23.04.2026 08:20
Aus der Grimme-Jury Fiktion
epd Der Jahrgang 2025 ist keiner, der in der Fernseh-Fiktion das Prädikat "ausgezeichnet" für sich beanspruchen kann. Bereits die Nominierungskommission hatte Leerstellen ausgemacht und das Fehlen einer thematischen Vielfalt im fiktionalen Erzählen moniert: zu wenig Geschichten über gesellschaftliche Bruchlinien, zu wenig Erzählungen über unterschiedliche Lebensrealitäten und Krisen.
Folgerichtig schöpfte die Kommission das Kontingent der möglichen Nominierungen nicht ganz aus, allerdings schlug sie immer noch die vergleichsweise hohe Zahl von 18 Einzelproduktionen, Mehrteilern und Serien für einen Preis vor. Hinzu kamen zwei Spezial-Nominierungen. Insgesamt hätte die Zahl nach Ansicht der Jury Fiktion niedriger sein dürfen. In einer leicht paradoxen Intervention nominierte sie selbst die ZDF-Anthologieserie "I am the Greatest" nach, die aber im weiteren Verlauf der Preisfindung keine Rolle spielte.
Am Beginn der langen Sichtungswoche standen die beiden Spezial-Nominierungen, die sich somit der frischen Aufmerksamkeit der Jurorinnen und Juroren sicher sein konnten. Doch weder Jördis Triebel, die für ihre Hauptrolle in der ARD-Serie "Marzahn, mon amour" nominiert war, noch Jakub Bejnarowicz (Kamera), Jiri Matura (Szenenbild) und Sabine Keller (Kostüm), die an der Serie "Nachts im Paradies" (MagentaTV/Canal+) mitgewirkt hatten, konnten vom guten Startplatz profitieren.
Einen Start-Ziel-Sieg verbuchte hingegen "Die Affäre Cum-Ex". Die Koproduktion des ZDF mit dem dänischen Partner DR bietet nach Ansicht der Jury alles, was von einer modernen Serie erwartet werden kann. Sie verhandelt die Frage, ob der Staat überhaupt noch eine Chance gegen internationale Wirtschafts- und Finanzkriminalität hat, mit großer Präzision und zugleich mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die Serie, die einen großen Zeitbogen von mehr als 15 Jahren umspannt, macht wütend, moralisiert aber nicht. Sie zielt eher auf den Kopf als auf das Herz.
Grimme-Preise also für Autor Jan Schomburg sowie die Regisseure Dustin Loose und Kaspar Munk. Und da ein solches Projekt nicht ohne hervorragende Schauspieler funktioniert, werden stellvertretend für das Ensemble auch Nils Strunk als vom Bösen verführter Wirtschaftsanwalt und Karen-Lise Mynster als engagierte dänische Finanzbeamtin ausgezeichnet - was in keiner Weise die Leistung des großartigen Justus von Dohnányi schmälern soll, der die zentrale Figur des Anwalts Bernd Hausner spielt.
"Die Affäre Cum-Ex" gehörte nach Ansicht der Jury zu den sehr wenigen nominierten Lichtblicken, die dezidiert ein virulentes politisches Problemfeld der Gegenwart bearbeiten. Autokratische Tendenzen, Kriege, Klimakatastrophen, Pandemien? Fehlanzeige. Was zum Teil daran liegen dürfte, dass diese Themen eher im globalen Kontext zu sehen sind. Doch etwas mehr Mut, erzählerische Ansätze zu diesen Themen auch für ein deutsches Fernsehpublikum zu finden, wäre schon wünschenswert. Und das nicht nur bei ARD und ZDF, sondern auch bei den - in diesem Jahr sehr schwach bei den Nominierungen vertretenen - Streamingdiensten.
Auch das Thema des erstarkenden Rechtsradikalismus, das in Talkshows und Magazinen stark präsent ist, war in der Fiktion kaum wahrnehmbar. Lediglich "Die Nichte des Polizisten" (ARD/SWR/NDR) beleuchtet dies ansatzweise im Rahmen eines Polizei-Genrefilms mit. Basierend auf dem Fall der Polizistin Michelle Kiesewetter, die 2007 mutmaßlich im Auftrag der Terrororganisation "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) ermordet wurde, liefert der Film furiose Einblicke in das Innenleben einer Polizei-Sondereinheit, schildert den physischen und psychischen Druck auf die jungen Menschen in einer selten gesehenen atmosphärischen Dichte.
Über die private Verbindung der - moralisch integren - Hauptfigur Rebecca nach Thüringen deutet der Film ein bedrohliches Netz aus rechtsradikalen Aktivisten an, das bis in hohe Polizeikreise reicht. Die 28-jährige Magdalena Laubisch, die Rebecca spielt, erhält stellvertretend für das Ensemble den Grimme-Preis, ebenso wie die Autoren Rolf Basedow, Nicole Armbruster und Gabriela Sperl. Zudem werden Bildgestalter Clemens Baumeister und Regisseur Dustin Loose ausgezeichnet. Loose schafft damit das Kunststück, in einem Jahrgang zweimal für eine Inszenierung geehrt zu werden.
Es gab unter den nominierten Produktionen zwar noch einige, die im weiteren Sinne Schlaglichter auf gesellschaftspolitische Realitäten setzten. Die Fernsehfilme "Alle die du bist" (ZDF) und "Rohbau" (ARD/Arte/ARD/SWR/BR) versuchten es mit dem Thema Arbeitswelt, blickten in eine Bergbaumaschinenfirma im Kölner Umland und auf eine Großbaustelle in Mannheim. Doch nach Ansicht der Jury gelang in beiden Fällen die Verknüpfung privater Schicksale mit den Mechanismen potenziell ausbeuterischer Arbeit nicht richtig; insbesondere bei "Rohbau" wurde kritisiert, dass das gesellschaftskritische Potenzial regelrecht verschenkt werde.
Der Fernsehfilm "Bis es blutet" (ZDF/Arte) wiederum will eine Art Schlüsselfilm über den früheren "Bild"-Chef Julian Reichelt und die neue Macht rechtsgerichteter Internetportale sein. Auch wenn Thomas Loibl den Habitus von Reichelt ziemlich gekonnt nachbildet - der Film erzählt dann doch wenig über die Gegenwart, weil er Boulevardjournalismus sehr unterkomplex mit dem "Witwenschütteln" aus der "Bild"-Ära vor Kai Diekmann assoziiert. "Ich fühle mich als Journalist von dem Film beleidigt", konstatierte ein Juror.
"Krank Berlin", eine Serie von ZDF und Apple TV+ mit komplizierter Produktionsgeschichte, wurde von der Jury grundsätzlich als guter Versuch bewertet, ein gesellschaftlich relevantes Thema - die Mangelverwaltung im Gesundheitswesen - in Form einer spannungsgetriebenen Unterhaltungsserie aufzubereiten. Doch wirkten die Figuren auf viele zu konstruiert, ermüdete die ausgestellte Atemlosigkeit zu sehr. "Krassheit wird zur Masche", lautete ein Urteil. Immerhin konnte sich "Krank Berlin" den Preis der Studierendenjury sichern, die in diesem Jahr die Fiktions-Produktionen zu begutachten hatte.
Wie immer bei Grimme gab es auch Werke, die Politisches über Historisches zu vermitteln suchten. Herausstechend war dabei RP Kahls "Die Ermittlung" (ARD/Arte/BR/WDR) nach den Originalakten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Das vierstündige Werk ist eigentlich eine Kino-Koproduktion, wurde bei Grimme aber in der ARD-Mediathek-Ausspielungsform als elfteilige Serie eingereicht. Das führte in der Jury zu der Diskussion, ob hier die augenscheinliche Absicht der ARD zu loben sei, Auschwitz für ein junges Serienpublikum mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne zugänglich zu machen, oder ob eher ein ärgerlicher PR-Stunt vorliege.
Die Tendenz ging zu einer kritischen Bewertung, zu der auch Werbemaßnahmen wie die sinnfreie Bezeichnung "Staffel eins der Serie" in der ARD-Mediathek beitrugen. In der Sache bemängelt wurde zudem die fehlende spezifische Adaptionsleistung auf der Basis des 60 Jahre alten Theatertextes von Peter Weiss. Im Schulunterricht künftiger Generationen wird "Die Ermittlung" aber auch wegen der außergewöhnlichen Schauspielerleistungen ihren Platz haben.
Der ZDF-Zweiteiler "Sturm kommt auf" nach dem Roman von Oskar Maria Graf spaltete die Jury. Die Geschichte vom heraufziehenden Faschismus in einem bayerischen Dorf zwischen 1918 und 1933 sei von Matti Geschonneck hervorragend inszeniert, argumentierten Befürworter. Sie lobten auch, dass das Thema Geld - das unter den Dorfbewohnern eine große Rolle spielt - eine hohe Aktualität habe. Kritiker störten sich hingegen an der sehr klassischen, auch als altbacken bezeichneten Machart, die vor allem im ersten Teil zu sehen sei. Geschonneck inszeniere wie vor 25 Jahren. Ein Juror sah gar einen "Fascho-Bauernstadl", der letztlich das Thema verfehle.
Die Kino-Koproduktion "Luise" (ARD/BR/Arte), die kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs auf dem Hof einer jungen Bäuerin im Elsass spielt, gefiel im Ansatz als Versuchsanordnung für eine Emanzipationsgeschichte. Die Bildgestaltung wurde als durchdacht gelobt ("Man geht durch Gemälde"), allerdings bleiben die Figuren nach Ansicht mehrerer Juroren schemenhaft, wie hinter einer Wand oder "wie in einem Aquarium". Zudem wirke die Erzählung auf sehr deutsche Weise bleischwer.
Als mittlere Enttäuschung wurde "Rosenthal" (ZDF) gewertet. Der Fernsehfilm erzählt, wie ZDF-Showmaster Hans Rosenthal 1978 am 40. Jahrestag der November-Progrome "Dalli Dalli" im ZDF moderieren soll - und wie er dagegen aufbegehrt. Doch der angestrebten Wirkung stehen das schablonenartige Drehbuch und die biedere Inszenierung im Weg, erst zum Ende hin gewinnt die Erzählung an Konzentration und entwickelt einen Sog. "Ein Film wie eine Museumsinstallation", hieß es. Ob Florian Lukas in der Hauptrolle des Hans Rosenthal grandios ist oder eher bemüht, wurde unterschiedlich beurteilt.
Die Krimiserie "Spuren" (ARD/SWR), die auf dem Sachbuch "Soko Erle" von Walter Roth basiert, hatte in der Jury einige Befürworter. Diese lobten, dass die Aufklärung zweier ähnlich gelagerter Morde hier nicht mit den fernsehtypischen dramaturgischen Verkürzungen dargestellt werde. Es dauere nun mal sehr lange, Funkzellen auszuwerten. Als angenehm normal wurden die Ermittler (gespielt von Nina Kunzendorf und Tilman Strauß) bewertet. Gegen die von Stefan Krohmer inszenierte Produktion wurde eingewandt, dass der erzählerische Ansatz nicht wirklich neu sei und die Musik zu den Spannungshöhepunkten sehr aufdringlich sei. Das Element der mitermittelnden Dorfbevölkerung sei eigenartig und nicht richtig motiviert.
Mehr überzeugen konnte der "Tatort: Dunkelheit" (ARD/Degeto/HR), der den ersten Fall des neuen Frankfurter Teams Hamza Kulina (Edin Hasanovic) und Maryam Azadi (Melika Foroutan) erzählt. Er richtet den Blick nicht auf einen faszinierenden Mörder, sondern auf die Opfer und deren Angehörige, die mit ihrem Schmerz und ihrer Wut zurückbleiben. Der Cold-Case-Fall, der auf realen Gewalttaten des "Hessen-Rippers" basiert, liefert damit einen überfälligen Perspektivenwechsel. Neben dem klug konstruierten Drehbuch und der feinfühligen Regie tragen auch das grandiose Schauspiel in den Hauptrollen zum überaus positiven Gesamteindruck bei - kleine Schwächen wie die recht klischeehaft böse Vorgesetzte konnten außer Betracht bleiben.
Regisseur Stefan Schaller, der bereits 2022 für den "Polizeiruf: Sabine" einen Grimme-Preis erhielt, darf sich also erneut über die Trophäe freuen. Ähnliches gilt für Edin Hasanovic, der 2020 mit der Serie "Skylines" erfolgreich war. Zudem werden Melika Foroutan und die Autoren Senad Halilbasic und Erol Yesilkaya, die das Drehbuch zusammen mit Stefan Schaller verfassten, mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet.
Zu lachen gab es - das ist typisch für die traditionell schwermütigen Grimme-Fiktionswochen - nicht viel. Die Nominierungskommission hatte die Joyn-Serie "Frier und Fünfzig" mit Annette Frier als Annette Frier vorgeschlagen, doch in der Jury mochte sich niemand für die als sehr platt empfundene "Menopausen-Keule" erwärmen.
Amüsanter, wenn auch ohne Chancen auf einen Grimme-Preis, war die in einer Berliner Schauspiel-Agentur spielende Disney-Serie "Call My Agent Berlin" (Disney+), die auf einem französischen Original basiert. Der tolle Cast um Lukas Gregorowicz und die flotte Erzählweise konnten aber nach Ansicht einer Mehrheit der Jury nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gezeigte insgesamt etwas zu wenig relevant bleibt. Ein gut unterhaltender Zirkus der Eitelkeiten in einer alten Welt von Glanz und Glamour, immerhin darauf konnte man sich einigen.
Für viele überraschend schob sich am Ende der Sitzungswoche die ZDF-Serie "Tschappel" auf einen Favoritenplatz vor. Sie spielt in der schwäbischen Provinz und erzählt Episoden aus dem Leben des Abiturienten Carlo Brenner (Jeremias Meyer), der als eben jener "Tschappel" - was einen gutmütigen Trottel meint - mit zwei besten Freunden durch eine enge Welt stolpert. Mit tollem Timing sowie durchgehend dynamisch und experimentierfreudig behandelt die Serie das Thema Ziellosigkeit, sie ist charmant, lustig und leichtfüßig. Grimme-Preis daher für Marius Beck (Buch), Marc Philip Ginolas (Buch und Regie), Carly Coco (Regie) - und natürlich für die Darsteller Sebastian Doppelbauer, Jeremias Meyer und David Ali Rashed.
Mit "Naked" (ARD/WDR) und "Chabos" (ZDF) waren zwei weitere interessante Serien im Programm, die aber größere Teil der Jury nicht überzeugen konnten. "Naked" thematisiert Sexsucht und Co-Abhängigkeit am Beispiel einer zunehmend toxischen Beziehung zweier Thirtysomethings. Anzahl und Intensität der Sexszenen sind für eine TV-Produktion zweifellos beachtlich, und auch den Vorwurf des Voyeurismus kann man der Serie nicht machen. Doch das Drehbuch mäandert zu stark zwischen einer Light-Version von "9 1/2 Wochen" und öffentlich-rechtlichem Problemfilm samt bekannten Figurenklischees.
Die Dramedy-Serie "Chabos" wiederum will die Jugendkultur der 2000er Jahre anhand einer Freundesclique im Ruhrgebiet darstellen, dabei spielt insbesondere das sogenannte Sommermärchen um die Fußball-WM 2006 in Deutschland eine große Rolle. Doch der Hauptcharakter Peppi - der in der Gegenwart herausfinden will, warum er nicht zu einem Klassentreffen eingeladen wurde - ist weder sympathisch noch sonderlich reflektiert, auch wenn er ständig beim Räsonieren im Auto gezeigt wird. Auch die anderen Charaktere sind nach Ansicht der Jury nicht interessant genug entwickelt. Zudem wurde infrage gestellt, ob die gezeigten Erfahrungen wirklich repräsentativ für die Generation der Millennials sind.
Einen Spezial-Preis in der Kategorie Fiktion konnte sich "Unterwegs im Namen der Kaiserin" sichern - "für die zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes durch eine radikale Ästhetik". Das Kleine Fernsehspiel des ZDF erzählt von dem Trio Romy, Karlheinz und Magda Gustav, das auf einer malerischen Berghütte eigentlich einen Jungbrunnen finden will, dann aber - von drei Hexen in die Spur geschickt - auf die Suche nach der Reinkarnation der Kaiserin Elisabeth geht.
Es war die Produktion, die in der Sichtungswoche am meisten polarisierte. Sie sei zuweilen eitel und mit 90 Minuten auch deutlich zu lang, monierten kritische Stimmen. Das Durcheinanderwirbeln weiblicher und männlicher Codes sowie die unangestrengte Umsetzung von Diversität machten den Spezial-Preis für Jovana Reisinger (Buch, Regie, Creation) jedoch am Ende möglich - auch weil es bei den übrigen Nominierten leider oft an ungewöhnlichen erzählerischen Ansätzen fehlte.
Copyright: epd-bild/Heike Lyding
Darstellung: Autorenbox
Text: Michael Ridder war Mitglied der Jury.
Zuerst veröffentlicht 23.04.2026 10:20
Schlagworte: Medien, Auszeichnungen, Grimme, Unterhaltung
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