When we were young - epd medien

23.05.2026 08:05

Jahrzehntelang war die Lektüre der "Bravo" ein Muss für Millionen Jugendliche in Deutschland. Starschnitte hingen in unzähligen Jugendzimmern, die Zeitschrift schuf Idole. Die Dokumentation "Bravo - Headlines, Hypes und Herzschmerz" blickt zurück auf 70 Jahre Bravo.

ARD-Dokumentation "Bravo - Headlines, Hypes und Herzschmerz"

Die "Bravo" war zentrale Instanz für Musik, Körper, Liebe und Sexualität

epd Der 2024 verstorbene Medienforscher und Filmemacher Lutz Hachmeister sagte einmal, die Zusammenarbeit mit der ARD sei bisweilen mühselig, weil man es "mit halben Fußballmannschaften als Redakteursteams" zu tun habe. In dieser Hinsicht hat die ARD mittlerweile noch aufgerüstet. Im Abspann des Dreiteilers "Bravo - Headlines, Hypes und Herzschmerz" sind zwölf Redakteurinnen und Redakteure aufgeführt, also eine komplette Fußballmannschaft inklusive Ersatzspieler. Man würde gern mal Mäuschen sein, um zu erfahren, wie Einzelpersonen in solchen Arbeitskonstellationen überhaupt inhaltliche Akzente setzen können.

Die Dokumentation "Bravo - Headlines, Hypes und Herzschmerz" erzählt Geschichte und Wirkungsgeschichte der 1956 erstmals erschienenen "Bravo" mithilfe ehemaliger Redakteure und vor allem von Musikern, deren Karrieren die Jugendzeitschrift zumindest mitgeprägt hat. Eloy de Jong, in den 1990er Jahren bekannt geworden mit der Boygroup Caught in The Act, erzählt davon, wie er unter anderem aus geschäftlichen Gründen seine Homosexualität verschweigen musste. Die "Bravo" hätte ihn heterosexuellen Mädchen sonst nicht mehr als Objekt der Begierde präsentieren können.

Comedians in Jugendzimmerkulisse

Angelo Kelly blickt mit dem Gestus des mit vielen Wassern gewaschenen Musikbranchenkritikers darauf zurück, welche Rolle die "Bravo" für die Kelly Family gespielt hat. Die Autorin der Dokumentation, Mariska Lief, liefert Einblicke in das heutige Schaffen der Stars von einst. So sind Ausschnitte aus aktuellen Live-Shows von Angelo Kelly und vom Sänger und Schauspieler Oli P. ("Gute Zeiten, schlechte Zeiten") zu sehen.

Die Rolle der "Bravo"-Leserinnen und Leser nehmen drei Comedians Ende 30 ein: Ariana Baborie, Gazelle Vollhase und Aurel Mertz sitzen in einer Jugendzimmerkulisse mit entsprechenden Postern, lesen sich aus alten Artikeln vor, unterhalten sich darüber - zunächst schwelgend, oft berechenbar ironisch, später zunehmend kritisch -, spielen sich Songs aus "Bravo Hits"-CDs vor und singen mit. Diese Passagen haben eine ähnliche Funktion wie in anderen dokumentarischen Produktionen die Zwischenmoderationen.

Übergriffige Interviewfragen

Es entsteht ein facettenreiches Bild: Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout stellt den "pädagogischen Wert" der Sexualaufklärung in der "Bravo" heraus. Gleichzeitig thematisiert Autorin Lief die Übergriffigkeit von Interviewfragen nach dem Sexleben von Stars und sexistische Beschreibungen von Frauenkörpern. Kohout sagt, der Realitätsgehalt von "Bravo"-Geschichten sei mit dem von "kitschigen Romanen oder Liebesfilmen" vergleichbar gewesen, betont aber, dass "Projektionsflächen" auch positive Funktionen hätten.

Insgesamt leidet "Bravo - Headlines, Hypes und Herzschmerz" darunter, dass eine Kernidee des Konzepts nicht funktioniert: Baborie, Vollhase und Aurel Mertz müssen in der für sie gebauten Kulisse teenagerhaft herumlümmeln, damit sich die "Bravo"-Leser unter den Zuschauern daran erinnern, wie sie selbst einst mit Freunden oder Geschwistern in der Zeitschrift geblättert haben. Gleichzeitig müssen die drei Comedians als reflektierte Kulturarbeiter agieren, die zum Beispiel über inszenierte Wirklichkeiten in der "Bravo" und die Abhängigkeit der Stars von der Zeitschrift sinnieren.

Viel Popkultur

Offenbar waren die Produktionsfirma Looks Film und die beteiligte Fußballmannschaft aus den ARD-Redaktionen der Ansicht, dass es nicht reicht, die Geschichte der "Bravo" anhand von Interviews und reichlich Musikvideo-Archivmaterial zu erzählen, sondern dass man dafür auch durchchoreographierte Talk-Action braucht.

Was auf einer übergeordneten Ebene zu bemängeln ist: Neben dem Dreiteiler zu 70 Jahre "Bravo" hatte und hat die ARD in diesem Frühjahr überdurchschnittlich viele, von der ARD-Mediathek als "Highlights" angepriesene popkulturgeschichtliche Anlassfilme im Angebot: Dokumentationen zu 70 Jahre European Song Contest, 70 Jahre Herbert Grönemeyer, 80 Jahre Udo Lindenberg und 30 Jahre Sportfreunde Stiller. Nicht zu vergessen Musikdokus ohne Jubiläumsbezug - über Boney M., die Toten Hosen, den HipHopper Xatar und Taylor Swift. All diese Dokumentationen werden prominent in der Mediathek und im Portal ARD-Kultur präsentiert. Angesichts dieses Overkills und angesichts der Überlegungen der ARD, nicht zu viele Angebote zu ähnlichem Content zu machen, darf der Senderverbund gern mal andere Schwerpunkte setzen im dokumentarischen Bereich.

"Bravo - Headlines, Hypes und Herzschmerz", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Mariska Lief, Kamera: Benjamin Kahlmeyer, Daniel Laudowicz, Produktion: Looks Film (ARD-Mediathek/ARD Kultur/WDR/BR/HR/SWR/MDR/RBB, seit 23.5.26, WDR, 3.6.26, 22.15-23.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 23.05.2026 10:05

René Martens

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Martens

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