27.05.2026 07:10
Podcast "Werner Herzog - zu groß für Deutschland"
epd Die Aufmerksamkeitsökonomie will bedient werden. Wenn einer zum Beispiel einen Podcast über Werner Herzog machen will, dann reicht es nicht mehr zu sagen: Werner Herzog hat eine faszinierende Biografie und Werksgeschichte mit einer starken frühen und einer starken späten Phase, voller Widersprüche und Kontinuitäten. Es muss ein überraschender Hook konstruiert werden: Ein Haken, an den sich der Podcast hängen lässt.
Im Fall von "Werner Herzog - zu groß für Deutschland" hat es dieser Hook bis in den Titel geschafft. Erhebliche Teile der ersten von sechs Folgen verbringt Host Max Osenstätter damit, einen Gegensatz zu konstruieren, der schwer haltbar ist: Werner Herzog sei in den USA ein Star, den "alle" kennen, heißt es, aber in Deutschland sei er beinahe unbekannt. Als Beweis müssen Straßeninterviews aus Deutschland herhalten, in denen die Befragten Werner Herzog nicht zuordnen können, und Tonschnipsel auf Englisch, in denen Herzog frenetisch gefeiert wird, einmal sogar als "größter lebender Filmemacher". Eine Straßenumfrage aus den USA gibt es natürlich nicht.
Fakt ist, und so erzählt der Podcast es später auch: Herzog ist in den 1990er Jahren ausgewandert. Nicht zuletzt, weil er sich vom deutschen Kulturbetrieb nicht mehr wertgeschätzt fühlte. Der heute 83-Jährige arbeitet vor allem in den USA, auch als Schauspieler, und ist dort wegen seiner markanten Erscheinung und Stimme zu einer Art teutonischer Kultfigur geworden. Wirklich bekannt ist seine Person und sein Werk auf beiden Seiten des Atlantiks aber vermutlich vor allem kulturell interessierten Menschen, Nebenrollen in "The Mandalorian" hin oder her.
Vielleicht ist diese Zuspitzung von Herzogs Ruhm aber auch kein Marketing-Hook, sondern ein Beispiel für "ekstatische Wahrheit". Herzog hat sich oft für diese Weltwahrnehmung auch und gerade in seinen Dokumentarfilmen ausgesprochen. Eine übersteigerte Version der Wirklichkeit, die prägnante Bilder und poetische Zusammenhänge höher schätzt als reine Fakten. Diese Philosophie berührt Max Osenstätter nach eigener Aussage, weil er privat selbst gerne geschönte Geschichten erzählt, obwohl er sein Geld als Journalist verdient. Immer wieder spielt der Podcast Herzogs Zitat ein: "Let them factcheck to their death."
Osenstättter und sein Team erzählen von den Wechselwirkungen zwischen Herzogs Leben und Werk. Natürlich darf da Herzogs vermutlich größte Geschichte nicht fehlen: Der Dreh von "Fitzcarraldo" (1982) mit Klaus Kinski im Dschungel von Peru brauchte mehrere Anläufe und gipfelte in dem gigantomanischen Unterfangen, dass Herzog ein Dampfschiff über einen Berg ziehen ließ.
Die Besessenheit Herzogs mit dem Erschaffen dieses einmaligen Bildes dient als Schlüssel für sein ganzes Werk, von seinen frühesten Filmen bis zu seinen späteren dokumentarischen Arbeiten wie "Mein liebster Feind" (1999) und "Grizzly Man" (2005). Der Podcast zeigt, warum Herzogs einmalige Fähigkeit, bemerkenswerte Bilder über Menschheit und Natur mit großen Sinnfragen aufzuladen, auch im Clip-Zeitalter des Internets bestens funktioniert. Ein Ausschnitt aus "Begegnungen am Ende der Welt" (2007), in dem ein verwirrter Pinguin allein in die Berge davonläuft, während Herzog "But why?" fragt, ist erst vor Kurzem wieder viral gegangen.
Osenstätter und sein Team, hervorzuheben ist vor allem Regisseur und Co-Autor Klaus Uhrig, haben tief in den Archiven gegraben und viele alte Weggefährten von Herzog interviewt, um seinem Mysterium auf den Grund zu gehen und viele seiner wildesten Geschichten doch zu factchecken: Unter anderem sind Kindheitsfreunde aus Herzogs Heimatdorf, seine erste Ehefrau Martje Grohmann, sein Produzent Walter Saxer, sein Kameramann Peter Zeitlinger, Juliane Koepcke, die Protagonistin von "Julianes Sturz in den Dschungel" (2000), sowie Veronica Ferres zu hören.
Nicht dabei: Werner Herzog selbst. Seine Absage - mit der natürlich perfekt passenden Begründung, Deutschland wisse nicht "was mit mir anzufangen" - wird früh offengelegt. Und obwohl ein paar Mal die Möglichkeit im Raum steht, dass Osenstätter Herzog doch noch begegnen könnte, ist der Podcast recht transparent, dass es keine überraschende Wendung mehr gibt. Herzog ist, dank vieler Ausschnitte aus Interviews und dem Hörbuch seiner Autobiografie, auch so präsent genug.
Stattdessen mündet "Werner Herzog - zu groß für Deutschland" in eine Reihe von Lektionen, die man aus Werner Herzogs Leben und Wirken ableiten kann. Für Osenstätter bleibt der Filmemacher in seiner ganzen Widersprüchlichkeit bis zum Schluss ein Faszinosum, vielleicht sogar ein etwas zu positives. Der wahre Hook des Podcasts ist nicht: Dort ist er ein Star, hier nicht, sondern: Ich habe Herzog entdeckt und will meine Begeisterung mit euch teilen.
Genau dieser subjektive faszinierte Blick verleiht dem Podcast seine Kraft. Begeisterung, auch für ein Thema, das vermeintlich schon öfter erzählt wurde, transportiert sich. Die Tiefe, mit der Osenstätter in Herzogs Geschichte und Werk eingedrungen ist, dürfte an manchen Stellen noch Überraschungen auch für Herzog-Fans bereithalten. Von denen gibt es auch in Deutschland genug. Das sei an dieser Stelle noch einmal festgehalten.
infobox: "Werner Herzog - zu groß für Deutschland", sechsteiliger Podcast mit Max Osenstätter, Regie und Buch: Klaus Uhrig, Johannes Munzinger, Judith Goetsch, Max Osenstätter (ARD Sounds/SWR, seit 22.4.26)
Zuerst veröffentlicht 27.05.2026 09:10
Schlagworte: Medien, Audio, Kritik, Kritik.(Audio), Podcast, KSWR, Herzog, Osenstätter, Uhrig, Munzinger, Goetsch, Matzkeit
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