Gefühltes Wissen - epd medien

04.05.2026 09:10

Als "Show des skurrilen Wissens" hat RTL die neue Game-Show "Die Weisheit der Vielen" mit Ralf Schmitz angekündigt. Gesucht werden Antworten auf kuriose und alltägliche Fragen wie: "Wie viele Klopapierrollen verbrauchen wir jährlich pro Kopf?"

Gameshow "Weisheit der Vielen" mit Ralf Schmitz

Ralf Schmitz moderiert "Die Weisheit der Vielen"

epd Vor 120 Jahren stellte der britische Naturforscher Francis Galton bei einem Schätzwettbewerb, bei dem es darum ging, wie viel ein Ochse wog, überrascht fest, dass der Median aller abgegebenen Schätzungen beinahe dem gesuchten Gewicht entsprach. Diese Erkenntnis, die zur Theorie der "Weisheit der Vielen" führte, bildet bei RTL die Basis für eine gleichnamige Showreihe. Trotz vieler Fragerunden versteht sich "Die Weisheit der Vielen" nicht als Quizshow, sondern als Gameshow. Hier wird nämlich nicht gewusst, sondern geschätzt.

Wie viele Unterhosen besitzen deutsche Männer im Schnitt? Wie oft blinzelt ein Mensch am Tag? Wie viele Sekunden darf eine Sprachnachricht im Durchschnitt dauern, damit sie noch gerne gehört wird? Derartigen Fragen stellen sich 200 Kandidaten im Studio, gegen die eine Einzelperson antritt. Gelingt es dieser Person, mit ihrer Einzelschätzung genauer zu tippen als der Schnitt der 200 Kontrahenten und somit die "Weisheit der Vielen" zu schlagen, gewinnt er 10.000 Euro.

Schlagfertiger Moderator

Dargestellt werden die Schätzungen der Vielen auf einer riesigen LED-Wand. Nach Abgabe der Schätzungen rollen zahlreiche virtuelle Kugeln an der Studiowand entlang auf die LED-Wand, während zur Fragestellung passende Popmusik ertönt. Diese imposante wie alberne Effekthascherei gehört offenbar unverzichtbar zur visuellen Identität des Formats aus dem Katalog von BBC Studios.

RTL nimmt bei diesem Schätzformat die weltweite Vorreiterrolle ein und wagt sich als erster Sender an eine Umsetzung des international als "Wisdom of the Crowd" vertriebenen Formats, das in seinem Ursprungsland Großbritannien bisher lediglich angekündigt, aber noch nicht ausgestrahlt worden ist. Eine spanische Adaption steht ebenfalls bevor.

An die Schlagfertigkeit eines Ralf Schmitz müssen die Moderatoren anderer Adaptionen des Formats aber erst mal herankommen: Dem Comedian, der nach ein paar Jahren als Sat.1-Moderator nun zu RTL zurückkehrt, gelingen einige muntere Gespräche mit den 200 Kandidaten im Studio, die die "Vielen" bilden. Nach beinahe jeder Frage pickt sich Schmitz zwei auffällig tiefe und hohe Schätzungen der "Vielen" heraus, um sich nach den Gründen für die extrem ausgefallenen Schätzwerte zu erkundigen.

Ich möchte nicht in dieses Gespräch verwickelt werden.

Dieser Rhythmus ist zwar vorhersehbar und redundant, doch die Gespräche mit den Menschen im Publikum sorgen dank Ralf Schmitz' Erfahrung mit Crowd Work in seinen Bühnenprogrammen für amüsante Momente. "Ich möchte nicht in dieses Gespräch verwickelt werden", sagt eine Frau verlegen, als sie begreift, dass auch sie dem Moderator eine Erklärung für ihre hanebüchene Schätzung schuldig ist.

Schmitz' Gespräche mit den Einzelkandidaten am Pult hingegen wirken wegen ihres ungewohnt selbstbewussten Auftretens mitunter befremdlich. Dass jeder Einzelkandidat nach seinem Einlauf zur selbstgewählten Musik den "Vielen" auch noch eine Kampfansage zu machen hat, wirkt eher lächerlich. Doch allzu ernst geht es in dieser Schätzshow ohnehin nicht zu. Verzichtbare Albernheiten wie Memes oder Sketche unterstreichen den Eindruck.

Die Vielen hinter den "Vielen"

Dabei geht es immerhin um fünfstellige Geldbeträge - zumindest potenziell. Tatsächlich scheitert ein Kandidat nach dem anderen daran, eine Schätzung abzugeben, die näher an der richtigen Antwort liegt als der Schnitt der "Vielen". Während also reihenweise Einzelkandidaten leer ausgehen, wächst im Lauf einer Folge der Tagesjackpot, den der beste der 200 Schätzer schließlich im temporeicheren Finalduell mit den übrigen "Vielen" erspielen kann. In den ersten beiden Folgen gelang dies jedoch nicht. Auf Dauer ist dieser Spielmodus frustrierend. Umso erstaunlicher, dass der äußerst seltene Fall eines Sieges eines Einzelkandidaten gegen die 200 Kontrahenten kaum gefeiert wird. Stattdessen gibt es nach der Auflösung eine kurze Umarmung des Moderators, 10.000 Euro und eine schnelle Flucht aus dem Studio.

Ein großes Manko am Konzept der Show spricht Schmitz zu Beginn in einem Einspieler ganz beiläufig an: Obwohl 200 Menschen im Studio die "Vielen" bilden und ihre Schätzungen Frage für Frage auf der LED-Wand erscheinen, handelt es sich bei diesen "Vielen" nur um eine kleine Auswahl: Denn zur Ermittlung des Durchschnitts werden die Schätzungen der 200 Anwesenden um die von weiteren 2000 (!) vorab Befragten ergänzt, die weder anwesend sind noch zu Wort kommen. So wird aus dem redundanten Spielprinzip ein Wettkampf Einzelner gegen eine weitgehend anonyme Umfrage.

Bei RTL wird die Show auf dem Sendeplatz am Montag gesendet, auf dem sonst Günther Jauch mit "Wer wird Millionär" regelmäßig für Topquoten sorgt. Die erste Ausgabe von "Die Weisheit der Vielen" erreichte am 27. April mit 1,4 Millionen Zuschauen ab drei Jahren nur 6,5 Prozent Marktanteil. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es immerhin 8,8 Prozent.

infobox: "Die Weisheit der Vielen", dreiteilige Gameshow mit Ralf Schmitz, Regie: Knut Fleischmann, Buch: Tilo Behn, Produktion: BBC Studios Germany (RTL+ seit 20.4.26, RTL, seit 27.4.26 montags 20.15-22.15 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 04.05.2026 11:10 Letzte Änderung: 04.05.2026 12:18

Lukas Respondek

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRTL, Show, Schmitz, Respondek, NEU

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