In die Unendlichkeit fallen - epd medien

12.05.2026 08:50

Der Komponist und Autor Henrik von Holtum verdichtet in seinem Mystery-Hörspiel "Das Loch in der Welt" die Ur-Angst vorm Nichts zu elektrisierender Poesie.

"Das Loch in der Welt - binaurales Mystery-Erlebnis" bei ARD Sounds

epd Ein Waldrand, davor eine Reihenhaussiedlung: Hier unter dem Asphalt war es, das Loch, das alles veränderte. Etwa anderthalb Meter breit, bodenlos, ohne Wände, tiefschwarz. Nichts davon ist mehr zu erkennen, aber im Innersten des Ich-Erzählers von Henrik von Holtums Hörspiel klafft es immer noch.

Warum der Mann nach Jahrzehnten diesen Weg vom Elternhaus zur einstigen Schrebergartensiedlung noch einmal einschlägt, wo er und seine Kindheitsfreunde ihre halb verbotenen Abenteuer erlebten, weiß er anfangs selbst nicht. Aber er ahnt: Wo damals etwas Ungeheuerliches geschah, könnte noch Jahrzehnte später so etwas wie ein Auftrag für ihn bereitliegen.

Niemandsland und Abenteuerspielplatz

Zuerst hört man nur ein Knistern und Britzeln, ein Klickern wie vom Auf- und Abkullern von Kieselsteinen in der Brandung. Es ist das akustische Zeichen dafür, dass "es" losgeht. Das gilt sowohl für das dreidimensional aufgenommene, also am besten über Kopfhörer zu rezipierende Hörspiel selbst, als auch für ein offenbar sehr seltenes Ereignis im Raum-Zeit-Gefüge. Die Schrebergärten, so erinnert sich der Erzähler, sollten damals abgerissen werden, um für die neuen Häuser Platz zu machen. Für eine kurze Zeitspanne waren die aufgegebenen Datschen Niemandsland und Abenteuerspielplatz.

In einer der Hütten finden die Kinder ein riesiges Loch. Ihre Experimente zur Erkundung seiner Beschaffenheit - Dinge hineinwerfen, mit der Taschenlampe hineinleuchten - führen zu nichts. Dem namenlosen Ich-Erzähler lässt dieses Rätsel keine Ruhe. Mitten in der Nacht bricht er auf. Und stürzt in das Loch. Sein endloses Fallen wird zum akustischen Trip: ein Sausen und Rauschen in Höchstgeschwindigkeit.

Stimme aus dem Nirgendwo

Der Junge schreit nicht, obwohl er das selbst so erwartet hätte, wie der Erzähler sagt, sondern er erstarrt, summt eine Melodie, schnippt mit den Fingern. Aus Isaak Dentlers sanfter Erzählerstimme schimmert glaubhaft das Kind von einst hindurch, eine dezente Grund-Melancholie klingt an, die zur Geschichte passt, ihr aber dennoch keine bedeutungshuberische Schwere aufdrückt.

Der Junge schläft zwischenzeitlich ein, während er durch die Unendlichkeit braust, wird ohnmächtig und bekommt Panikattacken, kann dazwischen aber auch immer wieder klar denken, vermisst seine Bettdecke, seine Eltern und seine Freunde und fragt sich, "was würde dort jetzt passieren ohne mich?" Vor allem erinnert er sich noch an ein "tiefes Gefühl der Sinnlosigkeit".

Leben und Sterben in einer Nussschale möchte man fast meinen. Zumal es in diesem plötzlich stagnierenden Zustand der Ort- und sogar Körperlosigkeit bald auch ein Gegenüber gibt. Ist es Gott? Ein geliebter Mensch? "Das Kind in dir"? Die Stimme aus dem Nirgendwo nennt sich schlicht "Das" und spricht pure Lyrik, tastend und bruchstückhaft, wie ein Wesen, das lange nicht gewohnt war, zu sprechen, oder schon halb zur Maschine geworden ist: "Du musst ruhig, ruhig".

Lotse durch die Unterwelt

Anne Müller spielt diese Rolle mit jener gläsernen Präzision und hellen Unheimlichkeit, die sie auch in ihren Filmauftritten zeigt. Vor unbestimmt langer Zeit, so erfahren wir, hat "Das" offenbar dieselbe Erfahrung gemacht, wie sie den Jungen jetzt ereilt - oder wie er sie gesucht hat. "Das" wird zum Lotsen durch diese Unterwelt. Allerdings nicht ganz uneigennützig, denn da draußen ist es einsam. Sie sei, sagt die Stimme, schwebend zwischen trostvollem Zuspruch, Love Talk und IT-Support, "das Andere im Strom. Ich war Ein, wie du, aber bin nicht mehr ganz, Teile haben sich gelöst". Dazu rauschen synthetische Klänge, die wie verfremdete Field Recordings aus allen Richtungen pulsieren, schwirren, krachen.

Natürlich gibt von Holtum, der seit zwanzig Jahren Radiofeatures schreibt, produziert und dafür komponiert, mit dieser Geschichte reichlich Stoff für psychologische Deutungen. Weiterleben heißt immerzu, sich von Geborgenheiten trennen. Fängt ja schon mit der Geburt an.

Doch lässt der Autor und Regisseur genügend Raum für die sinnliche Erfahrung seines Fantasy-Dramas, weil es seine Mystery-Elemente aus dem Vertrauten und Universellen bezieht. Es ist das Drama zwischen Innen- und Außenwelt, Aufbrechenmüssen und Heimweh, zwischen Ekstase und der Sehnsucht nach dem ursprünglichen Halt.

infobox: "Das Loch in der Welt - binaurales Mystery-Erlebnis", Hörspiel, Regie und Komposition: Henrik von Holtum (ARD Sounds, seit 30.4.26, SWR Kultur, 1.5.26, 18.20-19.30 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 12.05.2026 10:50

Cosima Lutz

Schlagworte: Medien, Audio, Kritik, Kritik.(Audio), KARD, Holtum, Mystery, Lutz, Makowski, ema

zur Startseite von epd medien