Reality ist auch nur ein Job - epd medien

29.04.2026 10:18

Die Realität hinter der Reality: "Shit Show" zeigt, was hinter den Kameras bei den Dreharbeiten für die fiktive Reality-Show "Toxic Attraction" passiert. Die RTL-Serie ist aber leider weder entlarvend noch wirklich komisch, meint Lukas Respondek.

Mockumentary "Shit Show" bei RTL+

Die RTL-Serie "Shit Show" zeigt, was hinter den Reality-Shows passiert. Wirklich?

epd Anlässlich der "Reality Awards", einer von RTL initiierten Preisverleihung für Reality-Stars, hat der Streamingdienst RTL+ das Genre, das zu seinen Kernkompetenzen gehört, um ein fiktionales Format erweitert: "Shit Show - Welcome to Reality" will einen Blick in die Produktion von Reality-Shows à la "Temptation Island" werfen und die absurden Geschichten hinter den Kameras erzählen.

Herausgekommen ist eine Workplace-Mockumentary. Mal wieder, möchte man seufzen. Denn "Shit Show" führt in acht Folgen die Grundprämisse von "Stromberg" und "Die Discounter" unverändert weiter - bloß nicht im Büro oder im Supermarkt, sondern am Set einer Fernsehproduktionsfirma, die eine weitere Staffel der bald vor der Absetzung stehenden (fiktiven) Reality-Show "Toxic Attraction" dreht.

Besuch vom Awareness Coach

Wie für derartige Mockumentarys üblich, lebt auch "Shit Show" von absurden Momenten voller Fremdscham. Ob beim Versuch, heimlich installierte Kameras auf der Kandidatentoilette abzubauen, beim Plan, den einzigen freien Tag im Drehzeitraum zu verteidigen, oder beim Besuch eines Awareness Coach, der über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz aufklären soll: Die Beteiligten begeben sich mit ihren kurzsichtigen Einfällen von einer unangenehmen Situation in die nächste. Dass all diese Fehltritte für niemanden am Set zu Konsequenzen führen, gilt es wohl nicht zu hinterfragen.

Ähnlich berechenbar wie die Erzählweise der Serie sind auch ihre Figuren: Matthias Weidenhöfer spielt Julian, den Executive Producer der Reality-Show, eine übergriffige und schamlose Führungsperson, die sich selbst immer wieder ins Aus katapultiert. Den Mockumentary-typischen Blick in die Kamera beherrscht Weidenhöfer bestens, er zeigt ihn immer dann, wenn seine Figur einen Funken von Selbstüberschätzung oder Unsicherheit verspürt.

Bitches, Beef und Bumsen

Auch die weiteren Figuren strotzen nicht vor charakterlicher Tiefe: Die abgehalfterte Moderatorin Fiona (Jeannine Michaelsen) klagt über das "Nuttenoutfit", das man ihr vorschreibt. Kandidatenbetreuer MD (Sebastian Jakob Doppelbauer) ist liebevoll-naiv bemüht bei der Arbeit und sein motivierter Kollege Nino träumt von einer Karriere in der Reality-Branche. Dass dieser von Comedian Nico Stank gespielt wird, der hier - mal wieder - die einzige queere Person am Set darstellt, lässt die Frage aufkommen, inwiefern Stank überhaupt eine Rolle spielt.

Redakteurin Franziska, glaubhaft verkörpert von Christina do Rego, bemüht sich bei ihren Setbesuchen, die Interessen von RTL durchzusetzen. Was die Produktion laut Marktforschung braucht, erklärt sie klipp und klar: Bitches, Beef und Bumsen. Überraschend ist das zwar nicht, doch tut ihre Rolle als gewissermaßen unerwünschte Antagonistin den sonst weitgehend albernen Geschichten gut.

Die Würde des Menschen ist unfasbar.

Wie toxisch es wiederum bei den Kandidaten der fiktiven Show "Toxic Attraction" zugeht, spielt in der Mockumentary so gut wie keine Rolle, das Toxische im Produktionsteam scheint viel spannender zu sein. Doch ist es das überhaupt? Ob Prolls und Protzereien, Druck und Wut oder Fäkales und Intimes: "Shit Show" überspitzt nicht, "Shit Show" überträgt. All die klar umrissenen Figuren, ihre Konflikte untereinander, aber auch die sich anbahnende Liebesgeschichte zweier Redaktionskollegen kopieren die längst aus realen Reality-Shows bekannten Handlungsstränge und Mechanismen auf das Team hinter solchen Shows.

Als Kombination von Reality-Konventionen und Mockumentary-Standards ist "Shit Show" wenig überraschend. Am Ende der acht Folgen bleiben nur ein paar Szenen und Zitate in Erinnerung, etwa eine Weisheit wie: "Die Würde des Menschen ist unfassbar." Doch selbst diese Erfahrung teilt "Shit Show" mit allerlei Reality-Formaten aus dem Portfolio von RTL.

Denjenigen Zuschauern, denen die Produktionsabläufe von Fernsehsendungen fremd sind, zeigt "Shit Show" in nicht ganz ernstzunehmenden Grundzügen, wie glanzlos die Arbeit der sonst unsichtbar bleibenden Redakteure, Kandidatenbetreuer und Producer hinter der Kamera ist. Reality ist eben auch nur ein Job. Doch für eine gelungene Satire ist die Serie bei aller Selbstreferenzialität nicht entlarvend und leider auch nicht komisch genug. Ein ehrliches Making-Of einer Reality-Show wäre überfällig, eine Investigativreportage des "Team Wallraff" hinter den Kulissen von "Promis unter Palmen" geradezu sensationell. "Shit Show" aber verhandelt leider bloß Bekanntes auf bekannte Art. Schade!

infobox: "Shit Show - Welcome to Reality", achtteilige Mockumentary-Serie, Regie und Buch: Marc Philip Ginolas, Lennart Pohlig, Kamera: Conrad Lobst, Produktion: Zeitsprung Pictures (RTL+, seit 16.4.26)



Zuerst veröffentlicht 29.04.2026 12:18 Letzte Änderung: 29.04.2026 12:19

Lukas Respondek

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRTL, Shit Show, Mockumentary, Ginolas, Pohlig, Lobst, Respondek, NEU

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