Lehrstück über Kunst und Propaganda - epd medien

23.04.2026 08:09

Sebastian Stern hat aus Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" über den Regisseur G. W. Pabst eine 200 Minuten lange Hörspielserie gemacht. In der atmosphärisch dichten Inszenierung verkörpert Thomas Loibl den Regisseur, der sich vom Nazi-Regime umgarnen ließ.

Hörspiel "Lichtspiel" nach dem Roman von Daniel Kehlmann

Die Hörspielserie "Lichtspiel" nach Daniel Kehlmanns Roman steht auch in der ARD-Audiothek

epd Wer heute über freie Kunstausübung in Deutschland redet, kommt ohne den Zusatz "in diesen Zeiten" kaum aus. Rat und Mahnung verspricht der Blick zurück zur Weimarer Republik. "Die Zeiten sind immer seltsam", spricht da der Regisseur G.W. Pabst (1885-1967), so jedenfalls legte es ihm der Schriftsteller Daniel Kehlmann in seinem 2023 erschienenen Roman "Lichtspiel" in den Mund. Kunst, so Kehlmanns Protagonist, sei "immer unnötig, wenn sie entsteht". Erst später, wenn man zurückblicke, sei sie "das Einzige, was wichtig war".

Natürlich taugen solche Sätze angesichts rechter Disziplinierungs-Träume im Kulturbereich als Mahnung an uns Heutige. Aber ebenso - das ist Kehlmanns Ironie - rechtfertigt der Autor damit auch seine eigene Arbeit und Pabst seine eigene Inkonsequenz: Weil es nämlich mit der Flucht nach Amerika wegen des Kriegsausbruchs 1939 nicht mehr rechtzeitig geklappt hat, lässt sich der für "Die freudlose Gasse" (1925, mit Greta Garbo) oder "Die Büchse der Pandora" (1929, mit Louise Brooks) berühmt gewordene Kinopionier vom Naziregime zuerst umgarnen - "Deutschland braucht Sie!" - und dann massiv einschüchtern. Bis er sich nach Kehlmanns Darstellung beugt.

Genehme Filmbiografien

Thomas Loibl leiht G.W. Pabst in der vierteiligen, 200 Minuten langen Hörspielserie nach Kehlmanns Roman unter der Regie des Film- und Hörspielregisseurs Sebastian Stern seine wandlungsfähige und dennoch unverkennbare, fast gesanglich modulierte Stimme. Wackelig und trotzig zugleich klingt er, wenn er über seine Filmkunst spricht, wie ein Kind, das im Keller laut vor sich hersagt, dass es keine Gespenster gibt. Wenn ihm bald doch die Angst über die Schultern kriecht und sich in den Nacken setzt, macht Loibl auch das hörbar: das Belastete, Gehetzte. Sei es, dass die neuen Machthaber ihre manipulativen Techniken schon durch schiere Raumgröße anwenden, um im Hall der großen Distanz Pabsts Selbstachtung schrumpfen und implodieren zu lassen. Oder sei es im engen Zugabteil, wo Koffer und Leben von A nach B gerettet werden müssen, während sich draußen, am Bahnsteig gegenüber, das Grauen abspielt.

Es ist das Drama zwischen einem sich selbst fremd werdenden Inneren und einem bis ins Surreale gesteigerten bedrohlichen Außen. Pabst bleibt, dreht genehme Filmbiografien über deutsche Helden, darunter "Paracelsus" (1942), und gegen Kriegsende unter dem Titel "Der Fall Molander" in Prag die Verfilmung des Bestsellers "Die Sternengeige". Die Filmrollen von "Der Fall Molander" gingen jedoch verloren und sind bis heute verschollen, die genauen Umstände der Dreharbeiten sind unbekannt.

Vermischung von Fakten und Fiktion

Kehlmann erfindet eine plausibel klingende Geschichte sowie eine zurückblickende Rahmenhandlung. Sebastian Stern verleiht allen erzählerischen Schichten eine atmosphärisch sorgfältig gearbeitete, oft slapstickhaft verdichtete Glaubwürdigkeit: Warum soll es nicht genau so gewesen sein?

Die Frage, was Kunst riskieren kann, soll und darf, entzündete sich auch an Daniel Kehlmanns Roman selbst, der Fakten und Fiktion vermischt. So erfand er auch einen Sohn, der Nationalsozialist wird, und suggerierte den Einsatz von KZ-Häftlingen bei den Dreharbeiten zum "Fall Molander". Inzwischen ist in neueren Druckauflagen vermerkt, dass dieser Punkt eine literarische Erfindung ist.

Stern greift die schnelle, filmisch anmutende Montage der Romanvorlage auf und erschafft beklemmende Momente der Ausweglosigkeit, etwa wenn Pabsts Gattin (Aenne Schwarz) in einen Lesezirkel von Frauen hochrangiger Nazigrößen genötigt wird. Wie es sich anfühlt, wenn freie Meinungsäußerung nur dann gestattet ist, wenn sie für völkischen Kitsch brennt, wird zur geradezu körperlichen Erfahrung.

Der angemessene Ton

Markus Lehmann-Horns Komposition, eingespielt vom Leopold-Mozart-Quartett, schmiegt sich zwischen progressivem Jazz, Wiener Kaffeehaus-Seligkeit und barocker Düsternis den irrwitzigen Synchronizitäten jener vernichtungswütigen Epoche an.

Pabst kam vom Stummfilm, meisterte erfolgreich den Übergang zum Ton und war Kehlmann zufolge jemand, der vom Beleuchter bis zur Diva jeden jeweils in dem ihm angemessenen Ton anzusprechen wusste, um ihm sein Bestes zu entlocken. Auch er wusste zu bekommen, was er wollte. Weil das Hörspiel als Medium nötigt, auf Tonlagen und Klangschichten zu achten und sich daraus selbst ein Bild zu machen, entfaltet dieses Lehrstück über Kunst und Propaganda so eine vielleicht sogar zeitgemäßere Dringlichkeit als das Buch oder ein Lichtspiel.

infobox: "Lichtspiel", vierteilige Hörspielserie nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmanns, Bearbeitung und Regie: Sebastian Stern, Komposition: Markus Lehmann-Horn (DLF, 11. und 18.4.26, 20.05-22.00 Uhr und in der Deutschlandradio-Audiothek)



Zuerst veröffentlicht 23.04.2026 10:09

Cosima Lutz

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDLF, Hörspiel, Lichtspiel, Kehlmann, Stern, Lutz

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