Was Kunst vermag - epd medien

21.04.2026 08:10

Es war eine Sensation, als im Jahr 2023 ein Gemälde von Gustav Klimt auftauchte, das jahrzehntelang als verschollen galt. Die Dokumentation "Gustav Klimt - Ein Kunstkrimi" zeichnet die Geschichte des Porträts eines afrikanischen Prinzen nach.

Dokumentation "Gustav Klimt - Ein Kunstkrimi" in der Arte-Mediathek

Detail des Gemäldes "Prinz William Nii Nortey Dowuona" von Gustav Klimt

epd Wer weiß, ob Prinz William Nortey Nii Dowuona außerhalb seiner Heimat Ghana heute noch bekannt wäre, hätte nicht Gustav Klimt den jungen Mann mit dem funkelnden Auge und der bezaubernden Nackenlinie im Jahre 1897 gemalt. Aber wie kamen die beiden zusammen? Und wo? Die Antwort auf die zweite Frage ist klar: in Wien. Dort gab es damals eine Ausstellung nach Art der sogenannten Völkerschauen, auf denen sich das europäische Publikum eine Vorstellung davon bilden sollte, wie die Menschen in Afrika aussehen und wie sie leben.

Dass diese Schauen vor rassistischen Klischees strotzten, ist bekannt und wird heute als Peinlichkeit wahrgenommen. Seinerzeit war das nicht so. Man staunte wirklich und hielt sich als weiße Zivilisation für haushoch überlegen. Klimt jedenfalls traf den ghanaischen Prinzen und malte ihn - nicht nur er, auch sein Kollege Franz Matsch. Es war aller Wahrscheinlichkeit eine Auftragsarbeit.

Wo war das Bild all die Jahre?

Prinz Dowuona strahlt auf diesen Gemälden eine nahezu überirdische Gelassenheit aus und ist von großer Schönheit. Klimt wird seine Freude bei der Arbeit gehabt haben. Aber sein Bild ging in den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts verloren. Bis im Jahre 2023 der auf Klimt spezialisierte Galerist Lui Wienerroither eine Fotografie gezeigt bekam, auf der das Bildnis - augenscheinlich verschmutzt und ohne Rahmen - zu sehen ist: eine Spur! "Once in a lifetime", sagt der Galerist, habe man das Glück, mitzuerleben, dass ein verschollenes Bild wieder auftaucht.

Und hier beginnt der "Kunstkrimi" um Gustav Klimt. Denn Wienerroither ruft seinen Bekannten, den Kunsthistoriker Alfred Weidinger an und berichtet von dem Foto. Der ist elektrisiert, denn er sucht das Bild seit Jahren. Und nimmt jetzt seine Suche nach der Provenienz dieses besonderen Werkes aus Klimts früher Zeit und nach dem Werk selbst wieder auf. "Wo ist es und wo war es all die Jahre?" Das Dokumentarfilm-Duo Judith Döppner und Rudolf Klingohr heftet sich an seine Fersen und dreht einen Film. Es wird spannend.

Darstellung schwarzer Menschen

Anfangs wusste man nicht, dass es sich bei dem Dargestellten um den Prinzen Dowuona handelte, man wusste nicht mal, aus welchem Lande der junge Mann kam. Zunächst hielt man ihn für einen Angehörigen des Volkes der Ashanti, die damals bei der Wiener Ausstellung dabei waren. Aber das war eine falsche Fährte. Die Korrektur erfolgt in Ghana, wo das Klimt-Modell als Angehöriger der Osu identifiziert wird.

Döppner und Klingohr begleiten den Rechercheur Weidinger, bestücken ihren Film aber auch mit Exkursen, zum Beispiel über den Bau der Wiener Ringstraße um 1900 mit dem prachtvollen Burgtheater, das Klimt mit seinem Bruder und dem Kollegen Franz Matsch - die drei bildeten eine Künstler-Compagnie - innen ausgemalt hat.

Die Dokumentarfilmer bauen ferner eine Strecke über die Darstellung schwarzer Menschen in der westlichen Kunst ein, kommentiert von der Historikerin Olivette Otele. Die zeigt uns, wie in der Malerei des 19. Jahrhunderts Schwarze dargestellt wurden: nie im Licht, meist kleiner und ohne unverwechselbare Züge, ganz im Gegensatz zu den weißen Hauptpersonen. Das Porträt des Prinzen ist anders: Es zeigt einen selbstbewussten Mann. Klimt also hat schon weitergedacht.

Großartiges Porträt

Der wunde Punkt in der Dramaturgie dieses "Krimis" ist, dass die Antwort auf die Frage, wo das Bild die ganze Zeit war, erst am Schluss gegeben werden darf, damit die Spannung erhalten bleibt. Aber schon vor der Mitte wird ausführlich gezeigt, wie das Gemälde restauriert, wie der Stempel mit dem Namen des Künstlers freigelegt, wie es mit Infrarot behandelt und geröntgt wird, und wir erfahren, was den Restaurateuren Alexander Storm und Katja Sterflinger zu dem berühmten Porträt und seiner Geschichte einfällt.

Das verschollene Bild ist also schon Objekt der Kamera, bevor der Zuschauer erfahren hat, wie und wo es gefunden wurde. Da es wirklich wunderschön anzusehen ist, hat man auch erst mal nichts dagegen. Aber das Fragezeichen bezüglich seiner jüngeren Geschichte wird immer größer und stört dann doch beim Schaugenuss. Im letzten Drittel wird dann das Geheimnis nach und nach gelüftet. Man versteht, dass das Porträt bei der jüdischen Familie Klein an der Wand hing, die ihr Wiener Palais 1938 beim Einmarsch der Nazis überstürzt verlassen musste. Danach verschwand es. Das Porträt von Franz Matsch hingegen, das den Prinzen en face zeigt, landete in einem Kunstmuseum in Luxemburg.

Ganz am Schluss, wie es sich für einen Krimi gehört, wird offenbar, wer der Übeltäter war. Die Familie Klein beauftragte einst einen gewissen Fedor West, einen ungarischen Lebemann, mit der Rettung des Gemäldes. Der schaffte es in seine Heimat, versteckte es dort und gab es nicht zurück. Inzwischen ist er verstorben, nun beansprucht der ungarische Staat den Besitz für sich. Warum aber das Porträt des Prinzen kürzlich doch auf einer Ausstellung in Wien gezeigt werden konnte, wird nicht ganz klar. Fest steht: Die Kämpfe um diesen sehr besonderen Klimt gehen weiter. Der "Kunstkrimi" ist, obwohl er Fragen offen lässt, sehenswert, schon wegen des großartigen Porträts. Und weil er zeigt, was Kunst alles in Bewegung zu setzen vermag.

infobox: "Gustav Klimt - Ein Kunstkrimi", Dokumentation, Regie und Buch: Judith Döppner, Rudolf Klingohr, Kamera: Gabriel Kraganek, Maximilian Schmoliner, Ferdinand Steininger, Produktion: Interspot Film (Arte/ORF/ZDF 8.4.26, 21.45-22.35 Uhr, in der Arte-Mediathek bis 6.7.26)



Zuerst veröffentlicht 21.04.2026 10:10 Letzte Änderung: 21.04.2026 10:34

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KORF, KZDF, Dokumentation, Klimt, Sichtermann, Döppner, Klingohr, NEU

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