunder" helfen durften, aber dann wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten. Die Özils blieben. Mesuts Talent dürfte schon in seinen Kindheitsjahren unübersehbar gewesen sein, doch nach den diversen Probetrainings schafften es immer nur Jungs mit Vornamen wie Thomas oder Stefan in den Kader von Schalke 04, wie er sich in einem 2017 geführten Gespräch mit dem Sportreporter Frank Buschmann erinnert. Dieses Interview, sein letztes deutsches, bildet lange Zeit den akustischen roten Faden der Dokumentation.
Von der nachvollziehbaren Verbitterung abgesehen, schildern die Episoden eins und zwei eine jener märchenhaften Erfolgsgeschichten, die im Sport gern erzählt werden. Ein Junge aus armen Verhältnissen schafft es dank seines außergewöhnlichen Talents nach ganz oben: Schalke, Werder Bremen, Real Madrid, FC Arsenal, Weltmeister. Trotzdem ist das Porträt auch auf dieser Ebene mehr als eine typische Sportler-Doku, weil Opitz mithilfe von Archivmaterial dokumentiert, wie Özil, der prominenteste unter den ersten deutschen Nationalspielern mit türkischen Wurzeln, von der Politik instrumentalisiert wurde.
Das drehte sich, als er schließlich am öffentlichen Pranger stand. Dabei spielte Deutschlands größte Boulevardzeitung eine besonders abstoßende Rolle. Und es fielen Stammtischkommentare, für die sich diejenigen, die sie aussprachen, vermutlich auch heute nicht schämen. 2018 trat Özil, damals knapp 30 Jahre alt, aus der Nationalmannschaft zurück.
Der Ex-Kicker hat ein Interview abgelehnt. Es gibt aber viele andere Interviewpartner, deren Aussagen jedoch erst in der Kombination ein schlüssiges Gesamtbild ergeben, da einige ihre eigene Agenda verfolgen. Das liegt auch an der Auswahl der Zitate, Kontraste sind natürlich reizvoller als Übereinstimmungen. Wohltuend heben sich die differenzierten Aussagen von Dietrich Schulze-Marmeling, Autor einer Vielzahl ausgezeichneter Bücher über den Komplex Sport und Politik, oder von Philipp Selldorf, Sportredakteur der "Süddeutschen Zeitung", vom bis heute uneinsichtigen ehemaligen Sportfunktionär Reinhard Grindel ab. Der frühere CDU-Abgeordnete verkündete 2004 im Bundestag, Multikulti sei "in Wahrheit Kuddelmuddel". In seiner Zeit als DFB-Präsident (2016 bis 2019) gab er im Allgemeinen kein gutes und im "Fall Özil" ein besonders schlechtes Bild ab.
Opitz’ Dokumentation schlägt einen Bogen von 1960 über die 80er Jahre, als Özil geboren wurde, bis zur Gegenwart. Dank Schulze-Marmeling kommen auch die Anschläge in Solingen, Mölln oder Hanau sowie die Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Sprache.
Ähnlich bedeutsam sind die Beiträge von Volkan Ağar (Deutschlandfunk Kultur) und Özlem Topçu ("Der Spiegel"), die eine ganz andere Sicht auf das Thema haben und als Kinder miterlebten, dass ihre Eltern von den Deutschen offenkundig nicht für voll genommen wurden. Ağar hatte als junger Fußball-Ultra mit türkischen Wurzeln kein Verständnis dafür, dass sich Özil gegen das Land seiner Vorfahren entschied und 2009 sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft gab. Fortan galt der Fußballer bei vielen Mitgliedern der deutsch-türkischen Community als Verräter. Dieser Hass wiederum hat Ağar dazu bewogen, seine eigene Haltung zu überdenken.
Während sich Özils Vater und Manager Mustafa im Nadelstreifenanzug und mit dicker Zigarre nach Kräften selbst beweihräuchert, steht Erkut Söğüt für das moderne Beratergeschäft. Er hat Özil zu einer Weltmarke gemacht, zeitweise hatte der Fußballer 100 Millionen Follower. Jurist Söğüt, geboren in Hannover, erinnert aber auch an die jungen Jahre Özils, wenn er andeutet, dass die Mesuts, Mustafas und Erkuts in Deutschland wohl immer Menschen zweiter Klasse bleiben werden.
infobox: "Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Florian Opitz, Kamera: Andy Lehmann, Thomas Eirich-Schneider, Jörg Adams. Produktion: Flare Film (ZDF-Mediathek, seit 20.3.26, ZDF, 31.3.26, 20.15-21.00 Uhr und 0.15-1.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 31.03.2026 09:20
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dokumentation, Sport, ZDF, Gangloff
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