14.05.2026 09:50
ZDF-Dokumentation "Aids in Zeiten der Liebe"
epd Im zweiten Teil dieser Dokumentation ertönt der Vers: "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig". Das ist der Auftakttext einer Kantate von Bach. Die Hauptfiguren haben sie gern gehört und vielleicht mitgesungen? Flüchtig und nichtig, so dachten die Frommen im 18. Jahrhundert, ist all unser Treiben hier auf Erden, und die Ewigkeit, in der Gott thront, ist der große Trost.
Wenn man alle drei Teile des Films gesehen hat, ist man heutzutage weniger drauf und dran, im Gebet zu versinken - als vielleicht eher der modernen Filmtechnik dankbar zu sein: Sie ermöglicht es nämlich, ein Zusammensein, ein Milieu so aufzubereiten, auf dass es eben nicht in der Flüchtigkeit verloren gehe.
Worum geht es in den drei Teilen des Filmemachers Johannes Nichelmann? Zu Beginn im ersten Teil spricht uns Sabine Zolchow an, sie erzählt, wie es war, als sie ihren künftigen Mann kennenlernte, Heiko Zolchow, ein angehender Künstler, der später als Bühnenbildner Karriere machen wird. Wir befinden uns in der DDR der 70er Jahre.
Die Zolchows heiraten und bekommen zwei Kinder, es geht ihnen gut. Eines Abends kommt Heiko in Begleitung eines jungen Mannes nach Hause. Er liebe seine Sabine noch, sagt Heiko, aber diesen Freund namens Dirk Nawrocki eben auch und zwar sehr. Man lebt und liebt zu dritt, bis Sabine eines Tages sagen muss: "Es wird mir zu viel."
Was wir hier erleben, ist ein kleines feines Soziotop aus alten Zeiten: Eine junge Familie, ein Mann, der seine Zuneigung zu Männern nicht nur entdeckt, sondern auslebt. Dann das Künstlermilieu mit Galerien und Theatern, die verdruckste Haltung der DDR-Oberen zu solchen Bohème-Milieus - denn Schwulsein, das ist westliche Dekadenz.
Zu Heiko und Dirk gesellt sich ein Freundeskreis, etliche darunter sind ebenfalls schwul, und sie erobern sich ihre Räume, in denen sie ihre Kunst erarbeiten und ihrem bunten Liebesleben frönen. Und dies bewusst abseits von allen Regeln der sozialistischen Schicklichkeit. Doch die jungen Rebellen stoßen an Grenzen. Die Lösung: ein Ausreiseantrag in die BRD.
In der BRD geht es mit der Theaterarbeit in Düsseldorf weiter. Doch dann schlägt das Schicksal zu. Dieses heißt Aids, eine Krankheit, die bis dato niemand kannte, die es wiederum in der resilienten sozialistischen DDR nicht gab, weil sie es nicht geben durfte. Der Westen weiß aber auch nicht, wie er der tödlichen Krankheit begegnen soll. Die jungen Männer schweben plötzlich in Todesgefahr. Was sollen sie tun? Sind sie infiziert? Was bedeutet der schwarze Fleck an Heikos Bein?
Filmemacher Nichelmann hat hier eine Lebensart, einen Liebeszusammenhang rekonstruiert. Die Montage ist ein künstlerisches Meisterstück, es gibt wohl kaum einen Übergang, bei dem es hakt oder rumpelt. Zunächst scheint es so, als habe Nichelmann nur wenig Material. Reenactment gibt es, aber sparsam und kurz. Die ausgesuchten Schnittbilder, unter denen etwa das zu seiner Zeit Ost-Berliner Theater am Schiffbauerdamm in einer völlig neuen Perspektive auftaucht, seien ebenfalls erwähnt.
Von der Hauptfigur Heiko gibt es wenig Filmmaterial. Dafür hat Nichelmann viele Porträtfotos parat, denen sein Kameramann Tobias Winkel durch Beleuchtung und szenische Einbettung ein spukhaft-wunderliches Leben verleiht. Dieser Heiko hat ein hinreißend schönes Gesicht - eine Ausstrahlung zwischen Narziss und Engel. Als der 32-Jährige 1987 im Krankenhaus stirbt, weiß er genau, dass ihm die Stunde geschlagen hat und geht fast resolut von dieser Welt. So wird es erzählt. Dirk ist wie betäubt. Er überlebt den Freund nur um sieben Jahre. Nichelmann hat alle seine Protagonisten offenbar mit einem Zauberstab berührt, sodass sie reden, als ob das, woran sie sich erinnern, gerade jetzt erst geschieht: Alle sind vollkommen in dem Augenblick präsent, den sie da jeweils wieder aufleben lassen.
"Aids in Zeiten der Liebe" ist nicht nur ein Requiem für zu früh verstorbene Künstler, sondern unter dieser besonderen Perspektive auch ein Stück BRD-DDR-Geschichte, wie man sie so kaum je gesehen hat. Man wird daran erinnert, dass die deutschen Länder schon mal eine Epidemie erlebt haben. Der Film, der so leise und beiläufig daherkommt, besitzt eine bemerkenswerte poetische Kraft. Indem er den Zauber der Poesie für sich beansprucht, kann er seinem tragischen Thema gerecht werden.
infobox: "Aids in Zeiten der Liebe", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Johannes Nichelmann, Kamera: Tobias Winkel, Produktion: NB Studios (ZDF-Mediathek, seit 14.5.26, ZDF, ab 22.5.26 jeweils freitags, 23.30-00.00 Uhr)
sichtermann
Zuerst veröffentlicht 14.05.2026 11:50
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Nichelmann, AIDS, sichtermann, Makowski, ema
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