01.04.2026 08:08
Kleines Fernsehspiel "Xoftex"
epd Wir sind in Griechenland. Wo einst eine Toilettenpapierfabrik mit Namen Softex stand, befindet sich jetzt ein Flüchtlingslager. An einer alten Mauer ist der Markenname noch zu lesen, verfremdet zu "Xoftex" wird er Titel dieses Films über das Leben im Lager. Endlose Reihen von grauen Wohncontainern vollführen eine Simulation von Vorortstraßen. Rechts und links Stacheldraht, Schienenstränge, Züge und ihr Lärm, dahinter Ödnis und weißlicher Qualm. Die Menschen, die hier gestrandet sind, hoffen auf Asyl in Europa, beziehungsweise: Sie haben die entsprechenden Anträge eingereicht. Hoffnung ist nicht bei jedermann noch lebendig, aber als Antragsteller haben die Menschen immerhin ein Anrecht auf Unterkunft und Verpflegung.
Einer hat sich ins Lager eingeschlichen, um Essen abzugreifen, der gar keinen Antrag gestellt hat. Das geht natürlich nicht, Unruhe kommt auf. Die meisten aber, die hier warten und ihre Mahlzeit empfangen, bis entschieden wird, ob und wenn ja, wohin sie weiterreisen dürfen, sind echte Asylbewerber. Bis es so weit ist und sie das Lager verlassen können, vergeht oftmals mehr als ein Jahr. Was können die Geflüchteten im Lager tun? Sie warten, sie erzählen sich Geschichten, sie spielen, sie warten, sie telefonieren, sie machen Filme mit ihren Handys, sie essen, sie streiten sich, sie schlagen sich, sie treffen sich zu einer Versammlung, sie warten, sie beten. Ein großes Zelt dient als Moschee.
Bulgarien ist ein Todesurteil.
Filmemacher Noaz Deshe hat für sein poetisches Filmwerk "Xoftex" einen syrischen Teenager als Hauptfigur gewählt, er nennt ihn Nasser, gespielt wird er von Abdulrahman Diab. Gleich zu Beginn sehen wir Nasser und ein paar Freunde und Nachbarn beim Spiel: Wer wird wo Asyl erhalten? Nasser gibt den Entscheider: Was, du willst nach Schweden? Oder gar in die Schweiz? Daraus wird nichts. Du kommst nach Bulgarien. Es wird gelacht. "Bulgarien ist ein Todesurteil." Man schaut auf dem Tablet Physik-Videos. Interessant, die Sache mit der Raumzeit, Einstein hat sie entdeckt.
Ein Kind ist erkrankt. Was für Symptome? Gibt es am Ende eine Epidemie? Jemand vertickt Drogen. Nasser hat einen großen Bruder, Yassin, gespielt vom Osama Hafiry. Die beiden kabbeln sich, sie hauen sich, sie halten zusammen. Im Zelt sieht man die Männer beten. Der Vorbeter erklärt, sein Asylantrag sei bewilligt worden, er werde jetzt fortgehen, zuvor aber einen neuen Vorbeter bestimmen. Die Männer schauen ihn ungläubig an. So und so ähnlich sehen sie aus, die Schnipsel, die Einblicke, die Kurzdarstellungen in dem Film "Xoftex", der das Tun und Nichtstun von Menschen zeigt, die warten und dabei in Containern weiterleben, unterlegt mit einer Geräuschmusik, die schnarrt, tutet und knattert.
Regisseur Deshe weiß, wovon er erzählt. Er hat selbst in Flüchtlingslagern Theaterworkshops geleitet, aus dem Fundus dieser Erfahrungen schöpft er, wenn er hier im Lager den Stillstand als bewegendes Drama nachinszeniert, das immer wieder ins Surreale abhebt. Oder aber in wilde Realitätsflucht. Da versuchen sich die Jungs mit einem Zombiefilm. Gar nicht so leicht, wie ein Zombie zu gehen und "weder tot noch lebendig zu sein".
Die nervöse Kamera verweilt gerne auf dem Gesicht des jungen Nasser, der noch zu kurz auf der Welt ist, um der Resignation, die im überlangen Warten lauert, zu erlauben, seine Lebensfreude zu zerstören. Aber als er zu einer Befragung gerufen wird, bringt er kein Wort heraus. Zu viel hängt davon ab, zu wenig kann der Junge einschätzen oder nachvollziehen.
Der Film erzählt weniger die Geschichte seines Helden als die eines Wartestandes mit einem Helden darin, dem immer wieder die Schärfe des Bewusstseins abhandenkommt. Träume mischen sich mit Erinnerungen, Flashbacks mit Realitätsverzerrungen - am Ende ahnt man, dass Flucht und Überfahrt für die Brüder aus Syrien ein tief traumatisierendes Erlebnis waren und versteht überdies vollkommen, dass man in so einem Lager verrückt werden kann.
Deshe sucht für die surrealistischen Strecken seines Films bizarre Bilder. Manchmal sieht es so aus, als sei die Kamera seinen Händen entglitten und fange jetzt nur noch ein Zeltdach oder den Himmel ein. Am Ende wachsen Hände aus Wiesen. Die Bilder schmeicheln nicht, sie erschrecken eher und verstören. Aber die Perspektive, aus der Deshe erzählt, die eines Flüchtlings, der zugleich Träumer und Kämpfer ist und nicht mehr Opfer sein will, ist es unbedingt wert, aufrechterhalten zu werden.
infobox: "Xoftex", Kleines Fernsehspiel, Regie: Noaz Deshe, Buch: Babak Jalali, Noaz Deshe, Kamera: Noaz Deshe, Produktion: Arden Film, Cup of tea (ZDF, 16.3.26, 0.00 bis 1.30 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 01.04.2026 10:08
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Kleines Fernsehspiel, Xoftex, Deshe, Jalali, Sichtermann
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