Spielfeld der KI - epd medien

20.05.2026 07:40

Die KI-Revolution ist längst im Alltag angekommen. Das ZDF fragt in mehreren Formaten, wie sich Künstliche Intelligenz auf die deutsche Arbeitswelt auswirkt.

ZDF-Themenschwerpunkt zu Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt

Florian Neuhann (2. v. r.) schaut den Jurastudenten beim Experiment "Mensch gegen Maschine" über die Schulter

epd Am 30. November 2020 präsentierte das US-amerikanische Software-Unternehmen OpenAI seinen KI-Chatbot ChatGPT erstmals der Öffentlichkeit. Das anfängliche Staunen über die neuen Möglichkeiten ist längst vorbei. Inzwischen mäandert die Wahrnehmung über das scheinbar mühelose Generieren von Wissen zwischen Bequemlichkeit und Zukunftsängsten, Selbstverständlichkeit und Sorge.

Zum Tag der Arbeit am 1. Mai hat sich das ZDF mit einem Themenschwerpunkt dem Phänomen genähert. Auf die zuweilen verblüffende Spurensuche des ZDF-Wirtschaftsjournalisten Florian Neuhann folgte eine von Nachrichtenmann Christian Sievers moderierte Diskussionsrunde, die das globale, komplexe Thema eher trivial in den bundesdeutschen Alltag zurückholte.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Die "wahrscheinlich größte Umwälzung des Arbeitsmarktes seit der industriellen Revolution", wie sie die Doku ankündigt, löst bei den Bürgern sehr ambivalente Gefühle aus. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov nutzen 69 Prozent der Befragten KI-Chatbots regelmäßig, mehr als ein Viertel sogar täglich. Demgegenüber stehen Zahlen, die das ZDF-Politbarometer für die Neuhann-Doku erfragte. 66 Prozent der Befragten glauben, dass die KI für weniger Jobs sorgen werde.

Die digitale Revolution frisst bereits ihre Kinder: Ausgerechnet Softwareentwickler müssen sich in den um ein Fünftel gesunkenen Jobangeboten begnügen, zitiert die Doku eine Studie der Stanford University. Neuhann besucht im KI-Mekka San Francisco Christian Byza, der sein "House of AI" an KI-Entwickler vermietet. Wahrscheinlich würden bald mehr als 50 Prozent der Jobs am Rechner so nicht mehr existieren, orakelt er.

Wie sich das anfühlt, erlebt Neuhann in einem Selbstversuch. Das ZDF hat einen Avatar nach ihm modelliert, den er zum Interview trifft. Das Resultat ist nicht gleich als Fake zu erkennen, doch seinem Kollegen Christian Sievers fällt auf, dass ihm nach dem Gespräch kein einziger markanter Satz in Erinnerung bleibt. Jedoch: die Technik steht erst am Anfang. Bereits beim zweiten Auftritt in der Live-Sendung verblüfft der Neuhann-Avatar damit, dass er sich direkt auf eine Vorrednerin bezieht.

Vergiftetes Präsent

Doch der Wandel ist real und massiv. Neuhann hatte vor der Doku in sozialen Medien Leute nach Erfahrungen gefragt. Nun besucht er die Kinderbuchillustratorin Anne im verschneiten Celle. Ihr hat er mit viel Ironie ein vergiftetes Präsent mitgebracht: Ein Cover des erfundenen Buches "Lenis Reise in das Land der verlorenen Socken", erstellt per KI in fünf Minuten. Anne ist empört, das Motiv sei aus Bildern von fünf Kolleginnen "zusammengeschmissen" worden. Doch dann räumt sie ein, früh schon mit dem digitalen Zeichnen begonnen zu haben, was damals als herzlos verpönt gewesen sei.

Die Stärke seiner Doku liegt darin, dass Neuhann mit sehr pointierten, gegensätzlichen Beispielen das Spielfeld der KI absteckt. In Brüssel lässt er Reden im Pressezentrum der EU-Kommission vom Apple-Chatbot übersetzen. Plötzlich geht es darum, "mit direkten Witzen mit dem Gremlin zu regieren". Gemeint waren Verhandlungen mit dem Kreml. Ein klarer Punktsieg für die professionellen Dolmetscher.

Doch dann arrangiert Neuhann mit seinem ehemaligen Studienkollegen, dem Jura-Professor Rupprecht Podszun, ein Experiment mit dessen Studenten. Sie sollen in 45 Minuten mit der KI ein juristisches Gutachten erstellen. Als die Jury das Ergebnis verkündet, herrscht betretenes Schweigen: Die KI habe das beste Ergebnis erbracht.

Eine Technik wie ein Tsunami

Noch euphorischer klingt es in San Francisco. Astro Teller, der im Google Moonshot-Labor zukünftige KI-Anwendungen testet, vergleicht die Technik mit einem Tsunami. Stelle man sich ihr bloß entgegen, werde man nur nass, mache man sie sich jedoch zunutze, könne man darauf surfen und Spaß haben. Auch in Deutschland? Neuhann joggt mit deutschen Google-Entwicklern eine Runde bergauf und fragt sie, ob es so ein optimistisches Mindset auch in Deutschland gebe - und erntet bloß spontanes Lachen.

Eine Szene, die direkt auf die Tage später folgende Diskussion mit Christian Sievers überleiten könnte. Trotz eines hochkarätigen Podiums unter anderem mit Arbeitsministerin Bärbel Bas, Digital-Staatssekretär Thomas Jarzombek, dem jovialen Mittelstands-Bund-Vertreter Marc Tenbieg, der IG Metall-Vorsitzenden Christiane Benner und per Webcam zugeschalteten Zuschauern aus der "ZDF-Mitreden-Community" liefert die Talkrunde nur ein schwaches Echo auf die in der Doku aufgeworfenen Szenarien.

Jarzombek nennt die KI-Entwicklung "einen Wandel, der von unfairen Prozessen begleitet ist". Er und die anderen Diskutanten raten zur Weiterbildung und Umqualifizierung. Die zugeschaltete Lehrerin Lara Lischka will mittels KI-Chatbots Spanisch trainieren. Chayma, eine ihrer Schülerinnen, findet ChatGPT sehr bequem, hat aber gemerkt, dass sie der KI in Mathe bei den Rechenwegen nicht trauen kann.

Eigene Wirkmächtigkeit

Am Ende geht es natürlich auch ums große Geld. Wo in den USA private Venture-Capital-Funds, so KI-Experte Roland Scharrer, in zwei Monaten zweistellige Millionenbeträge herausrücken, klagen deutsche Start-Up-Unternehmer wie Ira Stoll über mangelnde Unterstützung. Die Ärztin hat ein KI-Modell entwickelt, das Schreibkräfte für Dokumentationen einspart - die dann wieder Zeit für die Pflege haben. Der Digitalbeauftragte Jarcombek kündigt die Deutschland-App mit den Partnern Telekom und SAP an. So verliert sich die Runde immer mehr darin, sich tapfer der eigenen Wirkmächtigkeit angesichts der riesigen Herausforderungen zu versichern.

Man könne die Revolution nicht aufhalten, dürfe "nicht nur Anwender sein", fordert Bas nebst einer Digitalabgabe der Tech-Konzerne. Man dürfe Deutschland nicht kleinreden, mahnt Gewerkschafterin Benner. Gegenüber dem US-Kommerz könne Deutschland mit Demokratie und sozialer Stabilität punkten. KI-Experte Scharrer lobt das "gute ethische Framework" hierzulande und setzt ebenfalls auf "mehr Mut zur Umsetzung".

Den wird er brauchen, denn bei einer Live-Umfrage während der Sendung erwarten nur 35 Prozent der Antwortenden, dass die KI die Wirtschaft rettet. Dass Deutschland überhaupt auf den Wandel vorbereitet ist, glauben lediglich zehn Prozent. Vor diesem Hintergrund hat Moderator Sievers seiner zahmen Rederunde denn auch das passende Abschiedsgeschenk gemacht. Ein Handschmeichler aus Pappelholz - ideal zur Beruhigung. Der Sturm findet weiter jenseits des Atlantiks statt.

infobox: "Am Puls mit Florian Neuhann - Frisst die KI unsere Jobs?", Dokumentation, Regie und Buch: Stefan Ebling, Hans Günther, Florian Neuhann, Kamera: Leonard Bendix, Jonathan Gaubatz u.a., Produktion: Bewegte Zeiten (ZDF, 1.5.26, 19.20-20.15 Uhr und in der ZDF-Mediathek); "Am Puls: Deutschland diskutiert: KI - Kollege oder Konkurrent?", Talkshow mit Christian Sievers, Regie: Holger Heinrich, Kamera: Maximilian Krzok, Mario Dittmann u.a., Produktion: Gruppe 5 (ZDF, 5.5.26, 20.15-21.45 Uhr und in der ZDF-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 20.05.2026 09:40

Dieter Dehler

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kriitk.(Fernsehen), Dokumentation, KZDF, Dehler

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