Viel heiße Luft - epd medien

08.04.2026 08:10

Von Haselünne aus machte Hendrik Holt viel Geld mit fingierten Windkraft-Projekten. Der dreiste Hochstapler, der sich als Big Player mit engen Kontakten zur Bundesregierung inszenierte, wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Die ARD erzählt seine Geschichte in der Dokumentation "Holt - Der Windkraft-Schwindler".

ARD-Dokumentarfilm "Holt - Der Windkraft-Schwindler"

Mit dem Verkauf von gefälschten Windpark-Genehmigungen verdiente Hendrik Holt ein Vermögen

epd Hendrik Holt sitzt gerade eine achtjährige Gefängnisstrafe ab. Der junge Schaumschläger, der zehn Millionen Euro mit fingierten Windkraft-Projekten ergaunerte, tritt während des Hafturlaubs mit Anzug, Krawatte und Einstecktuch vor die Kamera. Er feiert sich - mit freundlicher Hilfe der Filmemacher - als Karikatur eines skrupellosen Raubtierkapitalisten.

1990 im emsländischen Haselünne geboren, wuchs Holt in einer großbürgerlichen Familie auf. Eine wichtige Bezugsperson war sein Großvater, ein Bauunternehmer, der seinem Enkel militärische Ideale vermittelte. Ab 2016 entwickelte der damals 25-Jährige eine erstaunliche kriminelle Energie. In der ARD-Doku spricht er darüber wortreich, aber ohne viel zu sagen. So wird nicht wirklich deutlich, wie er seine "Geschäftsidee" entwickelte und wer ihn dazu inspirierte.

Großkotziger Schnösel

Einigermaßen klar wird die eigentliche Betrugsmasche. Bei Versammlungen mit Provinzpolitikern und Verwaltungsbeamten ließ er die Anwesenden mit falschen Versprechungen Papiere unterzeichnen, um die Unterschriften später in Verträge einzusetzen, welche - ohne das Wissen der Unterzeichner - die Zustimmung der Gemeinden zum Bau von Windkraft-Anlagen dokumentierten. Anschließend sammelte Holt viel Geld von Konzernen ein, die in die angeblichen Projekte investierten. Seine Eltern, die als Komplizen in dem spektakulären Betrugsfall mitwirkten, werden in der Dokumentation nur am Rande erwähnt.

Wenn man diesen jungen Mann, der immer noch wie ein großkotziger Schnösel wirkt, heute reden hört, fragt man sich: Wie in aller Welt konnten seriöse Energiefirmen nur auf ihn hereinfallen? Einige Hinweise dazu gibt der Film. So illustriert er mit Fotodokumenten, wie Holt 2020 als Sponsor der Münchener Sicherheitskonferenz auftrat und so durch seine Medienpräsenz an der Seite international hochrangiger Politiker - darunter der ehemalige US-Außenminister John Kerry - Seriosität fingieren konnte.

Im Hinblick auf die eigentliche Betrugsmasche zeichnet der Film nach, wie die Errichtung von neuen Windrädern immer schwieriger wurde. Mehr und mehr Bürger protestierten gegen die großflächige Zerstörung weitläufiger Landstriche. In der Folge, so zeigt der Film, schrumpfte die Anzahl der verfügbaren Flächen, auf denen die Anlagen überhaupt noch realisiert werden konnten, zusammen. Die verbleibenden (fiktiven) Windradprojekte, die Holt den Käufern daraufhin anbot, wurden ihm aus der Hand gerissen.

Zeitungen tragen Mitschuld

Offen bleibt die zentrale Frage, welche Energiefirmen im Einzelnen von Holt um welche Beträge betrogen wurden. Im Film kommt kein Vertreter dieser Firmen zu Wort. Auch Sachverständige werden nicht befragt. So bleibt die Frage unbeantwortet, wie große Unternehmen so blauäugig sein konnten, dass sie sich von jemandem wie Holt aufs Kreuz legen ließen. Mit Schuld an dieser Misere, so verdeutlicht der Film, sind große und kleine Zeitungen, die Holts aufgeblasene Pressemitteilungen ungeprüft als redaktionelle Berichterstattung publizierten.

Diese Frage wird im Film angeschnitten, aber nicht in wünschenswerter Weise vertieft. Stattdessen konzentrieren sich Jan Peter und Sandra Naumann auf den Aspekt des Wirtschaftskrimis. Während Holt großmäulig seine Vorgehensweise schildert, kommen ein Kriminalhauptkommissar, zwei Staatsanwälte sowie zwei Journalisten der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zu Wort. Dank der zuweilen an die Methode von Eberhard Fechner erinnernden Montage prallen so unterschiedliche Perspektiven hart aufeinander. Der Kommissar berichtet, der Windkraft-Schwindler habe bei seiner Verhaftung im Jahr 2020 geweint, Holt verneint dies.

Der Affe kriegt Zucker

Zuweilen gelingt es dem Film, hinter die Fassade des selbstverliebten Selbstdarstellers zu blicken. Allerdings bauen die beiden Dokumentaristen auch reichlich Kulissen auf und geben damit dem Affen Zucker: So interviewen sie Holt in einer Luxuslimousine, in einem Privatjet, beim Dinieren in einem Sternelokal und auch auf einem Hochsitz, wo er ein Reh erlegt, das er dann mit dem Jagdmesser ausweidet. Nebenbei spielt er auch noch Bachs Toccata und Fuge in d-Moll auf der Orgel.

Die beiden Dokumentaristen bieten dem Wirtschaftskriminellen eine Bühne, die dieser weidlich nutzt, um seinen Größenwahn zu zelebrieren. Damit versteigen sich zuweilen in einer Hochglanz-Homestory. Wenn etwa Jana Holt ausführlich zu Wort kommt, die den Betrüger während der Untersuchungshaft heiratete und sein Kind zur Welt brachte, während er in Haft saß, dann mutet der Film wie eine Doku von RTLzwei an. Dennoch bleibt man dran, weil immer wieder neue und skurrile Wendungen des Falls offenbart werden.

Schlechte Ausführung

Das eigentliche Problem dieser Gaunerei wird allerdings nur am Rande erwähnt, etwa als einer der ermittelnden Beamten nebenbei über Holt anmerkt: "Der Betrug war kühn - aber die Ausführung war schlecht." Ein schäbiger Aufkleber mit dem Namensschild der Briefkastenfirma war nur mit Tesafilm befestigt. Und so lenkt letztlich Holts grelle Selbstinszenierung von der Frage ab, wie ein derartiger Blender überhaupt Geschäfte in dieser Größenordnung einfädeln konnte.

"Im Grunde", erklärt Holt einmal, "kann ich Windräder nicht leiden. Ich habe auch entsprechend dafür gesorgt, dass die überhaupt nicht gebaut werden." Dann lacht er herzlich. Ähnlich wie in Jan Peters vorangegangenem Projekt "Lubi - Ein Polizist stürzt ab" über einen korrupten Polizisten geht es auch im aktuellen Film um einen Kriminellen, der mit seiner manischen Selbstüberschätzung an der Grenze zur Verrücktheit entlangschrammt. Auch "Holt" stellt die subjektive Weltsicht des obsessiven Betrügers mit inszenatorischen Mitteln aus und changiert so zwischen True Crime und Infotainment: kurzweilig und amüsant, aber kaum hintergründig.

infobox: "Holt - Der Windkraft-Schwindler", Dokumentation, Regie und Buch: Jan Peter, Sandra Naumann, Kamera: Jürgen Rehberg, Produktion: Frisbeefilms, Avanga, Fortis Imaginatio (ARD/SWR, 8.4.26, 22.50-0.20 Uhr, ARD-Mediathek seit 27.3.26)



Zuerst veröffentlicht 08.04.2026 10:10

Manfred Riepe

Schlagworte: Medien, Kritik, Fernsehen, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Dokumentation, Holt, Peter, Naumann, Riepe

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