25.05.2026 09:15
Zweite Staffel der ZDF-Serie "Push"
epd Seit die amerikanische Serie "Six Feet Under" ab 2001 über ein fiktives Bestattungsunternehmen erzählte, ist der letzte Abschnitt der irdischen Reise von Menschen ein fester Bestandteil des fiktionalen Fernsehens. Mit schwarzem Humor, als Hommage an das Leben und den Moment, der zählt. Bestatter und Bestatterinnen, ob von Anke Engelke oder Edin Hasanovic verkörpert, sind in diesen Serien und Filmen gewöhnliche Leute und Garanten der Würde zugleich. Sehr gutes Fernsehen ist hier entstanden, vielschichtig, nachdenkenswert und bildkräftig.
Geht es um die Reise ins Leben, scheint die richtige Tonlage schwerer zu treffen zu sein. Das könnte daran liegen, dass Schwangerschaften und Geburten oft medizinisch-faktisch betrachtet werden (zum Beispiel in den ARD-Mittwochsfilmen rund um Pränataldiagnostik und Gendefekte) oder mythisiert und romantisiert werden. Der Beruf der Hebamme scheint ominöser als der des Bestatters: Sie ist Berufene, Heldin, Vertraute, Bigger-than-Life-Persona oder auch Angeklagte vor Gericht, wenn bei der Geburt etwas schiefgegangen ist.
Anders sieht es in "Push" aus. Als die erste Staffel der ZDF-Serie vor zwei Jahren drei Hebammen durch Schwangerschafts- und Niederkunftsgeschichten folgte und dabei Höhen und Tiefen des Berufs in realistischer, aber nicht übertrieben dramatisierender Weise auslotete, sah man gelungenes Neues. Alltag von (freien) Beleghebammen und Angestellten unter Druck im Krankenhaus, Alltag von Schwangeren aus verschiedensten Lebenskreisen, mal mit, mal ohne Partner, mal happy, mal verzweifelt, sowie einen frisch präsentierten Medicalserien--Background, formal und inhaltlich verflochten zum Kosmos lebendiger Beziehungen und einer Gesellschaft in Bewegung.
Zwar gab es zwar auch hier private Dramen zuhauf, insgesamt aber wurde mit einer großen Portion Zuversicht erzählt, ohne Süßlichkeiten. Herausragend waren Anna Schudt, Mariam Hage und Lydia Lehmann in den Hauptrollen.
Nun ist die zweite Staffel von "Push" mit zehn neuen Folgen da. Das mag viel erscheinen, Längen gibt es jedoch nicht. Vielmehr wird so dicht erzählt, als hätte Showrunnerin und Hauptautorin Luisa Hardenberg mehr Geschichten in petto. Dieses Mal werden auch Schwangerschaften länger begleitet. Abschnittweise wird viel erklärt, das Lexikon der weiblichen Gesundheit reicht von Schwangerschaftsvergiftung bis zur Diagnose Trisomie 21, was sich in diesem Kontext freilich rechtfertigen lässt.
Wieder gibt es alle möglichen Geburtsgeschichten, geschickt verflochten, keine Niederkunfts-Nummernrevue. Zu sehen sind auch echte Geburten und äußerst naturalistische Szenarien. Mit Plazentas wird hantiert, Dammrisse werden diskutiert. In einer Folge geht es auch um Gewalt unter der Geburt.
Diese Folge, die fünfte, sticht auch formal als quasidokumentarische Schichtbegleitung in der Klinik heraus. Wir folgen Schichtleiterin Elke (grandios: Marie Rosa Tietjen) durch besonders stressige Stunden, die kein Ende zu nehmen scheinen. Hebammenstudentin Greta (Lydia Lehmann) wird Zeugin. Kreißsäle sind belegt, Kolleginnen krank, nichts läuft rund an diesem Tag. Die Leitlinien, an denen Anna (Anna Schudt) zur Vorlage bei der Gesundheitspolitik mitarbeiten soll, sind Zukunftsmusik.
Elke, allseits geschätzt, ist schon über die Grenze, als sie es mit einer Gebärenden aufnehmen muss, die pathologische Angst vor Spritzen und Operationen hat. Über Stunden schreit sie ihr den Schmerz ins Ohr, und als das Baby endlich da ist, droht eine Operation der Plazenta. Schließlich, mit bestenfalls halbherziger Einwilligung der Panischen, löst Elke die Plazenta manuell. Vielmehr: Sie reißt sie an der Nabelschnur raus.
Später, als Greta und der verwirrte Vater mit Elke reden wollen, als Elke Angst vor einer Anzeige hat und Greta sich zu Hause verkriecht, fällt Anna die Aufgabe der Erklärung zu. Diese fünfte Folge hat eine verstörende, unheimliche Kraft. Ihre visuelle Dynamik bleibt lange präsent.
Nalan (Mariam Hage), die Hebammenkollegin, die in der ersten Staffel eine Fehlgeburt erlitt, probiert es mit Partner David (Hassan Akkouch) nach langem Abwägen mit künstlicher Befruchtung. Lydia ist immer noch verliebt in Ärztin Charlotte (Katia Fellin), die Chefärztin (Idil Üner) tritt nach ihrer Krebserkrankung kürzer. Anna lebt nun in Scheidung, hat endlich eine eigene Wohnung, einen charmanten Flirt (Oliver Mommsen) und auch die Wechseljahre werden ein Thema (inklusive Hormonersatztherapie). Bei Arzt Jan (André Kaczmarczyk) und Ärztin Fritzi (Llewellyn Reichman) führt das Thema Kinderwunsch zur Trennung.
Auch die zweite Staffel von "Push" ist also sehr zu empfehlen. Nur auf den ersten Blick kurios ist, dass laut ZDF mehr Männer als Frauen die erste Staffel geschaut haben. Die Serie taugt wohl auch als intensive Vorbereitung auf die Familienphase.
infobox: "Push", zehnteilige zweite Staffel der Serie, Regie: Pia Hellenthal, Joya Thome, Buch: Luisa Hardenberg, Anne Katharina Roicke, Johannes Rothe, Kamera: Doro Götz, Lydia Richter, Produktion: Bantry Bay Productions (ZDF-Mediathek, seit 22.5.26, ZDFneo, ab 27.5.26 jeweils mittwochs, 21.45-23.20 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 25.05.2026 11:15
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Serie, Hellenthal, Thoma, Hardenberg, Roicke, Rothe, Hupertz
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