Frischer Wind und alte Bekannte - epd medien

27.04.2026 07:05

Die Grimme-Jury Unterhaltung hat in diesem Jahr drei Preise vergeben. Ausgezeichnet wurden "Gerry Star" (Prime Video), "Maithink X - Die Show" (ZDF) und "Smypathisch - Die Show (ZDF/Funk). Das spiegelt die Bandbreite guter TV-Unterhaltung wider: eine präzise Charakterstudie, eine Wissenschaftsshow auf hohem Niveau und ein Gesamtkunstwerk. Petra Anders war Mitglied der Jury und beschreibt den Diskussionsverlauf während der Sichtungswoche, die vom 3. bis zum 5. Februar stattfand. Die Preise wurden am 24. April verliehen.

Aus der Grimme-Jury Unterhaltung

"Maithink X - Die Show" hat einen Grimme-Preis erhalten

epd Im Februar trafen sich in der Jury Unterhaltung neben vertrauten Gesichtern aus vorangegangenen Jahren auch neue Mitglieder. Frische Perspektiven und unverbrauchte Blickwinkel bereicherten die gemeinsame Arbeit ebenso wie die unterschiedlichen fachlichen Backgrounds und Qualifikationen der einzelnen Mitglieder. Die Jury freute sehr, dass im Vergleich zu den Vorjahren die Zahl der Nominierungen in dieser Kategorie wieder angestiegen ist.

Die konzentrierten Sichtungen erfolgten in einer sehr angenehmen Atmosphäre, die Raum für gemeinsame Reflexion, informellen Austausch und die Vertiefung von Einschätzungen bot. Ernsthaftes Interesse an der Sache lag dabei ebenso in der Luft wie humorvolle Leichtigkeit - zwei Merkmale, die auch gute Unterhaltung braucht.

Konstanten des deutschen Fernsehens

Wer in Anbetracht der Nominierungen die vergangenen Jahre in der Unterhaltung Revue passieren lässt, begegnet bekannten Namen und Formaten, die sich längst zu Konstanten des deutschen Fernsehens entwickelt haben - zu Ankern in einem Meer an Formaten, die häufig genug von Flüchtigkeit geprägt sind und einem kurzen Aufmerksamkeitszyklus unterliegen. So trat Torsten Sträter 2022 gleich mehrfach in Erscheinung. Als Gast in der Folge von "Chez Krömer", die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, sprach Kurt Krömer gemeinsam mit Sträter in bemerkenswerter Offenheit und ohne Selbstinszenierung über persönliche Erfahrungen mit Depressionen.

Dieser Fernsehmoment, den die Jury damals als außerordentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Enttabuisierung psychischer Erkrankungen würdigte, steht exemplarisch für eine Form der Unterhaltung, die Haltung und Humor nicht als Gegensätze begreift. Daneben war Sträter im selben Jahr auch mit seiner eigenen WDR-Sendung "Sträter" nominiert - ein Doppelauftreten, das seine besondere Stellung im Bereich einer deutschen Comedytradition unterstreicht, die authentisch und reflektiert sein kann, ohne das Bedürfnis nach medialem Hochglanz zu haben. Insofern war die Jury gespannt, was das neue Format "Sträters Problemzonen" (ARD/WDR/MDR) zu bieten haben würde.

Die Pflegekrise lösen

Auch "Maithink X - Die Show" (ZDFneo) zählt zu jenen Formaten, die die Jury 2022 bereits beschäftigt haben. Mai Thi Nguyen-Kim, die bereits 2021 für ihre besondere journalistische Leistung bei der Wissenschaftsvermittlung mit dem Grimme-Preis in der Kategorie Information ausgezeichnet wurde, steht für einen Typus der Wissenschaftsunterhaltung, der Humor, inhaltliche Präzision und gesellschaftliche Relevanz miteinander verbindet, ohne in die Falle der Vereinfachung oder der Bevormundung zu tappen. Bedeutete die erneute Nominierung also, dass sich die Show noch einmal weiterentwickelt hatte?

Das Team um André Dietz und Tim Mälzer stach 2023 mit "Zum Schwarzwälder Hirsch" mit einer außergewöhnlichen Küchencrew aus der Masse heraus und hatte damals den Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung erhalten. Mit "Herbstresidenz" (Vox) trat man nun nach eigenen Worten zu nichts Geringerem an, als die Pflegekrise lösen zu wollen. Das Team begab sich damit auch in die Fußstapfen eines Formats, das durch seinen inklusiven Ansatz überzeugte, der Menschen mit Down-Syndrom nicht als Objekte der Betrachtung inszenierte, sondern als handelnde Subjekte in einem anspruchsvollen beruflichen Umfeld. An dieser Verbindung von Unterhaltung und gesellschaftlicher Relevanz sollte sich "Herbstresidenz" nun messen lassen.

Überraschungen des Jahres

Das Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ist ebenfalls ein fester Bestandteil der deutschen Fernsehunterhaltung. Es konnte bisher von der eindringlichen Dokumentation zur Lage der Pflege in Deutschland bis zur mutigen Aufmerksamkeitsaktion für die Revolution im Iran zeigen, wie groß die Bandbreite unterhaltender Sendungen sein kann. Was also macht nun "Ein sehr gutes Quiz" (ProSieben) aus? Die Jury nahm sich Zeit, all diesen Kontinuitäten gebührenden Raum zu geben.

Jede Jurysitzung bringt Überraschungen mit sich - erfreuliche wie enttäuschende. Zu den angenehmen Überraschungen des vorliegenden Jahres zählt ohne Frage die Mockumentary-Comedy "Gerry Star" (Prime Video) über einen erfolglosen Musikproduzenten. Die sorgfältig gearbeitete Charakterstudie kann mit einer hervorragenden Besetzung aufwarten und agiert auf einem handwerklich überzeugenden Niveau.

Das Format ist kurzweilig, präzise beobachtet und zeigt, dass es in der Unterhaltung nicht immer des großen Neuerungsgestus oder der konzeptuellen Revolution bedarf, um preiswürdig zu sein. "Gerry Star" illustriert vielmehr, wie genaues Hinschauen, eine gelungene Besetzung - die Andrea Sawatzki als etablierter Schauspielerin genauso vertraut wie der Newcomerin Franziska Annekonstans Winkler - und solides Handwerk die Grundpfeiler überzeugender Unterhaltung bilden können. Dafür vergab die Jury einen Grimme-Preis.

Problemzone der Unterhaltung

Qualitäten erkannte die Jury auch im Ansatz von "Pop Secret Stories", einer BR-Reihe zu Schlüsselmomenten der Popkulturgeschichte. Hier wurden konzeptionelle Ideen erkennbar, die über das Übliche hinausweisen und einen originellen Zugang zu ihrem Sujet finden. Das Format verdient Aufmerksamkeit für seine kreative Bereitschaft, neue Erzählformen zu erproben.

Doch es gibt auch negative Überraschungen. "Sträters Problemzonen", in denen sich Torsten Sträter Dingen widmet, "für die sich sonst keiner zuständig fühlt", überzeugte trotz des bekannten Namens nicht. Vielmehr erwies sich die Sendung selbst als Problemzone der Unterhaltung, da auf allen Ebenen Potenzial verschenkt wird. So wirkten die Spielelemente nach einhelliger Einschätzung der Jury eher nervig und erschöpften sich in der Wiederholung von Formeln, ohne dramaturgischen Mehrwert zu erzeugen.

Moralisierende Haltung

Auch bei "Extra3 Takeover" (NDR) fiel das Urteil ernüchternd aus. Das Satireformat, das über 20 Minuten lang ausschließlich ein Kernthema behandelt, widmet sich mit Rassismus oder Drogen zwar wichtigen Problemen und verfügt über kompetente Moderatorinnen und Moderatoren. Dennoch verfehlt es durch einen überpädagogischen Grundton sein Ziel. Die Jury bemängelte das Fehlen einer zentralen, leitenden Frage, die dem Format Tiefenschärfe verleihen könnte. Stattdessen tendiert "Extra3 Takeover"zu einer moralisierenden Haltung, die die Frage aufwirft, ob man dem Publikum eine eigene Urteilsfähigkeit nicht recht zutraut. Kritisch beurteilte die Jury zudem den Einsatz KI-generierter Bilder, der als problematisches ästhetisches und ethisches Signal gewertet wurde.

"Schlechte Menschen", ein Kleines Fernsehspiel des ZDF, handelt von einer himmlischen Behörde, deren Mitarbeiter entscheiden, wer zu Gott oder zum Teufel kommt. Das Kammerspiel über moralische Grenzfälle hat viel Potenzial für geschliffene Dialoge und dramaturgische Dichte, das Ergebnis enttäuscht jedoch. Das Setup geriet zu schwerfällig, die Umsetzung überzeugte nicht, und die Energie, die das Format aus schnellen Dialogen, knappen Zuspitzungen und echter moralischer Ambivalenz hätte entwickeln können, verpuffte weitgehend ungenutzt. Aus Sicht der Jury wurden hier Chancen verschenkt angesichts eines Themas, das mehr verdient hätte.

Late-Night-Wiederbelebung

"Ein sehr gutes Quiz" nahm in der Bewertung der Nominierungskommission eine besondere Stellung ein, denn die Kommission hob den Bruch mit dem Leistungsprinzip hervor. Einige Mitglieder der Jury Unterhaltung erinnerte es an Formate wie "Wer stiehlt mir die Show"?, das 2022 in der Kategorie Unterhaltung ausgezeichnet wurde. Das Duo Winterscheidt und Heufer-Umlauf versteht es in "Ein sehr gutes Quiz" offenkundig, Freude am Anarchischen und an der spielerischen Unterwanderung von Erwartungen in ein fernsehtaugliches Format zu überführen und dabei eine unverwechselbare Handschrift zu bewahren.

Das Late-Night-Format "Till Tonight" (ZDF) mit Comedian Till Reiners mischt Comedy, Satire, Show und Talk und setzt dabei bisher auf die Strahlkraft seiner Gäste. Einerseits nutzt es so eine Qualität dieser Unterhaltungsform gekonnt für sich, andererseits verbirgt sich genau hier ein strukturelles Risiko, wenn starke Gäste einmal fehlen sollten. Manche wiederkehrenden komödiantischen Elemente - insbesondere das Sidekick-ähnliche Auftreten der Produzentin - wirkten im Verlauf der Sichtung noch etwas ermüdend.

Die unterschiedlichen Elemente dieser Sendung müssen sich vermutlich einfach ein wenig mehr eingrooven. Dann kann aus dieser in der Jury insgesamt sehr positiv besprochenen Late-Night-Wiederbelebung ein dauerhafter Gewinn für die deutsche Unterhaltungslandschaft werden.

"Selbstbesoffenes" Format

"Herbstresidenz" wirft ein Schlaglicht auf das Leben im Heim: die Lage pflegebedürftiger Menschen, das Zusammenleben im Altenheim, die Arbeit von behinderten Menschen als unterstützende Pflegepersonen. Die Jury würdigte die Passagen, in denen Porträts älterer Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihrer Helferinnen und Helfer entstehen - hautnah beobachtet, würdevoll und aufmerksam.

Gleichzeitig beobachtete sie eine Spannung, die André Dietz selbst benennt: Das Format ist in Teilen "selbstbesoffen”. Es legt mehr Gewicht auf das Projekt der Fachfremden - ein Heim zu übernehmen und die Pflegekrise zu lösen -, als auf die eigentlich tragenden menschlichen Porträts. Diese Diskrepanz ist aber womöglich auch notwendig, um dem Thema auf einem Privatsender wie Vox Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Unterhaltsam, detailverliebt, konstruktiv

"Maithink X - Die Show" bleibt ein Format auf hohem Niveau. Die Verbindung aus Comedy und Wissenschaft ist nach wie vor gelungen: unterhaltsam, detailverliebt, konstruktiv im Ton. Die Jury schätzte besonders, dass das Format darauf verzichtet, Menschen vorzuführen oder zu beschämen. Ein leicht schulbankhafter Grundton schmälert den preiswürdigen Gesamteindruck nicht.

"Smypathisch - Die Show" überzeugte die Jury auf allen Ebenen. Das Format, in dem Marie Lina Smyrek aka smypathisch einen Wochenrückblick mit prominenten Gästen bietet, ist toll anzusehen, überzeugt handwerklich und ist präzise geschnitten. Die eingeladenen Gäste passen zum Konzept, die Nachbearbeitung überzeugt, das Gesamtbild ist in sich stimmig. Hier passen Ton und Haltung. Das Gesamtkunstwerk ist folglich preiswürdig.

Vertrautes Bild

Die Kategorie Unterhaltung zeigte dieses Jahr ein vertrautes Bild: ein Feld, das von einigen wenigen starken und originellen Formaten geprägt wird, während andere Produktionen trotz erkennbarer Ambitionen hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, die ihre Themen böten. Die Stärken des Jahres liegen dort, wo Formate eine klare Haltung einnehmen, ohne zu belehren; wo Unterhaltung und gesellschaftliche Relevanz einander nicht ausschließen; wo handwerkliche Solidität und präzise Beobachtung die Grundlage bilden oder eine Show sich scheinbar ohne Mühe zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügt.

Die Schwächen offenbaren sich dort, wo Ambition und Umsetzung auseinanderfallen, wo der Wille zur Relevanz in Didaktik mit Hang zur Belehrung umschlägt, und wo formale Experimente ihren Zweck verfehlen. In diesem Jahrgang wird nicht das größte Thema, die wildeste Konzeption oder der bekannteste Name belohnt, sondern vielmehr genaues Hinschauen und präzises Arbeiten an Form und Inhalt gleichermaßen.

Petra Anders Copyright: Foto: privat Darstellung: Autorenbox Text: Petra Anders war Mitglied der Jury.



Zuerst veröffentlicht 27.04.2026 09:05

Petra Anders

Schlagworte: Medien, Auszeichnungen

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