02.05.2026 10:04
"Fun Facts" bringt Journalismus auf die Bühne und auf Youtube
epd "Junge Leute wollen, dass ihre Nachrichten mehr Spaß machen", titelte das Nieman Journalism Lab Ende März. Grundlage: Eine Analyse des Reuters Journalismus-Instituts, nach der bei 18- bis 24-Jährigen Nachrichten mit satirischen und unterhaltenden Elementen auf Platz fünf einer Reihe von möglichen Themen rangieren, während sie bei über 55-Jährigen auf Platz zehn am Ende der Tabelle liegen. Bei politischen Nachrichten ist das Verhältnis umgekehrt (Platz 9 und Platz 3).
Das passt zu den Quellen des Nachrichtenkonsums. Grob gesagt: Je jünger, desto Social Media. Und dort, bei Newsfluencern und plakativen Kachelbildern, vermischen sich Nachrichten und Unterhaltung ganz natürlich, gelenkt durch die Aufmerksamkeitsmechanismen der Plattformen.
Gleichzeitig diskutiert die Medienbranche seit Jahren, ob eine Rettung des Journalismus in dessen räumlicher Verschiebung liegen könnte. Statt aus dem Newsroom im Gewerbegebiet am Stadtrand in gedruckten und digitalen Medien zu publizieren, sollen die Medien neue Wege erschließen, ihren Konsumentinnen und Konsumenten persönlich zu begegnen. Das Projekt "Media Rewilding" des "Krautreporter"-Herausgebers Alexander von Streit etwa betrachtet Medienmarken, die auf Live-Veranstaltungen und andere innovative Ideen setzen. Correctiv zum Beispiel betreibt seit Juni 2025 in der Gelsenkirchener Innenstadt ein Café, das gleichzeitig eine "Pop-Up-Redaktion” ist.
Es ist also nicht verwunderlich, dass das für seine investigativen Recherchen bekannte Medienunternehmen auch als journalistischer Partner für Recherche und Factchecking bei "Fun Facts" dabei ist. Dieses Projekt will die beiden gerade geschilderten Trends zusammenbringen. Das täglich erscheinende 15-minütige Format verhilft nach eigener Beschreibung "Fakten durch Humor und Prominenz zu mehr Reichweite". Es setzt auf bekannte Comedians, Schauspielerinnen oder Autoren, die auf Bühnen im ganzen Bundesgebiet humorvolle Monologe und Dialoge zu aktuellen Themen vortragen, die anschließend auf Youtube und in anderen sozialen Medien sowie als Podcast ausgespielt werden.
Rein inhaltlich unterscheiden sich die täglichen Depeschen kaum von anderen news-nahen Satire-Formaten in Fernsehen und Internet, von "Heute Show" bis "Smypathisch", sei orientieren sich an der "Daily Show" oder "Last Week Tonight". Je nach Host des Tages können die Beiträge wie typische Late-Night-Monologe wirken, in denen mehrere Themen abgehandelt und mit Witzen flankiert werden. Zum Beispiel in der Folge mit Eva Schulz vom 22. April, in der es nacheinander um Bundeswehr, Kriminal-Statistik und Olympia-Bewerbungen geht. Öfter jedoch bieten sie "Deep Dives" zu einem einzelnen Thema wie der Wahl in Ungarn oder dem Krieg in Gaza.
Auf Youtube, wo der Anfang März gestartete Kanal nach einem Monat schon 100.000 Abonnenten feierte, bekommt jedes Video knackige Titel wie "Orbán weggezaubert" und einen typischen, Aufmerksamkeit erregenden Thumbnail.
Einzigartig wird das Format jedoch durch die Live-Verbreitung, die zugleich der deutschen Tradition des politischen Kabaretts Tribut zollt. "Fun Facts" wird auf Kabarett-Bühnen wie denen der Münchner Lach- und Schieß-Gesellschaft oder des Berliner Mehringhof-Theaters aufgezeichnet, die Gäste zahlen ihre 20 Euro Eintritt vermutlich mehrheitlich nicht für 15 Minuten "Fun Facts", sondern für das meist daran anschließende Programm. "Fun Facts" nehmen sie als Bonus mit.
Von diesem Modell profitieren alle Beteiligten: Prominente Hosts werten die Marke auf, die dadurch auch weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler ins Rampenlicht rücken kann. Die Koalition derer, die auf der Bühne stehen, ist erstaunlich breit und reicht von bekannten Autorinnen und Autoren wie Marc-Uwe Kling und Tara-Louise Wittwer über Menschen, die man aus Film und Fernsehen kennt, wie Karoline Herfurth und Sarah Bosetti, bis zu politischen Persönlichkeiten wie Luisa Neubauer und Anne Brorhilker.
Dass einige Vorstellungen schon Wochen im Voraus ausverkauft sind, spricht für den Erfolg der Idee und dürfte auch die Theater freuen. Eine wirklich gelungene Synergie aus Live-Erlebnis und Online-Format. Und das, wie in jeder Folge betont wird, ohne großen Finanzier im Rücken, getragen durch Crowdfunding ("Bande") und die beteiligten Künstlerinnen und Künstler.
Nur eins sind "Fun Facts" nicht, trotz der Kooperation mit Correctiv und auch wenn alle in den Texten genannten Fakten real und alle Hosts echte "Faktenfans" (Selbstbeschreibung) sind: Es sind keine Nachrichten. Sie mögen manchen Zuschauenden neues Wissen vermitteln (die "Daily Show" hatte lange einen ähnlichen Ruf), aber es wäre vermessen zu behaupten, dass die referierten Sachverhalte journalistischen Nachrichtenkriterien entsprechen.
Dass auch die sich vermeintlich neutral gebende Nachrichtensprache oft Biases enthält, sei dahingestellt, aber die "Fun-Facts"-Texte, für die eine bunte Mischung aus journalistischen und kabarettistischen Autorinnen und Autoren verantwortlich zeichnet, tragen ihre progressiv-linke Haltung offen auf dem Revers. Die "Fun Facts" sind eindeutig Meinungsbeiträge, nicht selten sogar verknüpft mit aktivistischen Aufrufen zur Unterstützung von Nicht-Regierungs-Organisationen wie Finanzwende oder Plan International. Einige Kampagnen, etwa "Vergnügt" zur Wiedereinführung der Vermögens- und Erbschaftssteuer, verantwortet "Fun Facts" sogar selbst.
Es ist also fraglich, inwiefern man "Fun Facts" als Innovation im Journalismus behandeln sollte. Wie bei den eingangs erwähnten Newsfluencern wird vor allem die Arbeit anderer Journalistinnen und Journalisten kommentiert und dem Geschmack der Zielgruppe folgend "eingeordnet". Für reine Nachrichten eher vermeidende jüngere Zielgruppen mag das als Zugang zu politischen Themen gut funktionieren. Nachhaltig für die Refinanzierung von Journalismus ist es leider nicht. Denkbar wäre jedoch, dass die Unterstützung für den unterhaltenden Teil des Formats irgendwann so groß wird, dass auch Geld für Original-Recherchen abfließen kann.
Immerhin stellen die "Fun Facts" auch Soziale Netzwerke als Haupt-Nachrichtenquelle infrage: Am Ende jeder Folge mahnen die Hosts, man solle auch mal "das Handy weglegen und den Laptop zuklappen".
bild: 8104 Copyright: Foto: privat Titel: Alexander Matzkeit Darstellung: Autorenbox Text: Alexander Matzkeit ist Host des Podcasts "Läuft", den epd medien gemeinsam mit dem Grimme-Institut verantwortet. Er arbeitet unter anderem auch als freier Journalist und Kritiker.
Zuerst veröffentlicht 02.05.2026 12:04
Schlagworte: Medien, Nachrichten, Fun Facts, Journalismus, Correctiv, Matzkeit
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