Repräsentant seiner selbst - epd medien

31.05.2026 09:10

Indira Geisel porträtiert in der Dokumentation "Politik ist persönlich" ihren Vater Thomas Geisel und ihre Familie, die seit mehreren Generationen aus SPD-Politikern besteht. Doch Indiras Vater trat 2024 aus der SPD aus und für das neu gegründete Bündnis Sarah Wagenknecht an.

Dokumentation "Politik ist persönlich" über Thomas Geisel

Der frühere SPD-Politiker Thomas Geisel sitzt jetzt für das BSW im Europäischen Parlament

epd Wenn ein Mensch Politik macht, ist er (oder sie) nach landläufiger Vorstellung auch Repräsentant. Praktische Politik findet in Parteien oder in anderen Gruppierungen statt. Zur Demokratie gehört, dass sie nicht Einzelnen die Bühne überlässt. Oder? Man kann sich Thomas Geisel, früher SPD, dann vorübergehend Hoffnungsträger des BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht), gut als Anhänger der Idee einer Führung durch die Leistungselite (Meritokratie) vorstellen.

In "Politik ist persönlich", einem Dokumentarfilm, den seine Tochter Indira Geisel drehte, sagt Thomas Geisel einmal, dass er - der Harvard-Absolvent, ehemals Energiekonzern-Manager - früher als SPD-Oberbürgermeister von Düsseldorf linke Politik gemacht habe. Er habe Schulen und Schwimmbäder gebaut. Er findet nicht, dass Benachteiligte Politik für Benachteiligte machen müssten. Manchmal wirkt er wie ein wandelnder Widerspruch, zusammengehalten durch ein großes Ego. Thomas Geisel mag zum Populisten geworden sein, wie es in der Familie heißt, ein Sympathieträger ist er nicht.

Politischer Kronprinz

Früher stand es besser um die SPD, als Johannes Rau, Willy Brandt oder Helmut Schmidt noch in Amt und Würden waren. Auch Thomas' Vater Alfred Geisel kann auf ein Leben in der SPD zurückblicken. Einst, so beschreibt es Thomas' älterer Bruder Christof, war dieser der politische Kronprinz des Vaters, ein Hoffnungsträger der SPD in Nordrhein-Westfalen und sein politischer Erbe. Alfred Geisel selbst hat es einst im schwarzen Baden-Württemberg bis zum Landtags-Vizepräsidenten gebracht, eine Tochter hat die Oberbürgermeister-Wahl in Tübingen gegen Boris Palmer verloren.

2024 war Thomas Geisel dann plötzlich Gründungsmitglied der Partei Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW). Nach seinem ersten großen Auftritt, in dem er die SPD unter Beifall des Publikums als gestrig und handlungsfern darstellte, schreibt Herrad, die andere Schwester, an ihn, sie wolle sich gern mit dem Bruder unterhalten, aber nicht über Politik. Er erwidert verstimmt, schizophren sei er noch nicht.

Sonnenkönig, der sich verrannt hat.

Vater Alfred ist furios wegen des "Parteiverrats". Eine Zeitung beschreibt Thomas als "Sonnenkönig, der sich verrannt hat": zum BSW, in den Wahlkampf, dann ins Europaparlament. Dort müsse er, kommentiert die Autorin aus dem Off, für seine politischen Vorstellungen mit Rechten stimmen. Bald wirke er wie ausgebremst. Gegen Ende des Films wollen sie Thomas auch im BSW nicht mehr so recht, zumindest gibt es für ihn keinen passenden Listenplatz.

In der Dokumentation wird klar, dass Ähnliches passiert wie damals in Düsseldorf, als die SPD-Genossen Thomas Geisel auch nicht mehr wollten. Denn der macht zwar eine gute Figur als professioneller Vollblutpolitiker mit den Zentralthemen Wirtschaft und gesellschaftliche Gerechtigkeit, er ist aber vor allem der Repräsentant seiner selbst. Und er ist Indiras "Papa".

Eine SPD-Familien-Dynastie

Indira Geisels Film, voller beiläufig scheinender Beobachtungen auf drei Generationen einer "SPD-Familiendynastie", in der auch Schwestern, Cousinen und Cousins angeregt mitdebattieren, voller bisweilen sarkastischer Kommentare, soll ein politischer Film sein und ein persönlicher. Gelungen ist in Zusammenarbeit mit der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels im ZDF ein faszinierend vielschichtiger Film mit Leerstellen.

Indira Geisel gelingt vieles, vor allem das erhellende Wechselspiel von Beobachten und Kommentieren. In zahlreichen persönlichen Interviewsituationen mit Thomas' Geschwistern und vor allem in Gesprächen zwischen ihm und ihrer Halbschwester, der Abiturientin Maria, porträtiert sie eine Familie, deren Leben und Beziehungen sich um die Gestaltung von Politik in der SPD drehen. Beiläufig erzählt sie damit auch die Geschichte der SPD als Volkspartei und ihrer Schrumpfung. Sie schildert den Zustand der Politik und die aktuellen Herausforderungen der Demokratie.

Papa kontrolliert das Bild

Die Tochter beobachtet die konsequent "Papa" genannte Hauptfigur bei ihrem Weg im BSW, in Brüssel und zu Hause und analysiert den Typus "Alleingänger" in der Politik. Sie zeigt die Widersprüche und Polit-Luftblasen. Der Film ist auch ein vermitteltes Selbstporträt des SPD-Parteimitglieds Indira Geisel.

Es geht ihr nicht darum, den "privaten" Thomas Geisel zu zeigen, sondern den "persönlichen". Der Papa, ganz Politprofi, kontrolliert das Bild, das er der Tochter gibt. Wo es privat wird, lenkt er ab, das ist sein Recht. Blinde Flecken machen solche Filme auch sehenswert. Man hätte trotzdem gern gewusst, ob Thomas Geisel wirklich den russischen Botschafter besucht hat. "Politik ist persönlich" ein Film, der im Gegensatz zu vielen anderen Politikerporträts Denkräume öffnet.

infobox: "Politik ist persönlich", Dokumentation, Regie und Buch: Indira Geisel, Kamera: Indira Geisel, Samuel Zerbato, Produktion: Sommer Slatter Film (ZDF-Mediathek, seit 29.5.26, ZDF, 1.6.26, 23.55-1.40 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 31.05.2026 11:10

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dokumentation, Kleines Fernsehspiel, Geisel, Hupertz

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