Porträt mit Leerstellen - epd medien

26.04.2026 08:15

Für viele ist der US-amerikanische Vizepräsident JD Vance der aussichtsreichste Kandidat der Republikaner bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2028. Die Dokumentation "JD Vance - Der Mann nach Trump" zeichnet nach, wie aus dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden James David Vance einer der einflussreichsten Politiker der USA wurde.

Dokumentation "JD Vance - Der Mann nach Trump"

J.D. Vance 2022 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio

epd Steve Cortes war einige Zeit Kommunikationsberater von JD Vance und hatte nach eigener Darstellung maßgeblichen Anteil daran, dass die Republikaner diesen 2024 als Kandidaten für das Amt des US-Vizepräsidenten aufstellten. In der Dokumentation "JD Vance - Der Mann nach Trump" sagt Cortes, Vance sei "grundsätzlich gegen jeden Interventionismus". Die Autoren Thomas Snégaroff und David Thomson beschreiben dessen außenpolitische "Agenda", wie sie es nennen, so: "Die USA will nicht länger Weltpolizist spielen. Das hat sie im Irak-Krieg getan. Und den hat JD Vance persönlich miterlebt."

Diese Einschätzungen sind schlecht gealtert: Seit der Fertigstellung des Films 2025 haben die USA unter JD Vances Vizepräsidentschaft Venezuela und den Iran militärisch angegriffen. Dass eine Dokumentation von der Aktualität überholt werden kann, darf man den Machern des Films nicht anlasten. Wohl aber die Verwendung des Begriffs "Weltpolizist". Dass die USA "nicht weiter Weltpolizist" sein könnten, hat Präsident Donald Trump selbst gesagt, Ende 2018 war das, also während seiner ersten Amtszeit. Indem Snégaroff und Thomson den Begriff nutzen, suggerieren sie, die USA hätten in den vergangenen Jahrzehnten als eine Art globaler Ordnungshüter agiert. Dabei blenden sie aus, dass das Land mit seiner Interventionspolitik vor allem eigene Interessen verfolgt hat.

Fragwürdiger Ansatz

Ein Schönheitsfehler? Nein, dieser Makel steht symptomatisch für eine grundsätzliche Schwäche des Films. "JD Vance - Der Mann nach Trump" ist zwar in Teilen dezent kritisch gegenüber dem Vizepräsidenten. Dafür sorgen vor allem zwei Gesprächspartner: der White-House-Journalist Jake Lehut und "Politico"-Redakteur Ian Ward. Doch wenn die Autoren in den Off-Text-Passagen Vances Handeln, seine Einstellungen, vermeintliche oder tatsächliche Lebenswendepunkte und die gesamte Politik der US-Regierung beschreiben, übernehmen sie fast durchgehend die Narrative und das Framing des Protagonisten und seiner politischen Freunde.

Das "New York Magazine" hat Vance 2024 als "prinzipienlosen Demagogen und notorischen Lügner" beschrieben, "der bereit ist, in seinem Streben nach Macht jede moralische Grenze zu überschreiten". Angesichts solch fundamentaler Kritik ist der Ansatz der beiden Autoren mehr als fragwürdig.

PR-strategische Ideen

Als sie auf Vances Rede beim Republikanischen Nominierungsparteitag 2024 zu sprechen kommen, bei der er "O-H-I-O", die Buchstaben seines Heimatstaates, skandierte, ordnen sie das so ein: "An diesem Abend denkt er an seine Herkunft." Und "auch nach der Wahl" habe er diese "nicht vergessen". Damit beziehen sie sich darauf, dass Vance nach dem Wahlerfolg seine lange drogenabhängige Mutter und andere Familienmitglieder ins Weiße Haus eingeladen hat. Zwei PR-strategische Ideen für die TV-Kameras verkaufen die Autoren also als authentisches Handeln.

Besonders deutlich wird die unkritische Übernahme von Vances Selbstdarstellung an einer Passage über seine Studienzeit an der Elite-Uni in Yale. Der Erzählung des Protagonisten zufolge hat er dort Benachteiligungen erfahren: als Kind einer unterprivilegierten Familie aus Middletown, einer vom Strukturwandel gezeichneten ehemaligen Stahlstadt. "Die in Yale erlittene Demütigung führt zu Wut - und führt ihn bald auf eine politische Mission", erklärt der Film in geradezu feierlichem Ton. Zu den Höhepunkten der Weichzeichnung gehört die Bezeichnung von PayPal-Mitgründer und Demokratiegegner Peter Thiel als "Vaterfigur" des Vizepräsidenten. Thiel hatte 2022 Vances Kampagne für die Wahl zum US-Senator in Ohio mit einer außergewöhnlich hohen Summe von rund 15 Millionen Dollar unterstützt. Man könnte den zweitmächtigsten Mann der USA also auch eine Marionette des Tech-Unternehmers nennen.

Kein Platz für politische Gegner

Formal ist die 80 Minuten lange Dokumentation als konventionelle Biografie angelegt: Die Filmemacher klappern Lebensstationen ab, befragen Nachbarn, die James David Vance in seiner Kindheit in Middletown erlebt haben, Universitätsweggefährten und aktuelle Bewunderer wie den bereits erwähnten ehemaligen Berater Cortes. Bei vielen Personen des öffentlichen Lebens mag dieses Konzept funktionieren, doch es bleibt unbegreiflich, wie die französische Produktionsfirma Together Media und zahlreiche Sender, darunter der SWR, zu der Überzeugung gelangen konnten, dass diese dokumentarische Form geeignet wäre, einen Mann zu porträtieren, der maßgeblich daran mitwirkt, die US-amerikanische Demokratie auszuhöhlen und die Weltordnung ins Wanken zu bringen.

Fast alle Gesprächspartner von Snégaroff und Thomson kennen Vance persönlich, sind oder waren mit ihm befreundet, stehen ihm "nahe" (wie der "Newsweek"-Redakteur und Podcaster Josh Hammer), haben ihn beeinflusst (wie der Politikwissenschaftler Patrick Deneene, ein Vertreter des sogenannten Postliberalismus), für ihn gearbeitet oder ihm als Autor Aufträge gegeben. In diesem Konzept bleibt zwangsläufig kein Platz für politische Widersacher, etwa Vertreter der Demokratischen Partei oder zivilgesellschaftlicher Organisationen. So gerät "JD Vance - Der Mann nach Trump" zu einem Porträt mit vielen Leerstellen.

infobox: "JD Vance - Der Mann nach Trump", Dokumentation, Regie: David Thomson, Christophe Astruc, Buch: Thomas Snégaroff, David Thomson, Produktion: Together Media (ARD/SWR/France Télévisions/, 21.4.26, 22.50-0.15 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 26.04.2026 10:15

René Martens

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Dokumentation, Snégaroff, Thomson, Vance, Martens

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