08.04.2026 03:38
Hannover (epd). Die Debatten zu journalistischen Beiträgen in sozialen Medien sind einer Studie der Landesmedienanstalten zufolge oftmals von einem rauen Klima geprägt. "Die sozialen Medien werden von den Nutzern zunehmend als Orte wahrgenommen, an denen konstruktive Debatten kaum noch möglich sind und teilweise auch nicht mehr gewünscht erscheinen", sagte der Direktor der niedersächsischen Landesmedienanstalt, Christian Krebs, dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Viele sagen, sie beteiligen sich nicht mehr, weil sie hinterher schlechtere Laune haben als vorher."
Laut dem Anfang April von den Medienanstalten veröffentlichten "Transparenz-Check Digitale Diskussionsräume" hatten zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) angegeben, soziale Medien seien derzeit ihrer Meinung nach kein Raum für konstruktive Debatten. Die Landesmedienanstalten hatten dafür im Juli 2025 insgesamt 39 Kommentar-Sektionen unter journalistisch-redaktionellen Beiträgen auf Facebook, Instagram und Youtube untersuchen lassen. Analysiert wurden zudem Kommentarbereiche unter Online-Beiträgen von "Bild", "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung" und "Die Zeit". Insgesamt wurden 9.418 Kommentare erfasst. Für die Analyse berücksichtigt wurden 6.485 Kommentare.
Eine zentrale Erkenntnis sei gewesen, dass sich von den Lesern auf Facebook im besten Fall insgesamt nur rund 16 Prozent an den Debatten beteiligt hätten, sagte Krebs. Auf den weiteren untersuchten Plattformen sei die Beteiligung sogar noch geringer gewesen. "Dabei werben Plattformen und Medienhäuser oft damit, dass sie all ihren Nutzerinnen und Nutzern ein Forum bieten", sagte Krebs. "Wenn die überwiegende Mehrheit gar nicht erst mitdiskutiert, kann von einem Forum für alle keine Rede mehr sein."
Ein Experiment zur Auswirkung der Moderation auf die Interaktionsbereitschaft habe die Bedeutung der Moderation klar untermauert, sagte Krebs weiter. Der Diskurs sei in den getesteten Beispielen als respektvoller und ausgewogener wahrgenommen worden, wenn es eine Moderation gab. "Diese muss allerdings sichtbar, klar und transparent sein", betonte Krebs. Auch in Bezug auf Interesse, Unwohlsein und Verletzungsempfinden würden moderierte Beiträge dann durchweg positiver bewertet als die Gegenbeispiele.
In der Studie hatten nur zwölf Prozent der Befragten angegeben, dass sie soziale Netzwerke für sehr vertrauenswürdig oder eher vertrauenswürdig halten. Am höchsten war das Vertrauen bei jungen Männern zwischen 16 und 24 Jahren. Von ihnen hielten 11 Prozent Facebook, Instagram oder Tiktok für sehr vertrauenswürdig, 22 Prozent gaben an, diese Plattformen seien eher vertrauenswürdig. 93 Prozent der Befragten nutzten mindestens eine der sechs Plattformen, Youtube, Facebook, Instagram, Tiktok, X und Reddit. 52 nutzten mindestens eine Plattform mehrfach täglich. Kommentare wurden am häufigsten bei Facebook gelesen.
Erstaunt habe ihn, dass in der Studie nur sehr wenige von Bots generierte Inhalte nachgewiesen worden seien, sagte Krebs. "Tatsächlich waren nur rund vier Prozent aller Beiträge von oder sehr wahrscheinlich von Bots verfasst." Dies hänge auch damit zusammen, dass identifizierte Bot-Accounts in der Regel zügig gelöscht würden. Allerdings könnten Bots dennoch einen massiven Einfluss auf das Themenangebot haben, indem sie Beiträge likten, reposteten oder teilten und damit unerkannt blieben, aber dennoch den Anzeige-Algorithmus beeinflussten, warnte Krebs. Dies sei in der aktuellen Studie allerdings nicht untersucht worden.
Insgesamt zeige sich, dass es einen klaren Handlungsbedarf gebe, sagte der Direktor. Dass Diskussionen im Internet so wenig konstruktiv wahrgenommen würden, hänge nicht zuletzt damit zusammen, dass sich die Plattformen auf ihrem Haftungsprivileg ausruhten. "Wenn da gesagt wird: Wir sind nur die Telefonleitung und nicht verantwortlich dafür, was gesagt wird, dann ist das überholt", sagte Krebs. "Telefonleitungen schalten schließlich keine Werbung und verdienen massiv Geld damit." Er wünsche sich daher, dass mittelfristig Plattformen zu mehr Moderation verpflichtet werden.
lnb/dir
Zuerst veröffentlicht 08.04.2026 05:38 Letzte Änderung: 08.04.2026 10:29
Schlagworte: Medien, Internet, Soziale Netzwerke, NEU
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