22.05.2026 07:00
ARD-Serie "Stardust Hotel"
epd Es gibt Erzählmythen, die immer funktionieren: historisch-nostalgisch, im Hier und Jetzt oder als Sci-Fi. Wenn ein paar Regeln eingehalten werden, bieten sie die Bühne für die Aufführung menschlicher Komödien. Die Saga vom Grand Hotel etwa. Menschliche Eigenarten und gesellschaftliche Zustände zeigen sich auf begrenztem Raum, in begrenzter Zeit, an begrenzten Charakteren. Unwichtig ist, ob das Grand Hotel ein Gebäude aus Stein ist, solange es Etagen, Gänge und Türen für Auf- und Abtritte gibt. Ein Muss sind Aufzüge und ähnliche Schleusen.
Das Grand Hotel kann auch ein Kreuzfahrtschiff sein oder ein Raumschiff wie in der Near-Future-Dramedy "Stardust Hotel" der ARD. Hauptsache, Menschen oder Maschinen leben wie zusammengewürfelt eine Weile beisammen, kommen aus ihrem Orbit, verlieben sich. Wichtig sind Concierge-Figuren, Direktionspersonen, Crew und die Erkenntnis, dass glänzende Fassade und Substanz wenig gemein haben.
Ob "Menschen im Hotel" von Vicki Baum, "Traumschiff" (ZDF), oder Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis" - alle diese Erzählungen haben einiges gemein. Die Idee und das Konzept der SWR-Serie "Stardust Hotel" leuchtet als produktive Verwurstung aller drei ein. Sieben halbstündige Episoden lang wird hier mit Hintersinn gearbeitet. Faded Glamour und Hochstapelei, die Motivklassiker kommen an Bord. Mit der Benennung der Hotelhelferlein als "Trillians" zitiert "Stardust Hotel" Adams, packt Themen wie den Longevity-Hype, toxische Männlichkeit, Heilsversprechen, Vermenschlichung der Künstlichen Intelligenz und Sexdating aufs Tapet und entfaltet durch Dialoge und Darstellung großen Charme.
Als Nia (Vanessa Loibl), nach dem Ableben ihres Onkels Hotelerbin, im "Stardust Hotel", einer Grand-Hotel-Raumstation ankommt, hat sie ein Ziel: Schnell wieder weg. Es trifft sich, dass der schmierige Hotelmagnat John Miko (Roland Bonjour) interessiert ist, ihr den Schuppen abzunehmen. Erstens sind die besten Zeiten vorbei und zweitens hat sie Schulden bei Miko.
Von den diversen Mitarbeitern wird die Neue beargwöhnt. Veränderungsaversion. Nicht nur das Stardust-Hotel hat die besten Zeiten hinter sich - Vero Sue (Sabine Vitua) ist einziger Gast -, sondern auch die Erde selbst. Menschen sind längst evakuiert von diesem glühenden Hitzeball.
Nia will das Hotel aufhübschen, den Hoteltester-Stern bekommen, es dann verscheuern und weiterpilgern. Diesen Plan hat sie ohne die Crew gemacht und ohne Chef-Concierge Adam (David Brizzi), einen Androiden, der sich jedem Update verweigert, lieber selbst in der Bibliothek in alten Büchern stöbert und das selbstlernende System gibt. Er stößt auf absurde Sitten und frühere Gebräuche, die dem Projekt Hotelrettung fortan die Handlungsdynamik geben. Weder Adam noch Vero Sue, noch die Intelligenzbestie Yakumi (Silke Sollfrank) oder die singende Servicekraft Eks (Tomomi Themann) sind nämlich gewillt, das warme Nostalgiegefühl, das menschlich Unperfekte, den verblichenen Charmes dieses Ortes zugunsten einer anonymisierenden Modernisierung des Betriebs aufzugeben.
Adam, der alles übers Menschsein lernen will, auch Fehlbarkeit und Unlogik, belebt Angebote wie das Hotel-Hochzeits-Paket wieder. In der Episode "Hochzeit 3.0" versucht das Paar Beatriz (Taneshia Abt) und Bonzo (Wilson Gonzalez Ochsenknecht), seine kriselnde Beziehung durch eine solche Zeremonie zu retten, der Servicecomputer "Smartie" (mit der Stimme von Detlev Buck) soll den Priester spielen. Leider ist "Smartie" kein Supercomputer wie Adams' "Deep Thought", sondern beschimpft mit Vorliebe alle. Und Adam, der Androide, hat sein Bücherwissen unorthodox abgespeichert.
Besser klappt die Liebe zwischen Adam und Nia, obwohl seine aus einem Frauenversteher-Buch entlehnte Affektionserklärung Nias "Evil Twin" Pia trifft. Als die "Hoteltestungsperson" mit Namen Schmitt gleich zweifach eincheckt, kommt es zur Verwechslungskomödie. Frischer kommt die Fiktion in der ARD selten daher als in dieser kleinen, feinen Serie, in der die Zukunft nicht verloren gegeben wird.
infobox: "Stardust Hotel", siebenteilige Serie, Regie: Simon Ostermann, Elsa van Damke, Idee und Konzept: Sebastian Eggert, Buch: Valentina Brüning (Headautorin), Thomas Mielmann, Vivien Hoppe, Kamera: Johannes Greisle, Sabine Panossian, Produktion: Letterbox Filmproduktion (ARD-Mediathek/SWR, seit 22.5.25)
Zuerst veröffentlicht 22.05.2026 09:00
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Ostermann, van Damke, Eggert, Brüning, Mielmann, Hoppe, Hupertz
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