29.05.2026 09:01
Hörspiel "Koloniale Arten" von Maxi Obexer
epd "Forever", murmelt die Schriftstellerin, Fotografin und Großwildjägerin Vivenne von Wattenwyl, als in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Afrika ein Elefant auf sie zuschreitet. Sie geht in die Knie, "vor Schönheit und vor Ehrfurcht", wie Inga Buschs lauernde, trauernde Erzählerinnenstimme sagt. Von Wattenwyl, in diesem Hörspiel mit zupackender Lieblichkeit gespielt von Lisa Hrdina, schießt - aber vorerst nur ein Bild.
So erzählt es Maxi Obexer im Hörspiel "Koloniale Arten", das unter der Regie von Christine Nagel so etwas wie ein Hybrid aus klarsichtiger Geisterbeschwörung, Wissenschaftskrimi und kritischem Essay ist. "Für immer", zumindest solange es noch Museen und Bildmedien gibt, ist jener Elefant dem menschlichen Blick ausgeliefert. Abgeknallt hat von Wattenwyl ihn dann doch noch. Ihre schwarzen Helfer mussten ihm die Haut abziehen, dann wurde der Balg in die Schweiz gekarrt. Eine "Mordslust" im Namen der Wissenschaft. Der rekonstruierte Elefant, aus Afrika geraubt, steht seither ausgestopft im Naturkundemuseum Bern.
Aber er ist deswegen nicht stumm, solange man, wie Obexer, hinzuhören weiß. Sogar ein Museum ist bei ihr nicht stumm, nicht einmal ein Reservat, selbst wenn sich darin kein einziges Tier mehr zeigen mag. Die in Südtirol aufgewachsene Schriftstellerin, Theaterautorin und Kuratorin versteht es wie derzeit nur wenige, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in seiner Widersprüchlichkeit und Intensität erzählerisch zu verdichten. Politisch ist ihre Herangehensweise dabei insofern, als sie Haltungen und Taten Einzelner der Geschichte ablauscht, anstatt den agitatorischen Eifer von Heute auf sie niederprasseln zu lassen.
Nach dem Radio-Essay "Über Tiere schreiben / Über Tiere sprechen" (DLF 2023) folgte 2024 der Roman "Unter Tieren", 2025 schließlich Obexers Erzähl- und Essayband "Odysseus’ Hund. Erzählungen von der gegenseitigen Zähmung" (beide im Weissbooks Verlag). Indem sie sich außerdem immer wieder mit den Themen Flucht und Migration beschäftigt (ihr Theaterstück und Hörspiel "Illegale Helfer" wurde weltweit nachgespielt), denkt Obexer die Gewalt an Tieren und die an Menschen mit viel Gespür für die "Vibes" der jeweiligen Zeiten zusammen.
Schicht für Schicht, Raum für Raum und Figur für Figur rekonstruiert sie ohne manipulative Emotionalität die Spuren kolonialistischer Verbrechen, die bis ins Heute ragen. Dazu schickt sie eine Schriftstellerin und eine Kuratorin, Jenny und Conny, in ein Elefantenreservat in Mosambik. Die beiden wollen "Tiere sehen". Sie kennen einander noch nicht so gut. Die nachdenklichere Jenny, gespielt von Inga Busch, und die ungeduldigere Conny (Jenny Schily) passieren in ihrem Jeep die bewaffnete Kontrolle, kurven vorbei an Warnschildern mit Tiermotiven, halten Ausschau. Stecken bald fest. Dieselruß einatmend bewundern sie die sandige Weite mit ihren "paradiesischen" Seen. Und sehen ansonsten: Nichts.
Jedenfalls nichts Lebendiges. Keine Elefanten, keine Krokodile, keine Vögel. Einzig eine Grüne Mamba schlängelt sich mal leibhaftig vor ihren Augen, aber das wahrscheinlich auch nur, um das Sündenfall-Setting zu vervollständigen. Die dunkler werdende Savanne wird zu ihrer Projektionsfläche, zur Bühne. Reale Gestalten der Vergangenheit und Geister der Gegenwart haben ihre Auftritte - was vielleicht an der Dehydrierung liegen mag.
Alles hier tut weh.
Da erscheint etwa die Tier-Illustratorin Anna Held (Maria Magdalena Wardzinska). Die beginnt eines Tages, erstmals eines dieser exotischen Tiere - eine Mendes-Antilope - in seinem kargen Gehege abzubilden, statt in einer vorgegaukelten "Wildnis". Sie zeichnet die Abwesenheit von Landschaft. Ein Akt der Rebellion?
Auch das Berliner Naturkundemuseum tritt auf, das gerade tatsächlich sein gesamtes Archiv an Vogel-Exponaten zeigt. Gesprochen von Jens Harzer mit brüchiger, fast flehentlich gedämpfter Stimme, schämt sich dieses Museum sehr für das, als was es mal gemeint war. "Alles hier tut weh", sagt es und meint damit nicht nur die ewig traurige Geschichte vom letzten Tasmanischen Tiger. Das Naturkundemuseum ist sich aber keineswegs nur peinlich, es ist sich auch seiner Verantwortung bewusst: All die Millionen Toten hier gelte es ja aufzubewahren, um sie zu erhalten. Oder wenigstens das Wissen um ihr Verschwundensein.
Auch Connys verschwundener Sohn Jan (Paul Behren) wird auf dieser Bühne erscheinen, ein Neurowissenschaftler, der sich eines Tages selbst in den Käfig setzte, in dem zuvor "sein" Makake mit aufgesägter Schädeldecke der Wissenschaft zur Verfügung stand. Irgendwann wurde der Affe nicht mehr gebraucht. Inspiriert ist diese Geschichte von Experimenten der zeitgenössischen Hirnforschung, wie sie der belgische Autor und Neurowissenschaftler Jan Lauwereyns in seinem Buch "Monkey Business" beschrieb.
Niko Meinholds Komposition mit Susanne Paul am Cello markiert die einzelnen Ebenen und Zeiträume: Mal scheint die heroische Leichtigkeit eines Filmorchesters den Geist früher Afrika-Filme zu beschwören, bis die Platte eiert und die Musik verstummt; mal funkeln Debussy-Akkorde wie das Vormittagslicht des fernen Jahrhunderts der "Moderne" auf den herrschaftlichen Mahagoni-Teetischchen.
Die verirrten Frauen machen müde Scherze über sich und ihre Lage: Sind sie womöglich bald selbst irgendjemandes Beute? Oder werden zu "Standpräparaten" wie jene stummen Vögel im Museum?
"Koloniale Arten" weiß die kulturellen Hierarchien, von denen es erzählt, in das Genre Hörspiel zu transferieren. So wie der Mensch sich über das Tier stellt, die weiße Herrschaft sich über den schwarzen Zwangsarbeiter, so herrscht - bis heute - auch eine Hierarchie der Sinne. Mit dokumentarischer Genauigkeit übersetzt Obexer das im Kolonialismus explodierende optische Begehren, also den Wunsch, "exotische" Tiere und Menschen als Sensationen zu sehen, ins Dramatische. In der Form des Hörspiels, das Bilder vorenthält und die Imagination zugleich zum Nachvollzug provoziert, gewinnt diese Geschichte ihre eigentliche Brisanz.
infobox: "Koloniale Arten", Hörspiel, Regie: Christine Nagel, Buch: Maxi Obexer, Komposition: Niko Meinhold (ARD Sounds/NDR, seit 29.5.26, NDR Kultur, 30.5.26, 18.00-20.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 29.05.2026 11:01
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KNDR, Hörspiel, Obexer, Nagel, Lutz
zur Startseite von epd medien