"Man muss eine offene Tür finden" - epd medien

10.04.2026 07:00

In der Dokumentation "Tschenobyl 86 - Der Super-GAU" rekonstruiert der Dokumentarfilmer Volker Heise, wie sich die Nachricht von der Katastrophe in der Ukraine ab Ende April 1986 in Europa verbreitete und wie in Deutschland, in der BRD und der DDR, darauf reagiert wurde. Er arbeitete dafür mit Archivmaterial von deutschen, sowjetischen und anderen Sendern. Heise (64) ist einer der profiliertesten deutschen Dokumentarfilmer, bekannt wurde er unter anderem durch die Projekte "24h Berlin", "24h Jerusalem" und "24h Bayern". Diemut Roether sprach mit ihm über die Angst vor der unsichtbaren Bedrohung, getrennte Kommunikationssysteme in Ost und West und sein dokumentarisches Arbeiten.

Ein epd-Interview mit dem Regisseur Volker Heise

Dokumentarfilmregisseur Volker Heise

In Ihrem Dokumentarfilm "Tschernobyl 86 - Der Super-Gau" erzählen Sie, wie sich die Nachricht von der Katastrophe in Tschernobyl in Deutschland verbreitete und wie die Menschen reagierten. Wie kam es zu dem Film? Was war Ihre Ausgangsidee?

Volker Heise: Eigentlich will ich seit 20 Jahren einen Film dazu machen, es war ein einschneidendes Ereignis nicht nur in meinem Leben. Als die Produktionsfirma Film Five mich gefragt hat, ob ich das machen will, habe ich sofort gesagt: Ja, unbedingt. Wir waren uns auch relativ schnell einig, dass wir versuchen werden, ausschließlich mit Originalmaterial zu arbeiten, wie schon bei "Gladbeck". Das schien uns mehr Vorteile als Nachteile zu haben. Ich wollte mich noch einmal der Zeit aussetzen, weil ich Parallelen zur Gegenwart vermutet habe.

Niemand hatte anfangs wirkliche Informationen, weil die Sowjetunion das Unglück verheimlicht hat.

"Tschernobyl", also der Super-Gau, ereignete sich am 26. April, aber die Folgen dauerten ja über Tage und Wochen an, auch in Deutschland. Erinnern Sie sich daran, wie und wann Sie zum ersten Mal von diesem Störfall gehört haben?

Ja, das war am 28. April, ein wunderschöner Tag. Ich war in West-Berlin. Der Himmel war blau, es war für April sehr warm. Ich war mit Freunden Bootfahren auf dem Wannsee, wir hatten alle unsere T-Shirts ausgezogen und lagen in der Sonne auf dem Boot. Abends kam ich nach Hause und habe im Radio von einem GAU in der Sowjetunion gehört. Ich hatte damals keinen Fernseher. Es war ein Ereignis, das es noch nie gegeben hat, das sofort Fantasien ausgelöst hat. Bei allen. Mal mehr, mal weniger schlimme Fantasien. Angst vor dem Unbekannten. Was ist das? Was macht das mit dir? Was macht das mit deiner Umwelt? Die unsichtbare Bedrohung.

Wissen Sie noch, was Sie damals gemacht haben, um sich zu informieren oder um Vorsorge zu treffen?

Es gab nur Radio, Zeitungen und Fernsehen. Niemand hatte anfangs wirkliche Informationen, weil die Sowjetunion das Unglück verheimlicht hat. Die Versuche vom westdeutschen Innenminister Friedrich Zimmermann, die Menschen zu beruhigen, wirkten eher hilflos und zum Scheitern verurteilt. Das beflügelt die Fantasie noch mehr: Wenn man uns im Unklaren über das Ereignis lässt, dann muss es schlimm sein. Und wenn die Regierung sagt, es ist nicht so schlimm, aber zwei Tage später vor dem Verzehr von Salat warnt, dann muss es noch schlimmer sein. Dann kam die Angst vor der radioaktiven Wolke und dem Regen. Viele Freunde sind abgehauen, gerade junge Mütter mit ihren Kindern.

Das fühlte sich wie Betrug an.

Wo sind die jungen Mütter hin?

Zwei sind auf die Kanarischen Inseln geflogen, weil sie dachten, da kommt die Wolke nicht hin. Ich glaube, jede Regierung muss sich fürchten vor dem Moment, in dem die Mütter sich gegen sie stellen. Ich war damals auch in Wackersdorf, um zu demonstrieren. Es hieß immer, von Politikern und Wissenschaftlern, ein Super-GAU passiert nie, höchstens in einer Million Jahren. Und aus einer Million Jahren wurden dann 30 Jahre. Das fühlte sich wie Betrug an.

Haben Sie damals Tagebuch geführt oder sind das Erinnerungen?

Kein Tagebuch, nur Erinnerungen.

Sie erinnern sich aber nicht an Fernsehbilder, denn Sie hatten ja keinen Fernseher. Waren die Bilder, die Sie jetzt gesehen haben, für den Film, neu für Sie?

Ja und nein. Damals habe ich sie nicht gesehen, aber ich kenne natürlich Filme, die über Tschernobyl gemacht wurden. Und ich habe Bilder gesehen, die erst jetzt aufgetaucht sind oder einen neuen Kontext ergeben.

Es war eine sehr mühselige Suche.

Wie sind Sie vorgegangen bei der Materialsammlung? Wo haben Sie die Bilder herbekommen?

Die Archivrecherche machen heute hoch spezialisierte Kolleginnen, Archive-Producer, deren Expertise auf diesem Feld weit über meine hinausgeht. Mit denen redet man und sagt, woran man denkt oder was gut wäre für den Film. Wir waren natürlich sehr gespannt auf Material aus der Ukraine.

Woher kamen die Bilder aus der Ukraine?

Das war damals vor allem das sowjetische Fernsehen. Das Material liegt aber heute zum großen Teil in der Ukraine. Die Archive dort haben uns sehr geholfen, obwohl sie nur eine Stunde Strom hatten am Tag, wegen des Krieges. Anderes Material ist sehr verstreut. Drei, vier Jahre nach Tschernobyl war die Sowjetunion am Ende, das Imperium ist auseinandergebrochen. Es war eine sehr mühselige Suche, weil die Archive auch auseinandergebrochen sind. Es war auch sehr schwer bis unmöglich, nicht-offizielles Filmmaterial aus der DDR zu bekommen.

Man muss viel sammeln und sortieren, um lebendige Szenen zu bekommen.

Wie lange hat die Suche nach dem Material gedauert?

Über ein Jahr. Es gibt einfach zugängliche Archive wie die der ARD. Die haben natürlich auch ihre bürokratischen Hürden, aber man kommt an das Material und es ist sehr zuverlässig. Und es gibt sehr unsichere Quellen. Oft findet man auf Youtube neues Material und versucht, den Ursprung zu finden. Wo könnte das her sein? Gibt es noch mehr? Unser Ehrgeiz war, Material zu finden und es so zusammenzufügen, dass es ein Bild ergibt von der Situation damals.

Von welchen deutschen Sendern stammt das Material?

Von allen Sendern. Man muss hauptsächlich auf Nachrichtenmaterial zurückgreifen. Es wurde nicht dokumentarisch gedreht, es waren eher journalistische Beiträge. Das heißt, Sie haben nicht immer die Originaltöne, die Beiträge werden oft mit dem Kommentar archiviert. Deshalb muss man viel sammeln und sortieren, um lebendige Szenen zu bekommen.

Im Grunde genommen war es ein Beschweigen des Ereignisses.

Sehr interessant sind die Beiträge aus der "Aktuellen Kamera", also vom DDR-Fernsehen. Wenn man Ihren Film sieht, merkt man schnell, wie unterschiedlich die Erzählungen waren in den unterschiedlichen Systemen. In den westdeutschen Nachrichten wurde die Geschichte ganz anders erzählt als in den ostdeutschen Nachrichten.

Tatsächlich hatte ich das zunächst nicht auf dem Schirm. Ich habe ja eine westdeutsche Sozialisation und westdeutsche Erinnerungen. Ich wusste zwar, in der DDR wird Tschernobyl anders erzählt und anders erinnert, und das Material der "Aktuellen Kamera" ist natürlich ein Schatz, aber man muss auch sagen, die haben sehr wenig berichtet. Sehr viel mehr als das, was wir in dem Film haben, gibt es nicht. Im Grunde genommen war es ein Beschweigen des Ereignisses. Sie konnten das aber nicht ganz unter den Tisch fallen lassen, weil es das West-Fernsehen gab.

Sie zeigen Bilder vom 1. Mai in Ost-Berlin, da hat das Thema überhaupt keine Rolle gespielt. Es gibt auch einen Bericht, der zeigt, wie unterschiedlich die Menschen in Ost- und West-Berlin auf die Berichte reagiert haben.

Das ist ein Bericht eines Westkorrespondenten, der beide Seiten sieht und die Diskrepanz zeigt: hier Tschernobyl auf allen Kanälen, da Volkskammerwahlen rund um die Uhr. Es gibt später noch eine Szene auf Hiddensee, wieder Aufnahmen westlicher Medien von einer Ärztin. Bei ihr merkt man, das Thema Tschernobyl ist in seiner Bedrohlichkeit schon bei der ostdeutschen Bevölkerung angekommen, unterhalb der offiziellen Erzählung.

Überraschend waren für mich die getrennten Kommunikationssysteme.

Die Ärztin sagt sinngemäß, das wird im Westen vielleicht ein bisschen übertrieben, bei uns ist es mit Sicherheit untertrieben.

Das war ein zufälliges Fundstück und es hat eine Lücke gefüllt, denn uns war unwohl bei dem Gedanken, nur die "Aktuelle Kamera" würde die allgemeine Stimmung in der DDR zeigen. Deshalb ist dieser Blick der Ärztin wichtig. Er sagt: Bei uns ist das Thema Tschernobyl vielleicht untertrieben - und dann redet sie nicht weiter, weil sie weiß, sie sollte das besser nicht tun.

Sie hatten sich entschieden, alles mit Archivmaterial zu machen. Wahrscheinlich braucht man dann auch einen Abgleich, eine Einordnung von Menschen, die das miterlebt haben. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Ausschnitte aus der Bundestagsdebatte zu Tschernobyl. Haben Sie aus den Bildern etwas Neues über die Zeit damals gelernt?

Überraschend waren für mich tatsächlich diese getrennten Kommunikationssysteme. Wie die Informationen und Narrative explodiert sind im Westen. Es hatte hysterische Züge. Und auf der anderen Seite das Schweigen in der DDR. Erich Honecker hat dazu nie was gesagt. In der Sowjetunion wurde zuerst geschwiegen, dann hat man versucht, eine Heldengeschichte zu schreiben. Das waren die verschiedenen Arten, Narrative zu etablieren oder Gegennarrative zu bilden.

Bei den Zeitzeugen halte ich mich an einen Spruch der Historiker: Sie sind unsere größten Feinde. Erinnerungen sind immer gefärbt und bearbeitet. Darum ist die Arbeit mit dem Material oder mit den Trümmern, die die Geschichte hinterlassen hat, für mich der Königsweg, um sie erzählen zu können.

Wie gehen Menschen mit Krisen um?

Michail Gorbatschow war damals, 1986, gerade ein Jahr an der Macht. Zunächst gab es aber kaum Transparenz, erst zehn Tage nach dem Unglück oder noch später begann man auch in der Sowjetunion, transparenter zu werden.

Nach neun Tagen gab es eine Pressekonferenz in Moskau, achtzehn Tage später hat Gorbatschow eine Fernsehansprache gehalten und gesagt: Ein fürchterlicher Unfall, aber Atomkraft muss es weiter geben. Das war Konsens bei den Regierungen in Ost und West - und ein Grund für uns, diesen Film zu machen: Da ist eine Technik, und Technik beinhaltet immer die eigene Fehlbarkeit, damals und heute.

Meinen Sie Künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz, das Internet, soziale Medien. Neue Techniken machen etwas mit uns, sie verändern unsere Situation, unser Leben. Zuerst ein Gefühl der Euphorie, da ist etwas Neues, das macht alles einfacher - saubere Energie, unendliche Information - und gleichzeitig das Unbehagen: Was ist, wenn es schiefgeht? Die andere Parallele ist: Wie gehen Menschen mit Krisen um? Mit Schocks, die die Gesellschaft erschüttern? Die unseren Alltag verändern? Das hatten wir zuletzt bei Corona. Da explodieren die Narrative. Man sieht auch, dass sich in offenen Gesellschaften Diskurse gar nicht kontrollieren lassen. Da wachsen die Narrative wie Pilze aus dem Boden. In autoritären Systemen können Medien dagegen eine wesentliche Rolle nicht übernehmen: Die Antennen der Gesellschaft zu sein.

Eine unsichtbare Gefahr ist das Unheimlichste.

Sie sagen, im Westen sei die Information quasi explodiert, aber es gab im Grunde keine Informationen. Das war ja das Problem. Man wusste nicht, was wirklich passiert ist und was das für Auswirkungen hat. Es wurde viel spekuliert und man konnte im Grunde nichts zeigen. Radioaktivität ist unsichtbar.

Es gibt nur den Geigerzähler.

Über den Sound können Sie es dann quasi hörbar machen. Waren die fehlenden Bilder ein Problem?

Man sieht die Geschichte ja in den Reaktionen. Da ist etwas, wir können es messen, das macht Ausschläge auf irgendwelchen Messgeräten, es macht Geräusche. Aber was bedeutet das? Ich wollte mit dem Film auch diese Unheimlichkeit erzählen, und eine unsichtbare Gefahr ist das Unheimlichste. Man hätte auch einen Wissenschaftler interviewen können oder Zeitzeugen. Das wollte ich aber nicht. Ich wollte noch mal diese Zeit hervorbringen. Diese Zeit der Ungewissheit. Die Dokumentation erzählt auch viel von unserem Alltag, wie wir Menschen weiterleben mit solchen Krisen und Bedrohungen.

Dieses Gefühl der Bedrohung ließ sich nicht einhegen.

Haben Ihnen die Bilder von der Bundestagsdebatte geholfen bei der Einordnung, wie das damals interpretiert und politisch genutzt wurde?

Bundeskanzler Kohl war am Anfang nicht da, der war in Tokio. Also musste der arme Friedrich Zimmermann die Krisenkommunikation irgendwie managen und die Atomkraft verteidigen. Das hat er nicht hingekriegt. Dann ist da Joschka Fischer, der war gerade ein paar Monate als hessischer Umweltminister im Amt, der sieht natürlich seine Chance, der nutzt die Situation politisch, sieht eine good chance für sich und seine Partei. Dann kommt Kohl wieder und versucht, das irgendwie einzuhegen, die Stimme der Vernunft - aber dieses Gefühl der Unsicherheit, der Bedrohung, ließ sich nicht einhegen. Die Bundestagsdebatte zwischen Kohl und Fischer spitzt die Situation zu - bei der Demonstration in Wackersdorf ist die Stimmung explodiert.

Haben Sie mit Experten gesprochen, welche Folgen der radioaktive Fallout in Deutschland tatsächlich hatte? Wurde ein Anstieg von Krebsfällen beobachtet?

Das ist statistisch nicht erfassbar, weder in Deutschland noch in anderen Ländern. Das heißt aber nicht, dass es keine gesundheitlichen Folgen gab. Man braucht sehr viele Daten, um das einwandfrei nachzuweisen. Die gibt es aber nicht. Daraus resultieren wilde Berechnungen - von "Hier ist keinem was passiert" bis zu "ein paar Zehntausend Tote". Die Internationale Atomenergiebehörde spricht insgesamt von 4.000 bis 16.000 Todesfällen, und die IAEO ist eher atomfreundlich. Diese Todesfälle wird es vor allem gegeben haben in der Ukraine und in Weißrussland und natürlich unter den Liquidatoren.

Wir wollten erzählen, wie Gesellschaften damit umgehen, wenn das Undenkbare passiert.

Sie haben schon einige Dokumentationen gemacht, bei denen Sie vorwiegend mit Archivmaterial gearbeitet haben: "Schockwellen - Nachrichten aus der Pandemie" über das erste Corona-Jahr oder "Gladbeck - Das Geiseldrama". Sie haben aber auch Filme gemacht, in denen Sie viel mit Tagebüchern gearbeitet haben wie bei "Berlin 1933" oder "Berlin 1945". Hatten Sie bei diesem Thema auch überlegt, mit Tagebüchern zu arbeiten?

Wir hatten das überlegt, aber wir haben es dann verworfen. Wir haben uns für die pure Form entschieden. Wir wollten nicht nacherzählen, wie Tschernobyl passiert ist, darüber gibt es genug Filme, sondern wir wollten erzählen, wie die Gesellschaften damit umgehen, wenn das Undenkbare passiert.

Diese Befindlichkeiten werden über die sogenannten Vox Pops erzählt, also Interviews mit Menschen auf der Straße.

Das war die große Zeit der Vox Pops. Interessanterweise lässt die Berichterstattung über Tschernobyl bald nach. Am Anfang gibt es sehr viele Berichte aus der Sowjetunion, eine richtige Welle, und dann konzentriert sich die Berichterstattung vor allem auf Deutschland. Das hat seinen Grund natürlich darin, dass man nicht so viele Informationen und Bilder hat. Später wird in der Bundesrepublik kaum noch über Tschernobyl berichtet - und wenn, dann nur noch über die Tschernobyl-Kinder, die nach Deutschland kommen.

Mich hat immer interessiert, wie die Leute leben und gelebt haben.

Sie haben sich als Dokumentarfilmer sehr viel mit Erinnerung beschäftigt und immer wieder versucht, den Alltag der Menschen zu erzählen, zum Beispiel auch in Ihren Großprojekten "24h Berlin", "24h Jerusalem" oder "24h Bayern". Sind Sie so etwas wie der Archivar der Bundesrepublik?

Ich würde mich nicht selbst so sehen, ich bin keine Marke, aber wenn Sie mich so bezeichnen wollen, können Sie das tun. Es fing an mit "Schwarzwaldhaus 1902". Mich hat immer interessiert, wie die Leute leben und gelebt haben und nicht wie die Könige oder die "wichtigen Leute" gelebt haben. Über Thomas Mann gibt es Tonnen Material, aber was ist mit Heinrich Müller? Unsere Erfahrung aus "Schwarzwaldhaus" war, dass es schwer ist, etwas über den Alltag von Bauern um 1900 in einem Schwarzwalddorf zu erfahren. Man hat wenig Quellen. Bei "24h Berlin" haben wir den Spieß umgedreht: Wir haben gesagt, wir erzeugen jetzt die Quellen für die Historiker. Die können sich in 100 Jahren angucken, wie wir gelebt haben und können sich einen Reim drauf machen. Auch in "Berlin 45" hat mich nicht unbedingt interessiert, was Hitler gemacht hat, sondern was Brigitte Eicke gemacht hat.

Die Sekretärin? Über sie wird klar, was da alles gleichzeitig passiert. Sie versucht ein normales Leben zu leben, geht im Februar 1945 noch ins Kino mit ihrem Freund und wenn sie aus dem Kino kommt, muss sie in den Bunker, um sich vor Bomben zu schützen ...

Mir ging es um den Krieg als Zustand, als Alltag, nicht als Ereignis. Ich habe mich erinnert an die Zeit im November '89, als Weltgeschichte passierte vor meiner Haustür. Ich habe direkt an der Mauer gewohnt, von meinem Balkon habe ich auf den Todesstreifen geguckt. Die Mauer fällt und alles wird anders und ich bin Teil der Geschichte, Subjekt und Objekt gleichzeitig. Trotzdem gehe ich jeden Tag weiter zur Arbeit, meine Routine geht weiter, obwohl diese großen Dinge passieren. Geschichte wird am Ende nicht von den hohen Herren gemacht, sondern von den Knechten. Man muss immer auf die Knechte und Mägde gucken. Es gibt ja den schönen Satz: "Ich muss den Leuten folgen, ich bin ihr Anführer."

Geschichte ist in unserer Gegenwart enthalten. Wir sind ihr Ergebnis, wir setzen sie fort.

Sie haben Politologie studiert, nicht Geschichte. Trotzdem beschäftigen Sie sich immer wieder mit historischen Themen. Warum?

Ich habe mich schon im Studium vor allem für politische Geschichte und Geschichte der Politik interessiert. Geschichte ist in unserer Gegenwart enthalten. Wir sind ihr Ergebnis, wir setzen sie fort.

Wenn Sie sich "24h Berlin" jetzt, nach 17 Jahren, noch einmal anschauen, fällt Ihnen dann auf, dass das eine andere Zeit war?

Die Menschen haben damals viel mehr geraucht. Es gibt krasse Veränderungen in der Architektur. Keine Elektroroller auf den Bürgersteigen. Keine Smartphones. Ein anderes Zeitalter.

Manchmal denke, ich dass wir aus diesen Möglichkeiten zu wenig gemacht haben.

Was hat sich noch verändert? Wie hat sich der Alltag verändert?

Die Stadt war damals schon arm, aber das Gefälle war nicht so krass. Der Verkehr ist dichter geworden. Es war immer ein rauer Ton in Berlin, aber er ist ins Aggressive umgeschlagen. Vor den Dreharbeiten von "24h Berlin" habe ich einen Soziologen nach der einfachsten Definition von Stadt gefragt. Seine Antwort: Viele Menschen auf wenig Raum. Die Bevölkerung von Berlin wächst und wächst, die Stadt wird aber nicht größer, und mit dem Mangel wird viel Geld gemacht. Dadurch verändert sich das gesamte Gefüge. Ich habe den Eindruck, dass die Stadt unter ihrem eigenen Gewicht erdrückt wird, weil es so viel zu bewältigen gibt.

Berlin war früher eine Stadt mit vielen Brachflächen, wo viel nicht fertig war. Jetzt hat da eine starke Verdichtung stattgefunden.

In Berlin war immer Platz. Man konnte halbwegs leben, ohne sich verschulden zu müssen. Da war viel Freiheit. Manchmal denke ich, dass wir, meine Generation, aus diesen Möglichkeiten zu wenig gemacht haben. Es gab und gibt wenig Innovation, es wurde nur wenig gewagt, und das ist traurig. Allein die Architektur. Das Stadtschloss ist das bitterste Beispiel.

Im Moment setzen alle sehr auf Sicherheit.

Wäre es Zeit, "24h Berlin" noch einmal zu drehen?

Ich glaube, dass man so ein Projekt heute nicht mehr durchkriegt. Es war eine Zeit, in der Experimente vom Fernsehen nachgefragt wurden, es bewegte sich viel. Im Moment setzen alle sehr auf Sicherheit, nicht nur ARD und ZDF, sondern auch Netflix und alle anderen. Es wird more of the same gemacht, das Gesetz der Algorithmen. Das Sicherheitsbedürfnis schlägt durch. Wenn ich heute zu einer Redaktion sagen würde: Ich will für euch einen Tag lang Programm machen und erzählen, was in einer Stadt 24 Stunden lang passiert, bei den normalen Leuten, keine Prominente, keine Influencer - die würden mich nicht nur schief angucken, die würden mich vom Hof jagen. Für Experimente gibt es wenig Raum. Schon "Tschernobyl 86" ist ein Wagnis.

Warum?

Es ist nicht characterdriven, es gibt keinen Host, niemanden, der einen an die Hand nimmt, es ist das pure Material, aus sich selbst heraus erzählt. Das erfordert eine Hinwendung an den Film, das ist kein Lean-Back-Programm, das kann man nicht so wegkonsumieren, da klingeln die Alarmglocken. Es beruht nicht auf den Erfolgsgeheimnissen anderer dokumentarischer Filme oder Formate. In meinen Augen ist das natürlich eine besondere Stärke des Films und eine hohe Attraktion für das Publikum.

Ich entscheide von Fall zu Fall, in welches Medium ich gehe, mit welchem Stoff.

Sie haben in allen ihren Filmen auf die kollektive Erzählung gesetzt.

Das war noch nie einfach. Im Fall von "24h Berlin" war bei Arte und beim RBB eine Tür offen, durch die wir gehen konnten. Ich habe mich damals gefragt, wie erzählt man heute im Leitmedium Fernsehen eine Großstadt? Daraus entstand die Idee, keinen Film zu machen, sondern ein Programm über den Alltag einer Stadt, in der Form einer seriellen Endloserzählung. Das Format war damals zeitgemäß, eine Verbeugung vor dem seriellen Fernsehen, bevor es seine Vormachtstellung verlor. Heute müsste man ein anderes Format finden.

Wird das Fernsehen für Sie als Medium, um Geschichten zu erzählen, derzeit weniger interessant?

Nein, überhaupt nicht, ich bin gern Regisseur. Aber es gibt Wellen, mit denen man leben muss. Es wird auch wieder anders werden. Dieses permanente More of the same ist irgendwann genug - oder wir ersticken daran. Und ich entscheide von Fall zu Fall, in welches Medium ich gehe, mit welchem Stoff. Ist das ein Buch? Könnte das ein Film werden? Ich habe auch sehr früh schon Podcasts gemacht. Man muss sehen, dass man eine Lücke findet. Eine offene Tür.

Was ist ihr nächstes Projekt?

Kein neues Projekt bisher. Ich habe in den letzten fünf Jahren jedes Jahr einen Film gemacht. Es wird Zeit, mal zwei oder drei Monate durchzuatmen, ohne etwas Neues im Kopf zu haben. Ich will mich umgucken in der Welt: Was kann, was sollte erzählt werden? Historische Stoffe wie Tschernobyl sind ja auch nur interessant, wenn sie etwas über unsere Gegenwart erzählen.

infobox: "Tschernobyl 85 - Der Super-GAU", Dokumentation, Regie und Buch: Volker Heise, Produktion: Film Five GmbH, ARD-Mediathek/RBB/NDR/SWR/BR/MDR/RB/WDR, ab 13.4.26, ARD, 13.4.26, 23-05-0.35 Uhr)

dir



Zuerst veröffentlicht 10.04.2026 09:00 Letzte Änderung: 10.04.2026 09:28

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Interview, Heise, Dokumentation, Tschernobyl, Atomkraft, Roether, NEU

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