Ernst und Leichtigkeit - epd medien

05.04.2026 09:00

Wenn an Ostern mit Folge 99 und Folge 100 der letzte und der allerletzte Fall des Münchner "Tatort"-Duos Batic und Leitmayr laufen, darf Rührung erwartet werden. Weggefährten sind dabei, von Michael Fitz über Lisa Wagner bis Ferdinand Hofer, und auch der neue Münchner "Tatort"-Ermittler Carlo Ljubek ist zu sehen. Heike Hupertz blickt auf 35 Jahre Batic und Leitmayr zurück.

Zum Abschied des "Tatort"-Duos Batic und Leitmayr

Die Ermittler Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) hören auf

epd Wer aufmerksam hinschaut, kann in den letzten beiden Folgen mit den Münchner "Tatort"-Ermittlern Batic und Leitmayr eine Menge Selbstzitate und Querverweise zu früheren Beiträgen entdecken. Der rote Porsche 911, Leitmayrs Hedonistenkarre, im Einsatz in den ersten Folgen mit den beiden BR-Kommissaren vor 35 Jahren, ist das auffälligste unter den "Easter Eggs", denn er darf zum Finale (Buch: Johanna Thalmann und Moritz Binder, Regie: Sven Bohse) wieder mitmischen.

Der Zahn der Zeit hat an diesem "Classic Car" genagt wie an den Hauptfiguren. Aber: Qualität taugt, gut gepflegt und gewartet, auch nach Jahrzehnten eine Menge und macht den jungen Hüpfern mindestens in punkto Fahrfreude und Energie was vor, auch wenn der Spritverbrauch inzwischen wehtut und der nächste Werkstattbesuch direkt terminiert werden muss. Das ikonische Gefährt Leitmayrs "Auto" zu nennen wäre so respektlos wie Fahrer und Beifahrer einfach "Kommissar". Alle drei, der Sportwagen und die beiden Ermittler, sind Fernsehgeschichte.

Ostereier für Hardcorefans

Es gibt in der Doppelfolge "Unvergänglich" mit Batic und Leitmayr auch Ostereier für Kenner und Hardcorefans, von Schauplatzzitaten bis zu abgehangenen Witzen. Als besonderen Publikumsservice, fürs Nachleben im Streaming und ziemlich sicher auch aus "Spaß an der Freud". Ohne dass die erzählten Geschichten von Menschen, verbrecherischen Strukturen und Gerechtigkeit zu Lachnummern werden, im Gegenteil. Denn das war und blieb, summa summarum, das Kennzeichen von "Batic & Leitmayr" - ihre einzigartige Mischung aus Ernst (der viele der Fälle gesellschaftlich relevant machte) und der spielerischen Leichtigkeit respektive Selbstironie, mit der ihre Darsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl die Rollen lebendig halten konnten.

Je zwei Blaue Panther fürs Lebenswerk kassierten Nemec und Wachtveitl, neben zahlreichen Ehrenmitgliedschaften und Preisen. Die neuen Panther überbrachte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) selbst am Rand der finalen Dreharbeiten in München. Wer sich hier in welchem Glanz sonnen konnte, steht außer Frage. Zweimal Lebenswerkehrung, dann in den Sonnenuntergang reiten? Den Vorsatz zur letzten Klappe gibt es schon in Folge 99: "Nicht erschießen lassen." Denn das wäre wirklich ein "blödes Klischee".

Weltoffener und leichtfertiger Typus

Erfunden hat diese Kommissare neuen Buddy-Stils, die am 1. Januar 1991 mit der Folge "Animals" im deutschen Fernsehen das Licht des Bildschirms erblickten, freilich nicht Söder, auch nicht der Bund Deutscher Kriminalbeamter oder die Gewerkschaft der Polizei, sondern die BR-Redakteurin Silvia Koller. Mit einem neuen Konzept. Der Münchner Kommissars-Urbayer, den zuvor Gustl Bayrhammer als Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (1972 bis 1981) an der Seite seines Dackels zusammen mit Helmut Fischer als Assistent Ludwig Lenz (ermittelte bis 1987 weiter) verkörperte, wich einem neuen weltoffenen und auch leichtfertigen Typus.

Zwei Kommissare auf Augenhöhe, ohne Hierarchiegefälle, das war neu. Trotz Schimanski, der seit 1981 in Duisburg am Start war, bei dem gab es (offiziell) immer noch Chef und Chefchen. Ohne Götz Georges Erfolg als Schimanski hätte man sich beim BR Batic und Leitmayr allerdings vielleicht nicht getraut. Aber wie die Dinge lagen, durfte Leitmayr zu Beginn von "Animals" gleich Grüße in den Ruhrpott überbringen, als er aus seinem Porsche ausstieg und direkt in einen Hundehaufen trat. Worauf er die braun verschmierte Sohle in die Kamera hielt ("Scheiße", wir erinnern, war Schimanskis verbales Markenzeichen). Und sogleich mit Batic eigene Duftmarken setzen.

Die eine feste Beziehung

Leitmayr hatte noch ein volles Lockenhaupt und kam mit der für manche Zuschauer merkwürdigen Tatsache, dass ein Münchner auch aus Istrien stammen konnte wie der ebenfalls lockige Batic, bestens zurecht. Daneben hatte er auch noch eine sehr blonde Freundin, wohl irgendwie passend zum sportlichen Gefährt. Schon damals wirkte das freilich kaum so sexistisch wie das Gebaren des brachialen Cops im Ruhrgebiet. Was das Frauenbild (eigentlich auch das Männerbild) angeht, scheint der Duisburger WDR-"Tatort" zwar zeitgeistig, doch schwer gealtert zu sein.

Mit Batic und Leitmayr ist das was anderes. Frauen und Freundinnen kamen und gingen, manchmal verliebte man sich sehr (zum Beispiel in Iris Berben) und zeigte sich gar nackt, aber langfristig blieb man Single, denn es gab ja schon eine, nämlich die eine feste Beziehung. Eine Art Ehe, über die mehr und mehr viel (Halb)-Ironisches zu sagen war.

Kein verkopftes Redakteursfernsehen

München war Spielwiese, nicht leuchtend, sondern vorzugsweise in den weniger schönen Bereichen. Verkopftes Redakteursfernsehen war dieser "Tatort" nicht, kontrovers schon. Dominik Grafs preisgekrönte Folge "Frau Bu lacht" von 1995 hat nichts von ihrer Brisanz verloren. Ein Meilenstein. Die Kommissare ließen die überführte Täterin nicht nur laufen, sondern verhalfen ihr zur Flucht. Es ging um Menschenhandel und Kindesmissbrauch, und man musste nicht gutheißen, wie Batic und Leitmayr handelten. Man durfte es vielleicht nicht einmal, aber es war zu verstehen.

Natürlich musste auf dem Oktoberfest ermittelt werden, nahm man das regionale Königinnenwesen auf die Schippe, unternahm Landpartien, zum Beispiel ins Kloster und konnte sich dem "Cosy Crime"-Trend nicht verschließen. Wie in der gemütlichen Weihnachtsfolge "Mord unter Misteln", in der es die kostümierten Detective Chief Inspector Lightmyer und Constable Partridge in ein englisches Landhaus verschlug. Unter den herausragenden Folgen besticht "Der oide Depp" (2008), auch filmisch hervorragend.

Jetzt, zum Schluss, erhalten die beiden in Folge 99 schon ihre Entlassungsurkunden, "auf besonderem Schmuckpapier", habe die Ehre. Was ergreifender wäre, wenn die offizielle Händeschüttlerin beide nicht verwechseln würde. In Folge 100, soviel darf man wohl verraten, kehren beide als Pensionäre zurück und ermitteln ohne Dienstausweis, ohne Waffe und endlich ohne Vorschriften. Denn es gibt noch lose Enden, und loslassen fällt ihnen schwer. War ja auch langweilig im Ruhestand, in dem jeder erstmal sein eigenes Ding gemacht hatte. Ruhestands- und Gelegenheitsermittler können sie allerdings nur werden, wenn sie sich zum Da Capo nicht noch erschießen lassen. Niemals geht man so ganz, oder doch? Es bleibt spannend bei diesen beiden.

Heike Hupertz Copyright: Foto: privat Darstellung: Autorenbox Text: Heike Hupertz ist freie Journalistin und TV-Kritikerin.



Zuerst veröffentlicht 05.04.2026 11:00

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien

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