09.04.2026 13:07
Zum Tod des Schauspielers Mario Adorf
epd "Ich mach disch nieder, Schimmerlos ... Ich mach disch fertig ... Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast." Es war keine große Rolle, die Mario Adorf in der legendären Fernsehserie "Kir Royal" spielte, aber die Sätze, mit denen der unverkennbar aus dem Rheinland stammende Generaldirektor Heinrich Haffenloher dem Klatschreporter Baby Schimmerlos droht, sind unvergesslich. Der Generaldirektor möchte, dass ihm der Reporter ein Entrée in die Welt der Münchner Reichen und Schönen verschafft, er will endlich auch dazugehören.
Wie Adorf diesen Haffenloher spielte, war typisch für ihn: Er trumpfte nicht auf, er zog keine große Show ab. Nein, er war ganz bei sich. Er unterspielte die Rolle fast ein bisschen und erzielte so eine umso größere Wirkung. So bei sich, mit wenigen Gesten, die wirken, konnte man Mario Adorf in vielen Filmen erleben. In der Dokumentation "Es hätte schlimmer kommen können" von Dominik Wessely zitierte der Schauspieler einen Satz des Regisseurs Fritz Kortner, der einem Schauspieler auf die Frage, wie er denn auftreten solle, antwortete: "Treten Sie nicht auf, kommen Sie rein." Diesen Satz hat Adorf verinnerlicht: Er hat keinen Auftritt, er ist einfach da.
Schon Ende der 50er Jahre, als Adorf und Jo Herbst in Rolf Thieles Film "Das Mädchen Rosemarie" die beiden Kleinganoven Horst und Walter gaben, bei denen Rosemarie Nitribitt zu Beginn wohnt, ist er einfach da: kein italienischer Schönling, eher ein kleiner Italiener, etwas gedrungen, schelmisch, ein bisschen tapsig, aber mit einer starken physischen Präsenz. Als Horst und Walter später den neuen Fernseher für Rosemarie in ihre neue Wohnung tragen, die ihr Liebhaber für sie angemietet hat, singen sie laut: "Wir haben den Kanal, wir haben den Kanal noch lange nicht voll" und karikieren so die Gier nach mehr, die die Zeit des Wirtschaftswunders in Deutschland prägte.
Auch 55 Jahre später, in dem hinreißenden Improvisationsfilm "Altersglühen - Speed-Dating für Senioren" von Jan Georg Schütte genügten Adorf wenige, sparsame Gesten, um den schüchternen Witwer Johann zu zeichnen, dem die vielen Gespräche mit den unbekannten Frauen schnell zu viel werden.
"Ich will Schauspieler werden", schrieb er Anfang der 50er Jahre in seine Bewerbung für die Schauspielschule in München. Genommen wurde er, wie er Jahre später erfuhr, weil einem Prüfer beim Vorsprechen zwei Dinge an ihm auffielen: Kraft und Naivität. Diese Naivität, die er sich bewahrt hat, ist es auch, die diesen Star so nahbar wirken lässt.
Der 1930 in Zürich geborene Mario Adorf war einer der vielseitigsten Schauspieler in Deutschland. Das Deutsche Filmmuseum hat nachgezählt: Er hat in exakt 221 Kino- Fernseh- und Serienproduktionen mitgewirkt, den Bösewicht Santer in "Winnetou 1" spielte er ebenso wie den Vater des kleinen Oskar Matzerath in der "Blechtrommel". Legendär waren seine Patriarchen-Rollen in den TV-Mehrteilern von Dieter Wedel, "Der große Bellheim" und "Der Schattenmann". In "Der große Bellheim" verkörperte er den ehemaligen Leiter einer Kaufhauskette, der, als diese in Schwierigkeiten gerät, noch einmal alles auf eine Karte setzt, um sein Lebenswerk zu retten. Seine Mutter, erzählte er in Wesselys Dokumentation, habe sich gefreut, dass er hier "endlich einmal einen Herrn" gespielt habe.
Bekannt gemacht hatte ihn 1957 die Rolle des Massenmörders Bruno in Robert Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam". Kritiker verglichen seine Darstellung immer wieder mit der von Peter Lorre in Fritz Langs "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Später spielte er bei Volker Schlöndorff in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1978) und bei Rainer Werner Fassbinder in "Lola" (1981).
2018 ging schließlich auch der Wunsch in Erfüllung, den Adorf zuvor immer wieder öffentlich geäußert hatte: Er spielte Karl Marx, den er sehr bewunderte, im ZDF-Dokudrama "Karl Marx - Der deutsche Prophet" - mit beeindruckendem Rauschebart.
Bei den vielen Rollen, die Adorf im Fernsehen gespielt hat, ist es erstaunlich, dass er den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises erst im Jahr 2024 erhielt. In der Begründung hieß es, Adorf sei ein einzigartiger Künstler, "der mit seiner immer wieder überwältigenden darstellerischen Kraft die Schauspielkunst im deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus nachhaltig geprägt hat". WDR-Intendant Tom Buhrow sagte damals, er sei ein "Star ohne Allüren" geblieben. "Diese Glaubwürdigkeit, mit der er seine Figuren in Szene setze, macht seine Strahlkraft und seinen großen Erfolg aus." Der Schauspieler konnte die Auszeichnung damals nicht selbst entgegennehmen. Er entschuldigte sich mit den Worten: "Mit 94 darf man auch mal krank sein, oder?"
Er habe, sagte Adorf einmal, viel Glück gehabt in seinem Leben. Aber er habe immer auch gewusst, "dass das Glück keine selbstverständliche Sache ist. Ich war ein Glückssucher. Ich habe es oft gefunden." Er hat die Gelegenheiten ergriffen und viel daraus gemacht.
infobox: Das ZDF ändert sein Programm und zeigt am 9. April um 22.15 Uhr das Porträt "Mario Adorf - Ein Leben". Im ZDF-Streamingportal ist außerdem der erste Teil von "Winnetou" abrufbar. Am 10. April zeigt das ZDF um 0.30 Uhr "Terra X History: Mario Adorf - eine deutsche Filmlegende" sowie am 11. April um 13.40 Uhr die Komödie "Krokodil". Die ARD zeigt am 9. April um 22.50 Uhr "Mario Adorf - Böse Rollen sind die guten Rollen", am 10. April "Der letzte Patriarch" und am 11. April "Einmal Sohn, immer Sohn". Das WDR Fernsehen zeigt am 12. April um 22.45 "Altersglühen - Speed Dating für Senioren".
Zuerst veröffentlicht 09.04.2026 15:07 Letzte Änderung: 09.04.2026 16:36
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Personalien, Adorf, Roether, NEU
zur Startseite von epd medien