09.04.2026 08:10
Hörspiel "Mixing Memory & Desire II" von Werner Fritsch
epd Mit "Mixing Memory & Desire" ist dem 1960 geborenen Werner Fritsch eine faszinierende Entwicklungsgeschichte geglückt, und dies aus doppelter Perspektive: aus der Sicht des Heranwachsenden, der Situationen von damals nahebringt, und aus der des erfahrenen Autors, der früh persönliche Grundimpulse entdeckt hat, die fortan seine Biografie durchziehen. Nicht zufällig ist die Rolle des autofiktionalen Ich-Erzählers also doppelt besetzt, diesmal erstmals mit der frischen Stimme von Fritschs Tochter Johanna und der reifen von Sylvester Groth, dazu gibt es manchmal Kommentare des Autors selbst.
Im ersten Teil von "Mixing Memory & Desire" erweist sich eine Kindheitssituation in dem kleinen Ort Wondreb als Schlüsselszene. Sie umreißt die Topografie des heimischen oberpfälzischen Einödhofs, zugleich aber auch die zentrale Lebenslinie Fritschs: "Jenseits des Kirchsteigs auf einem Stein saß ich, blickte auf den Bach, auf eine Wiese und auf die Fichte, die mein Vater für mich gepflanzt hatte ... Für andere, die mich sahen, sprach ich für mich, für mich sprach ich mit Gott …, in der Sprache, die in diesem Augenblick mich, den Stein, mein Herz und Gott erschuf." Was der Junge hier sagt, bekräftigt der bilanzierende Autor: "Nichts anderes ist mein Schreiben bis auf den heutigen Tag."
Nun, in "Mixing Memory & Desire II", sitzt der Ich-Erzähler zu Beginn wieder auf dem Stein und geht seinen Gedanken nach, freilich diesmal in andere Richtung. Er denkt an die Toten der Familie, nicht nur Urgroßmutter und Großtante aus dem Mehrgenerationenhaus, sondern auch jung gestorbene Verwandte. Dazu gehört der als Teenager von Hirntumor erblindete Bruder des Vaters Werner, dem bis zum Tod immer aus der "Odyssee" vorgelesen wurde, und über den der junge Werner sein erstes Buch schreiben will. Jüngst hat der Tod sogar den Vater erwischt, der den kleinen Sohn einst beruhigen wollte mit dem Versprechen: "Wir zwei, wir sterben nie." Wie aber soll er bei dieser Todesquote die Todesangst vergessen?
Die Mutter rät zu Kontakten mit ihrer Helferin Maria, und "Meerstern, wir dich grüßen", eine Klangprobe des Wondreber Kirchenchors, schallt in das Hörspiel. Die wache christliche, aber auch mythologische Vorstellungskraft der Mutter (Angela Winkler), die gerne geheimnisvolle, legendäre Szenarien von Bedrohung, Leiden und Erlösung erzählt, wird eine Sprachquelle für den Autor, barock und kontrastreich. Dreimal kann er die Mutter, die auf den Küchenboden gefallen ist, wieder zum Leben zurückbringen, beim dritten Mal, indem er sie kitzelt und zum Lachen bringt, aus der Tragödie in die Komödie hebt, wie er es nennt.
Aber irgendwann endet auch ihr Leben. "Mutter, wo bist du jetzt?", fragt er sich immer wieder. Vor der existenziellen Perspektive solcher Fragen, das glückt Fritsch im Hörstück, wirken die Erinnerungen an das gemeinsam geteilte Leben noch lebhafter als zuvor.
Die überraschendste Szene des Stücks spielt aber nachts in der Küche. Werner, der vom Tod des Vaters auf dem Traktor geträumt hat, weckt seinen Bruder mit dem Ruf "Rauchen vertreibt die bösen Geister". Die beiden plündern die Zigarettenvorräte des Vaters. Doch als der Vater sich zu ihnen gesellt, beginnt statt des erwarteten Donnerwetters ein behaglicher Abend: "Buben, jetzt wird geraucht." Werner bekommt die Meerschaumpfeife des Urgroßvaters, sein Bruder eine einst vom Pfarrer geschenkte Zigarre aus Kuba. "Wir qualmen und qualmen, wir quasseln und quasseln." Der Vater erzählt den Söhnen, wie er nach dem jähen, gewaltsamen Verlust der Eltern zu rauchen begann. Offensichtlich ist der Vater nun aufgeschlossen, selbst die Gelegenheit zu nutzen, gemeinsam mit den Söhnen diese Initiation zu begehen.
An Allerheiligen 1975, in der letzten Szene des Stücks, ist der 15-jährige Fritsch allein auf dem Hochsitz, den sein Großvater im Wald gebaut hat. Er hat ein Gewehr dabei, kennt sich offenbar aus und plant mal wieder eine Mutprobe, diesmal erstmals ein Tier zu erschießen. Es wird auch das letzte Mal sein. Er erschießt zwei Rehe, mit zwei exakten Schüssen. Doch er ist über sich erschrocken und verstört. "Wie viel lieber würde ich lieben", denkt er. Der Junge "vom Ende der Welt" hat noch viel vor, unter anderem seine eigene Art Welttheater hervorzubringen. André Bretons "Surrealistische Manifeste" hat er schon auf dem Hochsitz dabei.
infobox: "Mixing Memory & Desire II", Hörspiel, Regie und Buch: Werner Fritsch, Komposition: Werner Cee (SWR Kultur, 29.3.26, 18.20-19.15 Uhr und in ARD-Sounds)
Zuerst veröffentlicht 09.04.2026 10:10 Letzte Änderung: 09.04.2026 11:03
Schlagworte: Medien, Kritik, Radio, Kritik.(Radio), KSWR, Hörspiel, Fritsch, Lenz, NEU
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