17.04.2026 07:25
ARD-Dokuserie "Kings of Scam - Wer klickt, verliert"
epd Wie sehen investigative Recherchen aus, die sich auf Streaming-Plattformen behaupten können? Antworten auf diese Frage wollen sechs ARD-Anstalten künftig unter der Marke "team.recherche" geben. Jeden Monat soll eine exklusive Recherche erscheinen, aufbereitet für eine Zielgruppe unter 40. Die Federführung für diese Formate liegt bei BR und SWR, die schon zuvor mit den Recherche-Formaten "Dirty Little Secrets" und "Vollbild" ein jüngeres Publikum ansprachen. Mit der dreiteiligen Dokuserie "Kings of Scam - wer klickt, verliert" haben die Münchener im April den Anfang gemacht. Zwischen Storytelling, Rechercheszenen und Unterhaltung droht allerdings das eigentliche Anliegen unterzugehen.
Das ist schade, denn den Rechercheuren und Datenjournalisten ist es gelungen, einige Akteure aus einem internationalen Ring von Online-Betrügern ausfindig zu machen, allen voran deren Strippenzieher "Darcula". Allein in Deutschland könnte der Schaden, den "Darcula" und das Scammer-Netzwerk verantworten, in die Hunderte Millionen gehen. Weltweit sollen sie in weniger als einem Jahr die Kreditkartendaten von knapp 900.000 Personen abgegriffen haben.
Betrügerische SMS locken die Opfer auf Webseiten, die den Homepages von Paketzustellern, Energieversorgern oder Behörden nachgebildet sind. Das Kalkül: Wer ohnehin gerade auf eine Nachricht zu einem Paket wartet, schöpft auch keinen Verdacht, wenn für eine erneute Paketzustellung eine kleine Gebühr anfällt. Im Alltagsstress sind dann auch die Kreditkartendaten schnell bei der Hand. Das internationale Betrüger-und-Geldwäsche-Netzwerk arbeitet mit der Software "Magic Cat", über die Schätzungen zufolge etwa drei von vier der SMS-Scams abgewickelt werden. Mithilfe von "Magic Cat" imitieren Betrüger per Mausklick authentische Webseiten in aller Welt und können live mitverfolgen, wie die Opfer ihre Daten eintippen.
Der spannende Stoff wird in "Kings of Scam" schnell unübersichtlich. Wohl auch, weil der Erzählbogen auf einer Recherche aufsetzt, die in Wahrheit mehrere Teams nach- und nebeneinander anstrengten. Ende 2023 hat eine norwegische IT-Sicherheitsfirma die Jagd auf "Darcula", den Entwickler der Betrugs-Software "Magic Cat", aufgenommen. Sie hat eine lange Liste von Opfern des Netzwerks zusammengestellt, von denen nicht wenige in Deutschland leben. In "Telegram"-Chats dokumentieren "Darcula" und andere Beteiligte ihr Vorgehen und ihren aufwendigen Lebensstil. Im Frühjahr 2024 griff der norwegische Rundfunk NRK die Recherche auf, im Frühling 2025 kamen die französische Zeitung "Le Monde" und der Bayerische Rundfunk hinzu. Der BR deckte gemeinsam mit NRK auf, dass sich hinter dem Decknamen "Darcula" vermutlich ein 24-jähriger Chinese namens Yucheng C. verbirgt, der in Bangkok lebt.
Die beteiligten Medien veröffentlichten ihre Recherchen bereits im Mai 2025. Die nun nachgelegte BR-Dokuserie "Kings of Scam" bereitet sie für ein deutschsprachiges junges Streaming-Publikum auf. Das Münchener "team.recherche" zeigt, wie die Betrüger hierzulande meist Kasse machen: Sie geben vor, im Auftrag des Paketdienstleisters DHL zu agieren. In Interviews erläutern Fachleute, warum Bürger und Bürgerinnen mit derartigen Betrugsmaschen wohl einen Umgang werden finden müssen: Die deutsche und europäische Strafverfolgung scheint machtlos, Telekommunikations-Dienstleister und Betreiber digitaler Wallets verweisen auf technische und rechtliche Einschränkungen für eine stärkere Kontrolle der Datenflüsse.
All das wäre für ein Publikum über 40 auch relevant, bei dem die Kreditkartendichte vermutlich noch höher ist. Mehr Sichtbarkeit bei der jüngeren Zielgruppe will "team.recherche" den öffentlich-rechtlichen Rechercheabteilungen offenbar vor allem mit einer neuen Aufmachung der Stoffe verschaffen. Das bedeutet zunächst eine starke Aufwertung von Bildern: Statt der üblichen Bilder von Männern mit Aktenkoffern zeigen sie vor einem eigens aufgebautem Büro-Bühnenbild nachgestellte Szenen aus der Recherche. Im Schnitt vermitteln etwa durch das Bild wandernde Haustiere zwischen Handlungsorten.
Ein spannungsgeladener Kontrabass oder der Pophit "Never Ending Story" - einem jüngeren Publikum aus der Netflix-Produktion "Stranger Things" bekannt - erinnern an Fiction-Serien. Vorkenntnisse setzt "Kings of Scam" zudem kaum voraus. Selbst das Thema "Betrug" führen die Autoren mit einem historischen Schnelldurchlauf prominenter Maschen und Betrüger ein.
Die Elemente, mit denen das BR-Team den komplexen Stoff einprägsam und zugänglich gestalten will, bewirken allerdings zu oft das Gegenteil: Die Geschichte wird in einem unübersichtlichen Nebeneinander von Haupt- und Nebenschauplätzen erzählt. Abhilfe schafft auch Host Julia Schweinberger ("Dirty Little Secrets") nicht wirklich, die im Plauderton zwischen Erklärung und witzelndem Metakommentar springt. Mit abschweifenden Beobachtungen, etwa über den Kaffee, der in einem Osloer Büro aus Hähnen läuft, verspielt sie Aufmerksamkeit, statt diese auf den Fortgang der Recherche zu lenken. Auch wegen solcher Nebengleise ist "Kings of Scam" mit 90 Minuten deutlich zu lang geraten.
infobox: "Kings of Scam - Wer klickt, verliert", Dokuserie mit Julia Schweinberger, Regie und Buch: Julia Schweinberger, Lena Walbrunn, Alexander Nabert, Arne Meyer-Fünffinger u.a. (ARD-Mediathek/BR seit 1.4.26, Das Erste, Folge 1 am 1.4.26, 22.50-23.20 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 17.04.2026 09:25 Letzte Änderung: 17.04.2026 09:33
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KBR, Kriminalität, Dokumentation, Schweinberger, Walbrunn, Nabert, Meyer-Fünffinger, Wimmer, NEU
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