Wer zahlt, bestimmt den Kick - epd medien

24.04.2026 11:43

Im europäischen Fußball bestimmt die Englische Premier League zunehmend den Transfermarkt. Die Summen, mit denen die englischen Clubs Spieler locken, können deutsche Vereine nicht zahlen. Die Dokumentation "Inside Fußball - Wer kauft das Spiel?" gibt Einblicke in das Geschäft.

ARD-Dokumentation "Inside Fußball - Wer kauft das Spiel?"

Die dreiteilige WDR-Dokumentation "Inside Fußball - Wer kauft das Spiel?" gibt Einblicke in das Geschäft mit dem Ball

epd Auch der Fußball ist in eine Art Kulturkampf verstrickt: zwischen Traditionsbewusstsein und ökonomischem Denken, zwischen dem Wunsch, vergangene Werte zu bewahren, und dem, sich von regulatorischen Fesseln im internationalen Konkurrenzkampf zu befreien. Bisher verhindert in Deutschland die sogenannte 50+1-Regel, dass Investoren in den Vereinen die Mehrheit der Stimmanteile halten dürfen. Das Sagen in den meisten Clubs sollen trotz zunehmender Kommerzialisierung die Mitglieder haben.

Die Bundesliga ist deshalb ein - allerdings finanziell schlechter gestelltes - Gegenmodell zur englischen Premier League, in der die Clubs ausnahmslos privaten Geldgebern gehören. Der FC Liverpool zum Beispiel gehört einer US-Investmentholding, Manchester City einem Unternehmen der Königsfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Vereinsmitglieder haben keinen Einfluss, dafür steht den englischen Clubs - auch aus den internationalen TV-Rechten - weitaus mehr Kapital zur Verfügung.

Die Bundesliga bildet aus, die Premier League kauft ein.

Allein der FC Liverpool gab im vergangenen Sommer für die Transfers von drei Spielern (Alexander Isak, Florian Wirtz, Hugo Ekitiké) mehr als 350 Millionen Euro aus. Zwei davon kamen aus der Bundesliga: der Deutsche Wirtz von Bayer Leverkusen, der Franzose Ekitiké von Eintracht Frankfurt. "Die Bundesliga bildet aus, die Premier League kauft ein", kommentiert Robert Kempe in seiner dreiteiligen Dokumentation, einer Eigenproduktion der WDR-Redaktion "Sport Inside". Vollständig steht die Produktion nur in der Mediathek, im Ersten wird nur die erste Folge gezeigt.

Ausgehend vom Beispiel Eintracht Frankfurt, beleuchtet Kempe vor allem in der ersten Episode ("Der Abstand") das Für und Wider der deutschen 50+1-Regel. Neue Argumente oder Erkenntnisse gibt es zwar nicht wirklich, aber die Interviews mit Managern, Sportfunktionären und Journalisten dokumentieren den Status Quo und bilden das Fundament für die folgenden Teile. Zur visuellen Auflockerung dienen kurze, symbolische Szenen von einer Pokerrunde an einem Miniatur-Fußballfeld.

Biotop Profifußball

Aufschlussreich ist der Blick hinter die Kulissen der Sky-Sendung "Transfer Update". Reporter Florian Plettenberg steht für ein neues Medien-Phänomen: den Transferjournalismus. Welcher Spieler wechselt wann für welche Summe zu welchem Verein? Plettenberg wird hier als unermüdlicher Pionier präsentiert, den alle kennen, schätzen und ein bisschen fürchten. Man umarmt sich, man duzt sich - die beobachtende Kamera fängt vielsagende Eindrücke vom Biotop Profifußball ein. Und Plettenberg selbst lässt keinen Zweifel daran, welchen Zweck das Ganze hat: "Wir bedienen mit Transfermeldungen volle Kanone und 364 Tage im Jahr den Hype Fußball."

Noch spannender wird es, wenn "Sport Inside"-Autor Kempe ins Ausland blickt: Mit US-Investor John Textor, Eigentümer unter anderem von Olympique Lyon und dem brasilianischen Spitzenclub Botafogo, hat er einen Repräsentanten eines Modells vor die Kamera geholt, "das den modernen Fußball gerade grundlegend verändert", so Kempes Kommentar. Die Rede ist vom "Multiclub-Ownership": Ein Investor kauft mehrere Vereine und kann auf diese Weise Spieler im eigenen Vereinskosmos hin und her schieben.

Drohende Wettbewerbsverzerrung

An Textors Beispiel werden auch die Risiken deutlich. Der Amerikaner scheint zwar ein echter Fußball-Enthusiast zu sein, der gerne jeden Spieler persönlich abklatscht. Aber um seinen Anteilskauf an Olympique Lyon zu finanzieren, musste sich der Investor Geld bei einem vor allem an Rendite interessierten US-Unternehmen leihen. Der Streit um Zinsen und Kreditrückzahlung hatte wiederum Auswirkungen auf sein Engagement bei Botafogo.

Und weil Textor zeitweise auch Eigner des englischen Clubs Crystal Palace war und dieser sich wie Lyon für die Europa League qualifiziert hatte, schritt der Europäische Fußballverband Uefa wegen drohender Wettbewerbsverzerrung ein und untersagte die Teilnahme von Crystal Palace. Auch mit der französischen Finanzaufsicht geriet Textor in Konflikt. Zeitweise drohte Lyon der Zwangsabstieg. Textor trat schließlich als Präsident von Olympique zurück und verkaufte seine Anteile bei Crystal Palace.

Internationale Netzwerke

Der US-Investor, der in seinem luxuriösen Anwesen in Florida interviewt wurde, ist sichtlich irritiert vom europäischen Regulierungsdrang. Dennoch würde er gerne auch in Deutschland investieren, zumal er Fan von Eintracht Frankfurt ist. Dort ist allerdings mit Axel Hellmann ein vehementer Verfechter der 50+1-Regel am Ruder: "Wehret den Anfängen", kommentiert er das Modell "Multiclub-Ownership". Nach Kempes Recherchen sind bereits 90 Prozent der Vereine in der englischen Premier League Teil von internationalen Netzwerken. In der Bundesliga sei dies nur bei RB Leipzig, 1899 Hoffenheim und FC Augsburg der Fall.

Aber wirklich neu ist auch das nicht: Insbesondere der österreichische Red-Bull-Konzern praktiziert das Modell schon seit 20 Jahren und seit 2025 sogar mit Jürgen Klopp als "Global Head of Soccer" an der Spitze. Umso erstaunlicher, dass der Autor auf das RB-Konstrukt mit Clubs in Österreich, Deutschland und Brasilien gar nicht eingeht. Dafür schildert Kempe in der dritten Episode ("Die Zukunft"), wie Eintracht Frankfurt die eigene Vermarktung in den USA vorantreibt. Und warum sich US-Investor Ben Harburg bei Clubs in Spanien und Saudi-Arabien engagiert.

"Der globale Fußball verändert sich und wirft grundsätzliche Fragen auf - auch in Deutschland", lautet der offene Schlusssatz des Autors. Ob und wann Investoren in der Bundesliga größeren Einfluss erhalten, bleibt vorerst unklar. Es mag sein, "dass der Kapitalismus in der Regel gewinnt", wie Ben Harburg sagt. Aber solange Vereine wie der SC Freiburg auch ohne Investoren-Millionen das Halbfinale eines europäischen Wettbewerbs erreichen können, dürften deutsche Fußball-Romantiker und Überzeugte wie Axel Hellman kaum für die Abschaffung der 50+1-Regel zu gewinnen sein.

infobox: "Inside Fußball - Wer kauft das Spiel?", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Robert Kempe (ARD-Mediathek/WDR, seit 18.4.26, ARD, 24.4.26, 23.45-0.25 Uhr (nur Folge eins))



Zuerst veröffentlicht 24.04.2026 13:43

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Dokumentation, Fußball, Kempe, Gehringer

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