Empathie und Expertise - epd medien

24.04.2026 08:20

Die Grimme-Jury Information & Kultur hat in diesem Jahr vier Produktionen ausgezeichnet: "Das leere Grab" (ZDF), "Hass. Hetze. Hoffnung" (RTLzwei), "Petra Kelly - Act Now!" (RBB/BR/RB/Arte) und "Sudan: Ein Krankenhaus im Schatten des Krieges" (ZDF/DW/ARTE). Der Grimme-Preis für die Besondere Journalistische Leistung ging an die ZDF-Korrespondentin Golineh Atai für ihre ruhig erzählten und analytisch herausragenden Berichte aus der arabischen Welt. Jenni Zylka war Mitglied der Jury und beschreibt die Diskussionen über die nominierten Beiträge in der Sichtungswoche, die vom 31. Januar bis 5. Februar in Marl stattfand. Die Preise werden am 24. April verliehen.

Aus der Grimme-Jury Information & Kultur

Die ZDF-Produktion "Das leere Grab" bekommt einen Grimme-Preis

epd Was ist ein "guter Dokumentarfilm"? Die Kriterien dafür zumindest für alle nachvollziehbar zu definieren, das ist die Aufgabe einer Jury. Klar ist: Zum "Besten" gehört oft auch das, was emotional am meisten trifft - und damit im doppelten Wortsinn "betroffen" macht. Die 18 für einen Grimme-Preis in der Kategorie "Info und Kultur" nominierten Filme, Mehrteiler und Serien, und die fünf Produktionen, Reporterinnen oder Teams, die für die Besondere Journalistische Leistung und für "Spezial" in Frage kamen, berührten uns alle. Durch eine Auszeichnung ehren durften wir nach der siebentägigen Jurysitzung zum 62. Grimme-Preis dennoch - wie immer - leider nur fünf.

Der Zufallsgenerator hatte die dreiteilige WDR-Produktion "Der Kinderpsychiater - Die Macht des Dr. Winterhoff" als ersten Film ausgewählt. Die Geschichte ist unerhört, beängstigend - und geht weiter: Erst im März 2026 wurde der bekannte Psychiater wegen Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Winterhoff hatte angeblich "tyrannischen" Kindern jahrelang Medikamente verschrieben und sie in Heimen unterbringen lassen, an deren Gewinn er finanziell beteiligt war. Beklatscht und bewundert von einer breiten Öffentlichkeit, die sich durch Winterhoffs Auftreten in Fernsehtalkshows wie "Markus Lanz" noch vergrößerte, avancierte sein Buch "Wieso unsere Kinder Tyrannen werden" zum Bestseller. Aber auch die Kritik an seinen Methoden wuchs - und bereits 2021 hatte der WDR eine kritische Dokumentation zu Winterhoff produzieren lassen.

Plakativ-manipulative Musik

Wir waren uns einig, dass es kaum etwas Wichtigeres gibt als die Sicherheit von Kindern. Die Machart allerdings leuchtete uns nur teilweise ein: Zu plakativ-manipulativer Musik, die vor einer mit Kinderstimme gesungenen "Sound of Silence"-Version nicht zurückschreckte, empfanden wir die Auswahl der Bilder oft als redundant. Unserer Ansicht nach entstanden Ton-Bild-Scheren wie im Falle einer Apothekerin, die sagt, ihr Handeln (sie hatte sich geweigert, Winterhoffs Rezepten nachzukommen) sei nicht mutig sondern selbstverständlich, aber dabei in heroisierender Untersicht gefilmt wurde. Trotz interessanter Gespräche mit Expertinnen und Experten und dem nötigen Fokus auf die unrühmliche Rolle der Medien waren wir am Ende formal nicht wirklich zufrieden.

Die zweite gesichtete Produktion war eine Überraschung, denn dokumentarische Formate aus dem Privatfernsehen schaffen es selten durch die Nominierung: Die in einem leider bereits wieder eingestampften "Dokulab", einer "Kreativwerkstatt für Dokumentarfilmer:innen" entstandene RTL2-Produktion "Hass. Hetze. Hoffnung" beschäftigt sich in zweimal 45 Minuten mit dem antiasiatischen Rassismus in Deutschland. Der erste Teil erzählt von dem monströs grausamen Mord an einer chinesischen Studentin in Dessau-Roßlau, wo der Polizei seit dem Mord an Oury Jalloh im Jahr 2005 immer wieder rassistisches Verhalten vorgeworfen wurde.

Sexualisierte und rassistische Gewalt

Als sehr behutsam und respektvoll nahmen wir die Schilderung des Tathergangs wahr - die Filmschaffenden haben ein architektonisches Modell des Straßenzugs gebaut, an dem die Studentin Lǐ Yángjié 2016 beim Joggen verschwand. Nur mit Lichtpunkten, die sie, den Täter und dessen Freundin darstellten (beide wurden später verurteilt, der Mann zu lebenslanger Haft, die Frau wegen sexueller Nötigung zu einer Jugendstrafe) beschreiben sie das Unbeschreibliche, ohne auch nur ein einziges reißerisches, ausbeuterisches oder spekulatives Bild. Der Film beleuchtet zudem die Rolle der Medien, die den angeblichen "Sexualmord" ausschlachteten, und die Verwandtschaftsverbindungen zwischen dem Täter und der dortigen Polizei: Sowie dessen Mutter als auch sein Stiefvater arbeiteten bei der ermittelnden Dienststelle.

Der zweite Teil des Films belegt weitere Beispiele für antiasiatischen Rassismus: asiatisch gelesene Frauen berichten in Interviews von der "Hypersexualisierung", die sie ebenso erleben wie sexualisierte und rassistische Gewalt und Stigmatisierung. Mit den Gesprächen haben sie eine Form gefunden, sich gegenseitig zu stärken, Rapperin Nashi44 wehrt sich in Texten gegen die Erfahrungen. Der Pogrom in Rostock-Lichtenhagen aus dem Jahr 1992 und ein Anschlag auf ein Übergangsheim für Geflüchtete im Jahr 1980 belegen den historisch verwurzelten Rassismus. Wir waren begeistert von Ton, Klarheit, Sensibilität, Auswahl, der Würde und der umfassenden Recherche im Film. Er blieb uns lange im Kopf - und war am Ende einer der Gewinner.

Erzählungen aus der Berliner Schwulenszene

Carl Gierstorfer begleitet in "Sudan - Ein Krankenhaus im Schatten des Krieges" (ZDF/DW/Arte) den einzigen Chirurgen in einer Kriegsregion. Nah und mit intuitiver Kamera beobachten der Regisseur und Laura Salm-Reifferscheidt den Alltag unter diesen herausfordernden Umständen, schauen zu, wie das medizinische Personal versucht, Leben zu retten, sehen Geburten, unmöglich scheinende Operationen, Krankheit, Kriegsverletzungen und Tod. Aber auch Hoffnung erscheint ganz von selbst auf dem Bildschirm: Der Chirurg selbst wurde im Krieg geboren, einer seiner Kollegen war einst Kindersoldat. Beide haben den Weg in karitative Berufe gefunden. Dass der Filmemacher auf Off-Kommentar verzichtete und nur vorsichtige, nie aufdringliche Übersetzungen einsprechen ließ, macht den Film noch eindrücklicher und direkter. Uns ging er enorm unter die Haut - und wir zeichneten ihn mit einem Grimme-Preis aus.

In eine komplett andere Welt schickt uns "Baldiga - Entsichertes Herz" (RBB), das Porträt eines Künstlers, das auf der Berlinale 2025 Premiere feierte. Mit Tagebuchaufzeichnungen und Bildern formt der Film seine Erzählungen aus der Berliner Schwulenszene, kurz bevor AIDS dort einbricht und viele Menschenleben fordert, auch Baldigas. So viele Eindrücke waren das, dass wir das Gefühl hatten, der Materialfülle kaum folgen zu können. Die formale Sinnlichkeit des Films passt jedoch gut zu seinem Inhalt.

Starke Familienvideos

"Das Srebrenica Tape" (RBB/BR/SWR/BBC) handelt von einer Suche: Mit Hilfe von Originalaufnahmen und einer per Kamera begleiteten Reise erzählt Regisseurin Chiara Sambuchi vom Bosnienkrieg und dem Massaker von Srebrenica 1995, bei dem der Vater ihrer Protagonistin Alisa ermordet wurde. Uns beeindruckten vor allem die emotional starken Familienvideos aus den 90er Jahren, die eine andere Welt zeigten. Die Mischung aus Originalsound, Musik und eingesprochener Übersetzung überzeugte uns dagegen nicht immer.

Aus einer spannenden Innenperspektive schaut Filmemacher Artem Demenok in der RBB-Produktion "Russlands wilde 90er" auf das Land und findet authentische und faszinierende Bilder und ungewöhnliche Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Dass der sehr aufschlussreiche Film allerdings kaum ein Bild ohne Off-Text stehenlässt, gibt ihm einen leicht didaktischen Anstrich.

Alarmierendes Bild

In "Petra Kelly - Act Now!" (RBB/BR/RB/Arte) webt Doris Metz ein aktuelles, durch exklusive Gespräche mit Kellys Bruder John emotionales und beeindruckendes Porträt der Politikerin Petra Kelly. Größtenteils über Kellys eigene Stimme erfahren wir Details aus ihrem Leben in den USA und als Campaigerin für Senator Robert F. Kennedy, ihre Sonderstellung als Frau in einem von Männern dominierten Umfeld wird dabei ebenso deutlich wie ihr unermüdlicher Eifer. Dass der Film nicht spekuliert, gefiel uns ebenso wie seine Vielstimmigkeit und die geschickte Form der Montage - so sehr, dass auch dieser Film am Ende ausgezeichnet wurde.

Die Doku-Serie "World White Hate" (DW/SWR/Arte) über den weltweiten Rassismus Weißer gegenüber Schwarzen Menschen zeichnet ein so realistisches wie alarmierendes Bild vom globalen Hass. Formal verlor uns die Serie jedoch stellenweise. Kameraeinstellungen konnten wir nicht nachvollziehen, und dass die Täter auf der ganzen Welt auch ihr Geschlecht eint, wird zu kurz erwähnt.

Im Salzbergwerk

Ein kleines, intimes Filmportrait ist "Ja prischlá - Ich bin angekommen" von Anna und Lea Hardock, die sich für den MDR auf die Spuren ihrer Großmutter begeben: Sie ist Russlanddeutsche und musste Jahrzehnte in die Verbannung. Wie die Schwestern die Familie befragen und Bilder dazu ordnen, ist anrührend und poetisch, für uns blieben jedoch zu viele Fragen offen.

Bei "Der Herr der Fässer - Atomdebakel Asse" (ARD/NDR) war der Erkenntnisgewinn enorm. Wir lernten viel über die realen Verhältnisse in einem Salzbergwerk, in dem Atommüll gelagert wird - und über die Gefahren. Angemessene Animationen verdeutlichen die Situation, die Protagonistinnen und Protagonisten sind interessant und ungewöhnlich.

Lange sprachen wir über "Mein Land will nicht verschwinden" (ZDF/3sat/RBB), einen Essay-Film von Andreas Goldstein, der seine klugen Gedanken über das Verschwinden - oder eben Nicht-Verschwinden - der DDR in großartige Sätze gegossen hat, die ebenfalls nicht verschwinden, sondern im Gedächtnis bleiben.

Sport und Fankultur

Ein völlig anderes, dennoch angemessenes und überzeugendes Tempo zeigt die BR-Produktion "Rise & Fall: 1860 München". So rasant wie das Fußballspiel selbst collagiert sie die Themen Sport, Leidenschaft, Fankultur, zuweilen toxische Männlichkeit und Geld. Wir ließen uns mitreißen, waren danach ein wenig außer Atem, und freuten uns, dass der Film - im Gegensatz zu anderen Sport-Dokumentationen - nicht affirmativ ist.

Zufällig sichteten wir "Spielerinnen" (RBB), den dritten Teil von Aysuns Bademsoys Langzeitbeobachtung einer Frauenfußballmannschaft aus Kreuzberg, direkt danach - auch dieser Film begeisterte uns. Wir schauten interessiert zu, wie sich die Themen für die Protagonistinnen verlagert haben: Früher ging es um Freiheit und Selbstverwirklichung im Fußball, jetzt haben Traditionen wie die Ehe Einzug gehalten. Der Raum für die migrantischen Frauen schließt sich wieder etwas, so scheint es, die Grenzen scheinen sich kaum erweitert zu haben.

Fragen zur Mittäterschaft

Andres Veiels viel beachteter Dokumentarfilm "Riefenstahl" (WDR/SWR/NDR/BR/RBB) nähert sich seiner Protagonistin manchmal in Zeitlupe - und entlarvt sie so durch ihre Körpersprache. Besonders gut arbeitet der Film den Narzissmus heraus, mit dem die Frau auch im hohen Alter auf ihren Standpunkten beharrt. Trotz jahrelanger Medienerfahrung ist sie immer wieder überrascht, dass ein Reporter es wagt, ihr Fragen zu ihrer Mittäterschaft zu stellen. Über den künstlerischen Ansatz des Regisseurs diskutierten wir lange: Ist es die richtige Wahl, einer künstlerisch tätigen Protagonistin mit der eigenen Kunst zu begegnen?

Wie ein Mosaik greifen die 15 Frauenporträts in Torsten Körners "Die Unbeugsamen 2 - Guten Morgen, Ihr Schönen!" (ZDF/3sat) ineinander. Mit fantastischen Interviewpartnerinnen untersucht er die Debatte um Gleichberechtigung in der DDR und den Diskurs darüber, was man an der DDR vermissen könnte - oder darf.

Auch "Soldaten des Lichts" (ZDF) beeindruckte uns schwer. Sehr, sehr nah kommen die Regisseure Johannes Büttner und Julian Vogel in dieser Dokumentation für das Kleine Fernsehspiel einem mit kruden, gefährlichen und haarsträubenden Behauptungen um sich werfenden Protagonisten, der sich dennoch nie ganz greifen lässt. Es ist die Stärke des Films, dass er über nichts und niemanden urteilt - er verlässt sich somit komplett auf das Urteilsvermögen des Publikums.

Selbstermächtigung und Bewältigung

In "Chronisch krank, chronisch ignoriert" (ZDF/Arte) geht es um die Krankheit Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), die zu wenig erforscht wird. Eine der Filmemacherinnen ist selbst betroffen von multisystemischen Krankheiten, so wird aus dem Film eine Erzählung aus der Mitte, die nicht nur beobachtet.

Ebenfalls aus der Mitte erzählt eine der beiden Regisseurinnen von "Das leere Grab" (ZDF) über die Folgen der deutschen Kolonialherrschaft in Tansania - sie stammt selbst aus dem Land. Der Film, der von der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels betreut wurde, will zwischen (vererbten) Traumata, Rückführung von Gebeinen und deutscher Bürokratie zu einem Versöhnungsweg finden. Er wird so zu einem gelungenen Schritt Richtung Selbstermächtigung und Bewältigung. Das war der Jury einen Preis wert.

Aufschlussreiches Bild

Die nominierten Beiträge und Journalistinnen für Spezial und die Besondere Journalistische Leistung zu diskutieren, ist immer eine besondere Herausforderung - so unterschiedlich sind sie, und so komplex ist der Versuch, ihre Leistung richtig einzuschätzen, wenn man selbst nicht Teil der Redaktion ist. Am Ende entschieden wir uns, den Preis für die Besondere Journalistische Leistung an Golineh Atai zu geben, die das ZDF-Studio in Kairo leitet und seit Jahren mit viel Empathie und Expertise ein differenziertes und aufschlussreiches Bild des arabischen Raums vermittelt. Wie üblich fiel uns die Wahl dennoch schwer angesichts der Relevanz der Nominierten.

Doch das ist typisch für Preisentscheidungen - am Ende hätte man gern mehr Filme und Ideen bedacht. Und tröstet sich (und in Gedanken die Filmschaffenden) mit der Bedeutung der Nominierung und der Dankbarkeit, sich mit all diesen Themen beschäftigen zu dürfen.

Jenni Zylka Copyright: Foto: fotostudioneukoelln.de Darstellung: Autorenbox Text: Jenni Zylka war Mitglied der Jury.



Zuerst veröffentlicht 24.04.2026 10:20

Jenni Zylka

Schlagworte: Medien, Auszeichnungen, Fernsehen, Grimme-Preise, Information, Dokumentation, Zylka

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