Anrührende Geschichte - epd medien

05.05.2026 08:44

Olivia Jones gewann 1997 in Miami den Titel "Miss Drag Queen Of The World" und ist eine der bekanntesten Drag Queens in Deutschland. Der ZDF-Fernsehfilm "Olivia" erzählt die Geschichte, wie aus Oliver Knöbel, einem jungen queeren Mann aus Springe, Olivia Jones wurde.

ZDF-Film "Olivia" über Olivia Jones

Olivia Jones (Johannes Hegemann) auf St. Pauli

epd Das war ein langer Weg. Nicht nur für den schwulen Mann Oliver Knöbel aus Springe, der schon als Kind gerne Frauenkleider anzog und heute als Olivia Jones aus Hamburg St. Pauli bekannt ist. Sondern für die ganze Gesellschaft. Dieses Biopic bringt das gut in Erinnerung.

In manchen, vorwiegend eher großstädtischen Milieus zwischen dem Prenzlauer Berg in Berlin und der "Schanze" in Hamburg machen sich Eltern latent Sorgen, wenn ihr Kind völlig straight und binär durch die Pubertät geht und keinerlei Zweifel über seine heterosexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität aufkommen lässt. Nicht so in der Kleinstadt Springe bei Hannover in den 80er Jahren: Schwul zu sein und dann noch gerne Frauenkleider zu tragen und sich zu schminken, sorgte für Ausgrenzung, Scham bei den Eltern und Prügel von gleichaltrigen jungen Männern.

Männer in Glitzerklamotten

Oliver - überzeugend verkörpert von Johannes Hegemann - zieht als junger Mann in die große Stadt, weil er sich auf St.Pauli mehr Luft zum Atmen erhofft. Die bekommt er auch und macht Karriere als grell geschminkte und mit aufwendig selbstgenähtem Glitzerkram angetane Drag-Queen (dressed as a girl). Diskriminierung und Prügel erlebt er aber weiterhin.

Von Olivers Aufstieg als bunter Vogel erzählt dieser Film von David Ungureit (Buch) und Till Endemann (Regie) mit viel Musik und diversen verkleideten Männern in Glitzerklamotten und mit turmhohen Perücken zum Anstaunen. Er basiert auf dem Buch von Olivia Jones (unter diesem Namen veröffentlicht) und ist in enger Zusammenarbeit mit Oliver Knöbel entstanden.

Im Kostüm zur Musterung

Das merkt man dem Film auch an. Das hier ist kein Biopic, das einen Menschen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, um ihn möglichst realistisch mit allen charakterlichen Facetten - einschließlich der negativen - darzustellen. "Olivia" ist ein "Ich-über mich"-Film beziehungsweise ein Film nach dem Motto "Wir über Oliver/Olivia wie sie das möchte". Der Protagonist lebt schließlich noch. Warum sollte er bei etwas anderem auch mitmachen?

Was die Selbstdarstellung von Oliver angeht, beschleichen einen mitunter also leichte Zweifel. War der junge Mann wirklich so cool bei der Musterung, wo er in vollem Kostüm geschminkt erschien? Hatte er wirklich eine so große Klappe wie im Film, wo er bei der Aufforderung, sich für die Untersuchung auszuziehen, noch einen halben Striptease hinlegt? Könnte die Erinnerung da etwas verklärt haben?

Tingeln von Showbühne zu Showbühne

Wir wissen es nicht und es ist auch egal. Der Film "Olivia" ist, so wie er ist, eine anrührende Geschichte über einen Menschen, der anders ist als die meisten, einen Menschen, der das erkennt und seinen Weg gegen alle Widerstände geht. Der Oliver im Film schafft es, zu sich selbst zu halten. Ein bisschen Größenwahn scheint da ganz hilfreich. Als er in St. Pauli von Showbühne zu Showbühne tingelt und es Absagen hagelt, weil die Showprofis den Anfänger aus der Provinz nicht gut genug finden, ist seine Reaktion: "Ich mach es, bis es Euch gefällt."

Und so kam es dann auch, nicht zuletzt dank der tatkräftigen Unterstützung von Lilo Wanders (Stephan Kampwirth), die/der es damals über das Schmidt-Theater schon ins Fernsehen geschafft hatte.

Auch die liberale Hamburger Evangelische Kirche kommt hier gut weg. Der Pastor in St. Pauli (Matthias Bundschuh) akzeptiert Oliver samt seiner Rolle als Olivia, wie die beiden nun mal sind. Und sogar das "Wort zum Sonntag" darf Oliver in der Rolle der grell verkleideten Olivia eines Tages anmoderieren, als es um den European Song Contest geht. Dieser Auftritt trägt viel dazu bei, das Verhältnis von Mutter (Annette Frier) und Sohn zu verbessern.

Überforderte Mutter

"Wenn sogar die Kirche meinen Sohn so akzeptieren kann, warum kann ich das eigentlich nicht", scheint sich die Mutter zu fragen und macht sich auf, um Oliver auf dem Kiez zu besuchen und neu kennenzulernen. Verzweifelt und voller Sorge, was aus ihrem Jungen nur werden soll, hatte die eigentlich sehr liebevolle, von der nicht "normgerechten" Entwicklung ihres Kindes aber heillos überforderte Alleinerziehende ihren Sohn eines Tages nicht nur "abartig" genannt, sondern sogar als "Abschaum" bezeichnet.

Sie entschuldigt sich bei ihm. Tatsächlich hat sich die ganze Gesellschaft für viel zu entschuldigen, blickt man auf die Lebens- und Leidensgeschichten von Menschen wie Oliver Knöbel zurück. Und das schließt ausdrücklich all die nicht heterosexuellen Menschen aus Springe und anderswo ein, die keinen Drang verspüren, sich auffällig zu kleiden. Dass die Zeiten schlimmster Diskriminierung noch nicht so lange her sind (Knöbel wurde 1969 geboren) ruft dieser Film in Erinnerung. Die Fortschritte sind groß, Menschen wie Oliver Knöbel/Oivia Jones haben sie erkämpft. Ein Film wie "Olivia" trägt hoffentlich dazu bei, dass dies nicht zurückgedreht wird.

infobox: "Olivia", Fernsehfilm, Regie: Till Endemann, Buch: David Ungureit nach dem Buch "Ungeschminkt" von Olivia Jones, Kamera: Bjørn Haneld, Produktion: Florida Film (ZDF-Mediathek ab 5.5.26, ZDF, 13.5.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 05.05.2026 10:44

Andrea Kaiser

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF

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