10.05.2026 09:00
ARD-Dokumentation "70 Jahre ESC - More than Music"
epd Das 70-jährige Jubiläum des Eurovision Song Contest steht in diesem Mai bevor. Etliche teilnehmende Rundfunkanstalten aus Europa nehmen zu diesem Anlass Rückblicke auf die beeindruckend lange Geschichte der Fernsehshow ins Programm. Ob als interaktives Online-Quiz wie in Norwegen, als Showreihe im Gastgeberland Österreich oder als Fernsehdokumentationen wie in Kroatien, Israel und in Frankreich: Europa mag dem ESC-Motto folgend "United by Music" sein, doch bei der dokumentarischen Geschichtsschreibung kocht jedes Mitglied der European Broadcasting Union (EBU) lieber sein eigenes Süppchen.
Innerhalb der ARD sind nun immerhin SWR, HR, NDR und WDR "United by Anniversary" und blicken in einem 90-minütigen Dokumentarfilm zur Primetime im Ersten auf die Geschichte des ESC zurück. Doch gibt es "die" Geschichte des ESC überhaupt?
Ein derartig großer und langlebiger Wettbewerb lässt sich mit seiner 70-jährigen Historie ganz unterschiedlich erzählen: Ein musikgeschichtlicher Ansatz könnte sich auf das Liedgut aus sieben Jahrzehnten ESC fokussieren, ein formathistorischer den Wandel des Wettbewerbs als Fernsehshow. Auch politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, queere oder modische Perspektiven auf die Geschichte(n) des ESC könnten jeweils ganze Dokumentationen füllen. Hinzu kommen Blickwinkel aus inzwischen etwa 50 Nationen, die seit 1956 am Wettbewerb teilgenommen haben.
"70 Jahre ESC - More than Music" hat sich für keinen dieser Wege konsequent entschieden. In 90 Minuten reißt der als "facettenreiches Porträt des ESC" angekündigte Film tatsächlich allerlei Themen an: Erst geht es um die Modegeschichte des ESC und die Gründungsidee der European Broadcasting Union, dann ausführlich um Meilensteine der deutschen Teilnahme am ESC.
Besprochen werden auch die Bühnengestaltung beim ESC, die Mehrsprachigkeit des Wettbewerbs, die Bedeutung des Queeren und Diversen und abschließend die politischen Konflikte, in deren Spannungsfeld sich der ESC als multinationales Event nicht erst seit den aktuellen Kriegen in der Ukraine und in Nahost befindet.
Die Vielfalt an verhandelten Perspektiven und Themen verhindert leider den Tiefgang, den der ESC in jedem der angerissenen Punkte bieten könnte. So beschränkt sich der Film notgedrungen und dennoch bedauerlicherweise auf die Spitze eines Jahr für Jahr größer werdenden Eisbergs. Zu sehr ins Detail soll diese Jubiläumsdokumentation offenbar gar nicht gehen, dient sie kurz vor der 70. Ausgabe des Wettbewerbs mutmaßlich vor allem dessen Bewerbung. Dennoch gelingt es dem Film, in vielerlei Hinsicht zu überraschen, und das nicht nur, indem er sogar der einzigen Nichtteilnahme Deutschlands im Jahr 1996 ein kurzes Segment widmet.
Unter den vielen interviewten Mitwirkenden, die im Film Anekdoten, Meinungen und Fakten über den ESC teilen, gehört nicht nur alteingesessenes ESC-Personal wie der langjährige Kommentator Peter Urban, sondern auch Stimmen, die weniger bekannt sind oder sich seltener im ESC-Kontext äußern. Modeschöpfer Jean Paul Gaultier etwa erzählt vom Federkostüm, das er für den Auftritt der israelischen Siegerin von 1998 entworfen hat.
Der mehrmalige Bühnendesigner Florian Wieder wiederum lässt wissen, worauf es beim Entwerfen eines ESC-Bühnenbilds ankommt. Und Hape Kerkeling gibt einen spannenden Einblick in die Jurystimmung während Lenas großem Auftritt in Oslo 2010. Dies sind einige kurze Momente, in denen die Doku über die bekannten Ralph-Siegel-Anekdoten hinaus hinter die Kulissen der Show blickt.
Hape Kerkeling, der dreimal den deutschen Vorentscheid moderierte, tut der Doku ohnehin einen großen Gefallen, indem er die gewagtesten, aber auch streitbarsten Zitate des Film liefert. "Solange es den ESC geben wird, hat die Demokratie in Europa eine Chance", heißt es etwa. Und wenn Conchita Wurst mit ihrem klaren Bekenntnis zur Vielfalt 2014 verloren hätte, "dann hätten wir alle queeren Menschen mitverloren", so Kerkeling.
Unterschätzt wird die Wirkmacht dieser Fernsehshow jedenfalls nicht. Mit viel Archivmaterial, diversen Expertenstimmen und musikalisch einzig mit ESC-Liedern untermalt vermittelt "70 Jahre ESC" trotz meist ausbleibender Tiefe den Eindruck, mit Liebe zum Detail umgesetzt worden zu sein. Kritische Stimmen beschränken sich allenfalls auf eine von der EBU geduldeten zu starken Politisierung des Wettbewerbs. Einer nostalgischen Huldigung zum Jubiläum ist dieser wohlwollende 90-minütige Crashkurs durch die ESC-Geschichte angemessen. Zu Ende erzählt ist diese dadurch aber noch nicht.
infobox: "70 Jahre ESC - More than Music", Dokumentation, Regie und Buch: Christopher Kaufmann, Kamera: Benjamin Kahlmeyer, Produktion: Drive beta (ARD-Mediathek/SWR/HR/WDR/NDR, seit 8.5.26, ARD, 11.5.26, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 10.05.2026 11:00
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, ESC, Respondek, ema
zur Startseite von epd medien