Die unsichtbare Bedrohung - epd medien

13.04.2026 08:15

In der Dokumentation "Tschernobyl 86 - Der Super-GAU" hat der Dokumentarfilmer Volker Heise mithilfe von Archivmaterial rekonstruiert, wie damals in der Bundesrepublik und in der DDR über die Katastrophe und ihre Folgen berichtet wurde. Deutlich werden die unterschiedlichen Perspektiven in Ost und West.

In der Bundesrepublik wurden im Mai 1986 wegen des radioaktiven Fallouts nach dem Unglück in Tschernobyl Kinderspielplätze gesperrt

epd Es dauerte fast drei Tage, ehe die sowjetische Nachrichtenagentur Tass im April 1986 die "Havarie in einem ukrainischen Kernkraftwerk" bestätigte. ARD-Korrespondent Peter Bauer gab wenige Stunden später in den "Tagesthemen" freimütig zu, er habe von einem Reaktor in Tschernobyl bis dahin noch nichts gehört. Und Bilder vom Reaktorblock Vier, der durch eine Explosion um 1.23 Uhr am 26. April 1986 zerstört worden war, lagen den Medien noch gar nicht vor. Stattdessen schlug die Stunde der Grafiker, die in den nächsten Tagen mit - heute leicht nostalgisch anmutenden - Animationen über die Ausbreitung der radioaktiven Wolke für Angst und Schrecken sorgten.

Nicht zum ersten Mal nähert sich der Dokumentarfilmer Volker Heise einem historischen Ereignis ausschließlich durch die Montage von Archivmaterial. Wie bei "Gladbeck: Das Geiseldrama" (Netflix) verzichtet er auch in "Tschernobyl 86 - Der Super-Gau" auf jegliche Kommentierung oder Einordnung aus der zeitlichen Distanz. Keine aktuell geführten Interviews mit Zeitzeugen, Wissenschaftlern oder Politikern unterbrechen den Fluss des chronologisch sortierten Materials aus den ersten fünf Monaten nach der Katastrophe.

Grundsätzlich kann man nichts dagegen tun. Es sei denn, man hört auf zu essen.

Der Reiz der unmittelbaren Nähe zu den Ereignissen sorgt für einen gehörigen Sog, der sich wohl auch ohne den bisweilen aufdringlichen Einsatz der Filmmusik eingestellt hätte. Dem Publikum, das sich leicht gruselnd in die 1980er Jahre zurückversetzen lässt, dürfte das Thema gleichzeitig auf gespenstische Weise bekannt vorkommen, nicht nur wegen der wieder erwachten Ost-West-Konfrontation oder der aktuellen Diskussion um eine Renaissance der Kernkraft.

Denn wie in den Corona-Jahren - Heise machte dazu 2021 den Film "Schockwellen - Nachrichten aus der Pandemie" - wurde die Gesellschaft vor 40 Jahren mit einer unsichtbaren Bedrohung konfrontiert, gegen die es keinen Schutz gab und gibt. "Grundsätzlich kann man nichts dagegen machen, es sei denn, man hört auf zu essen", antwortet ein Umweltingenieur im Frühjahr 1986 trocken auf die Frage eines Fernsehreporters nach den Gesundheitsrisiken kontaminierter Böden und Lebensmittel. Gegen Radioaktivität hilft nicht mal eine Impfung. An das Leiden der Strahlenopfer erinnert Heise mit einigen eindringlichen und nichts beschönigenden Bildern.

Perspektiven aus Ost und West

Die besondere Qualität von Heises Tschernobyl-Montage besteht aber vor allem darin, dass die verschiedenen Perspektiven aus West und Ost ineinander fließen und zwischen den erwartbaren Nachrichtenschnipseln auch unbekannte Archivperlen auftauchen. Zum Beispiel jener TV-Beitrag, bei dem ein Reporter einen bedauernswerten Mitarbeiter des Bezirksamts Wilmersdorf bei einem Rundgang durch einen West-Berliner Bunker gehörig ins Schwitzen bringt und dabei entlarvt, wie kümmerlich für den Schutz der Bevölkerung vorgesorgt wurde.

Eindrucksvoll sind vor allem die in ukrainischen Archiven gehobenen Schätze: Zwei Wochen nach der Katastrophe drehte ein "sowjetischer Sonderkorrespondent" eine Reportage im Unglücksreaktor - und schuf ein einzigartiges, frühes Dokument der Zerstörung. Mit langen Filmausschnitten würdigt Heise außerdem die Arbeiter und Soldaten, die unter Lebensgefahr den Reaktor sicherten und mit einer Schaufel in der Hand den verstrahlten Schutt vom Dach fegten. Denn der in der Bundesrepublik eingekaufte Roboter hatte unter der hohen Strahlenbelastung versagt.

Ein Stück Mediengeschichte

Um technische Details, eine Aufbereitung der Ursachen der Katastrophe oder gar die gegenwärtige Sicherheit der Anlage geht es nicht. Der aktuelle Krieg Russlands gegen die Ukraine wird nicht einmal auf der abschließenden Schrifttafel erwähnt. Heise beschränkt sich auf das Jahr 1986 und die unmittelbaren Folgen insbesondere im noch geteilten Deutschland. Sein Film erzählt auch ein Stück Mediengeschichte, noch ganz ohne die Erregungsbeschleuniger des Internet-Zeitalters, angereichert nur mit ein paar knalligen Boulevard-Schlagzeilen.

Obwohl sich auch Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann ("Es bestand und besteht keine Gefahr für uns") noch elf Tage nach der Katastrophe in Beschwichtigung übt, wird der Unterschied zwischen West und Ost eklatant deutlich: Während in der Bundesrepublik über den Super-GAU und seine Folgen in verschiedenen Formaten berichtet wird, Werner Veigel schließlich in der "Tagesschau" vor dem Verzehr "von heimischem Freilandgemüse" warnt und die Wochenmärkte leer gefegt sind, verbreitet die "Aktuelle Kamera" in der DDR nur die offiziellen Parolen. Und Karl-Eduard Schnitzler beschwert sich im "Schwarzen Kanal" über die angeblich "triumphierende Schadenfreude" in der BRD.

In der Bundesrepublik, wo im Mai 1986 zwischen Polizei und Demonstranten wahre Schlachten vor dem Baustellenzaun der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf tobten und in Hessen Joschka Fischer als grüner Umweltminister im Amt war, erhielt die seit Jahren aktive Anti-Atom-Bewegung durch Tschernobyl weiteren Zulauf. Und in der DDR? Hier zeigt sich eine Schwäche eines rein auf Archivmaterials beruhenden Dokumentarfilms: Da in den Archiven der Staatsmedien keine Berichte über Kritiker der offiziellen Atompolitik zu finden sind, entsteht auch 40 Jahre später der Eindruck, dass es sie nicht gegeben hat.

infobox: "Tschernobyl 86 - Der Super-Gau", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Volker Heise, Produktion: Film Five (ARD/RBB/NDR/SWR/BR/MDR/Radio Bremen/WDR 13.4.26, 23.05-0.35 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 13.04.2026 10:15

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRBB, Dokumentation, Heise, Tschernobyl, Gehringer

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