Macht bitte die Tür auf - epd medien

01.06.2026 07:00

Im Frühling 2023 stellte Funke Medien Thüringen in elf Gemeinden rund um Greiz die Zustellung der Papierzeitung ein und erklärte die Gegend zur "Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums". Rund 300 Abonnentinnen und Abonnenten der "Ostthüringer Zeitung" waren betroffen. Das Ergebnis der Aktion war enttäuschend: Fast die Hälfte der betroffenen Abos - 47 Prozent - gingen dem Verlag verloren. Zwei Jahre nach dem Modellversuch zur Digitalisierung der Lokalzeitung haben Thomas Schnedler und Malte Werner von Netzwerk Recherche im Dialogprojekt "Lückenfüller - Leben ohne Zeitung?" mit Menschen gesprochen, die in und um Greiz leben. Ihre Erkenntnisse stellen sie hier vor.

Was sich Leser von der Lokalzeitung wünschen

Im thüringischen Greiz liegt die Lokalredaktion der "Ostthüringer Zeitung" mittendrin, zwischen dem Oberen und dem Unteren Schloss

epd Greiz, im April 2026. Ein paar Schritte vom Marktplatz der thüringischen Kleinstadt entfernt hat die Lokalredaktion der "Ostthüringer Zeitung" (OTZ) ihren Sitz. An diesem Abend soll es um ihre Arbeit gehen, um die Zukunft des Lokaljournalismus. Mehr als 30 Bürgerinnen und Bürger sind gekommen, junge Menschen und alte. Aus Gera ist der Chefredakteur der Zeitung angereist, Nils Kawig, um sich den Fragen zu stellen. Eingeladen zu der Diskussionsrunde haben Netzwerk Recherche und die örtliche Vernetzungsinitiative Löwenspinne, ein Restaurant ist der Treffpunkt.

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die an diesem Abend miteinander sprechen. Sie kommen aus der Stadtpolitik, den lokalen Vereinen oder der Leserschaft. Doch eines eint sie - sie alle haben persönliche Erfahrungen mit der Lokalzeitung und Ideen, wie sie besser werden könnte. Für die OTZ lohnt es sich, den Bürgerinnen und Bürgern genau zuzuhören. Denn sie steht, wie viele andere Lokal- und Regionalzeitungen auch, vor existenziellen Herausforderungen. Die Auflagenentwicklung kennt nur eine Richtung: abwärts. Das Geschäftsmodell aus Abo-Verkäufen und Werbung zerbröselt. Die daraus resultierenden Sparrunden setzen die journalistische Leistungsfähigkeit der Redaktionen unter Druck. Ein Teufelskreis, der durch die digitale Transformation noch verschärft wird, wie die OTZ leidvoll erfahren musste.

infobox: Für das Dialogprojekt "Lückenfüller - Leben ohne Zeitung?" haben Thomas Schnedler und Malte Werner mit insgesamt 50 Bürgerinnen und Bürgern gesprochen. Die Gruppendiskussionen wurden in Zusammenarbeit mit lokalen Vereinen und anderen Organisationen in der Region Greiz organisiert. Das Vorhaben wurde gefördert von der Deutschen Postcode Lotterie, die gemeinnützige Projekte zum Thema sozialer Zusammenhalt unterstützt. Ihre Erkenntnisse haben Schnedler und Werner Ende März im "Greenhouse Report Nr. 4: Lückenfüller - Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?" veröffentlicht. Die Studie wurde ermöglicht durch die Schöpflin Stiftung.

Manche der Ideen, die an diesem Abend von den Menschen in Greiz vorgebracht werden, sind verblüffend einfach, doch im redaktionellen Alltag dürften sie es trotzdem schwer haben.

Da ist der Wunsch nach mehr Bürgernähe im Journalismus. Macht doch bitte die Tür auf, wenn wir bei der Lokalredaktion klingeln! Arbeitet mit den Schulen zusammen! Macht doch einen Stand auf dem Wochenmarkt, damit wir leichter miteinander ins Gespräch kommen können! Besucht die Veranstaltungen unserer Vereine! Für eine kleine Redaktion, die täglich etliche Seiten füllen muss, ist das keine leichte Aufgabe. Und doch ist es unverzichtbar: Nähe schafft Vertrauen, Nähe schafft Identifikation.

Klasse statt Masse.

Viele der Anwesenden sind Leserinnen und Leser der Lokalzeitung, sie haben deshalb ganz praktische Wünsche an die Redaktion mitgebracht. Ein besserer lokaler Filter in der OTZ-App! Weniger Tippfehler! Fachbegriffe besser erklären! Eine junge Teilnehmerin fragt, ob es nicht an zentralen Orten digitale Info-Tafeln geben könnte, auf denen die Lokalnachrichten des Tages zu sehen sind. Kostenlose News im öffentlichen Raum?

Das führt in der Diskussion zu der wichtigen Frage, für welche Informationen die Bürgerinnen und Bürger in Greiz bereit sind, Geld zu bezahlen. Die Anwesenden haben da klare Vorstellungen: mehr lokale Recherchen. Auf Papierkärtchen, auf denen die Teilnehmenden an diesem Abend ihre Wünsche an die Lokalzeitung aufschreiben können, lesen wir: "Klasse statt Masse", "gut recherchierte Berichterstattung", "Augen und Ohren offenhalten" oder "guter und tiefgründiger Journalismus zu Ereignissen vor Ort". Das ist eine Botschaft, die auch der Chefredakteur mitnimmt und mit seinem Team besprechen möchte.

Lücken in der publizistischen Versorgung

In Greiz ist auch eine kleine Gruppe von Menschen im Raum, die wohl der AfD nahestehen, wie es an den anderen Tischen heißt. Sie beteiligen sich kaum am Gespräch, beobachten mit skeptischer Miene aber genau, was über die Medienlandschaft in Ostthüringen gesagt wird. Denn kurz zuvor hat Netzwerk Recherche einen Report veröffentlicht, der die Situation in Greiz analysiert. Wir warnen darin, dass durch den Rückzug der gedruckten Lokalzeitung Lücken in der publizistischen Versorgung der Menschen entstehen, so dass rechtspopulistische Medien oder kommunale PR-Kanäle an Relevanz gewinnen könnten.

Warum das problematisch ist, zeigt das Beispiel des "Heimatboten". Der Name erinnert noch an den einstigen Kulturspiegel für den Landkreis, herausgegeben vom Kulturbund der DDR. Nach der Wende übernahm ein örtlicher Verein das Heft, musste es aber vor mehr als zehn Jahren einstellen. Nun ist der "Heimatbote" wieder da und präsentiert sich als kostenlose "Online-Regionalzeitung" für das Vogtland in Thüringen und Sachsen.

Heikle Doppelrolle

Dahinter steht erneut ein Verein, diesmal aber einer, dessen Vorstand stark von AfD-Politiker:innen geprägt ist. Vizepräsident ist Torsten Röder, der Fraktionsvorsitzende der AfD-Bürgerfraktion im Stadtrat Greiz. Schatzmeisterin ist Cornelia Tristram, seine Stellvertreterin in der Fraktion. Beide arbeiten redaktionell beim "Heimatboten" mit. Und so überrascht es nicht, dass die Berichterstattung des Online-Mediums auffallend oft auf AfD-Linie liegt.

Auf die heikle Doppelrolle von Röder und Tristram angesprochen, sieht Chefredakteur René Kramer, der berufsbedingt in Hessen lebt, keinen Interessenkonflikt. In seiner schriftlichen Antwort auf unsere Anfrage sieht er im Engagement der Mitarbeitenden für die vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei sogar einen fachlichen Vorteil: "In der Rubrik 'Politik & Verwaltung' zeichnet unsere Redaktion aber aus, dass wir in unserem Mitarbeiterstamm auf zwei politisch Engagierte zurückgreifen können, die mit entsprechenden fachlichen Background (u.a. im Kommunalrecht wie Haushaltsrecht) den Bürgern das ‚Fachchinesisch‘ verständlich erklären können. Zudem kennen und verstehen sie die handelnden Personen der Verwaltungsspitzen, die Stadtrats- und Kreistagsräte sowie die Arbeit der Gremien. So können auch komplexere Sachverhalte erläutert werden." (Grammatikfehler in der Original-Mail - die Redaktion)

Mögliche Interessenkonflikte

Das ist für ein Medium, das sich selbst auf den Pressekodex beruft, eine abenteuerliche Argumentation. In Richtlinie 6.1 zu Ziffer 6 des Pressekodex heißt es: "Üben journalistisch oder verlegerisch Tätige neben der publizistischen Arbeit zusätzliche Funktionen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aus, müssen alle Beteiligten für eine strikte Trennung dieser Funktionen sorgen." Schon der Eindruck einer interessengeleiteten Veröffentlichung könne der Glaubwürdigkeit und dem Ansehen der Presse schaden. Die möglichen Interessenkonflikte sollen daher der Leserschaft offengelegt werden. Doch Transparenz ist nicht die Stärke des "Heimatboten".

Doch der "Heimatbote" ist nicht das einzige Medium, über das die AfD ihre Botschaften verbreiten kann. 2022 bereits hatte der Präsident des Thüringer Amtes für Verfassungsschutz, Stephan Kramer, Gratis-Zeitungen vorgeworfen, sie dienten "zur analogen Kommunikation von Neuen Rechten, Rechtsextremisten und deren Umfeld in der Mitte der Gesellschaft". Mehrere Medien hatten damals berichtet, dass vor allem im Osten Deutschlands rechte Akteure die Krise der Lokalzeitung nutzen und kostenlose Anzeigenblätter unterwandern würden. Darüber erreichen sie und ihre politischen Inhalte große Teile der Bevölkerung. Immerhin liegen die Blätter kostenlos in Geschäften aus oder landen ungefragt im Briefkasten.

Positionen der AfD

Wir haben uns einige Ausgaben der kritisierten Anzeigenblätter aus der Region mit Titeln wie "Neues Gera" und "Bürgerzeit aktuell" genauer angeschaut und festgestellt, dass darin auffallend oft Themen und Beiträge vorkommen, die ausschließlich und völlig unverblümt Positionen der AfD wiedergeben. Was Medienexperten auf den ersten Blick auffällt, dürfte für das Publikum weitaus schwerer zu erkennen sein. Denn auch die kritisierten Anzeigenblätter bestehen in erster Linie aus dem typischen Mix aus gewerblichen sowie privaten Anzeigen und lokalen Meldungen.

Dazwischen tummeln sich polemische und einseitige Beiträge, die in der "Bürgerzeit aktuell" allerdings nicht als redaktionelle Inhalte gelten, sondern wie Anzeigenplätze behandelt werden. Das heißt, die artikelähnlichen Beiträge werden presserechtlich korrekt als "Anzeige" ausgewiesen. Ihre Aufmachung als "normale" Artikel ist aus medienethischer Perspektive dennoch als irreführend zu kritisieren. Dies gilt umso mehr für eine mehrseitige Beilage der AfD-Landtagsfraktion mit dem Titel "Blauer Mut", bei der ein entsprechender Werbe-Hinweis fehlt.

Parteinahe Medienkanäle

Im "Neuen Gera" darf der AfD-Landtagsabgeordnete Dieter Laudenbach eine blau eingerahmte und mit Partei-Logo verzierte Kolumne veröffentlichen, ohne dass dies als Anzeige gekennzeichnet wird. Man könnte das publizistische Gebaren dieser Anzeigenblätter als fehlende Professionalität belächeln, aber offenkundig steckt eine Strategie dahinter.

Der Politikberater Johannes Hillje sagte schon vor Jahren im Deutschlandfunk, durch die Schaffung eigener parteinaher Medienkanäle versuche die AfD, die von ihr forcierte extreme Polarisierung im öffentlichen Diskurs zu verstärken. Ein Blick ins Impressum des "Neuen Gera" bestätigt den Verdacht, dass die AfD das Blatt zu einer Art verdeckten Parteizeitung umgebaut hat: Herausgeber und Redaktionsleiter ist der AfD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat von Gera, Harald Frank.

Pseudo-Journalismus

Wie sind Onlinemedien wie der "Heimatbote" und politisch gefärbte Anzeigenblätter zu bewerten, die Meinungsmache unter dem Deckmantel von Lokaljournalismus betreiben? Sind die beschriebenen Defizite - fehlende Transparenz, nicht ausreichend offengelegte Interessenkonflikte, politische Einseitigkeit - Hinweise auf sogenannten Pink-Slime-Journalismus? In der Fachdebatte über jene Medien, die die im Lokalen klaffenden Lücken füllen könnten, wird vor solchen Pseudo-Medien oft gewarnt.

Forschende bezeichnen mit dem Begriff digitale oder analoge Informationsangebote, die journalistische Produkte und Formate imitieren, um glaubwürdig zu wirken. Tatsächlich halten sie aber keine journalistischen Standards ein, sondern verbreiten einseitige, oft radikale Meinungen. Ulla Autenrieth und Johanna Burger von der Fachhochschule Graubünden, die das Phänomen untersuchen, sagten mit Blick auf den "Heimatboten", Vieles deute auf eine starke Pink-Slime-Ausprägung hin. "Nach einer ersten, kurzen Einschätzung der Plattform handelt es sich eher um ein Schwarzes Brett der Region, das von jedem und jeder genutzt werden kann, als um ein nach journalistischen Standards agierendes Lokalmedium."

Sind Amtsblätter eine Alternative?

Weniger ideologisch gefärbt berichten kommunale Amtsblätter, die aber dennoch nicht unabhängig sind. Sie haben vielerorts das dröge Image eines behördlichen Organs für gesetzlich vorgeschriebene Bekanntmachungen abgelegt und sind für manche unserer Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen zu einer wichtigen Informationsquelle geworden - mit Gottesdienstzeiten, Apothekenbereitschaften, Hinweisen auf Kulturveranstaltungen oder Berichten zum regen Vereinsleben.

Anders als die Lokalzeitung bieten die Amtsblätter kommunalen Würdenträgern und der Stadtverwaltung Raum für Selbstdarstellung - ohne lästige Kritik. Auch der Landkreis Greiz gibt sein eigenes, monatliches Amtsblatt heraus, das "Kreisjournal". Dem Whatsapp-Kanal des Landkreises folgen mehr als 3.000 Menschen (Stand: Mai 2026), die auf diesem Weg aktuelle Nachrichten, Veranstaltungstipps oder Baustellen-Updates vom Presseteam der Kreisverwaltung erhalten. Der Verband Deutscher Lokalzeitungen und Lokalmedien sieht in solchen Angeboten ein strukturelles Problem: Kommunen agieren seiner Ansicht nach zunehmend wie publizistische Akteure, in direkter Konkurrenz zur Presse.

Gefühl des Abgehängtseins

Solange sich die Menschen gut informiert fühlen, scheint die fehlende Unabhängigkeit solcher alternativen Informationsangebote viele unserer Gesprächspartner:innen nicht zu stören. Wichtig ist ihnen, dass sie mitreden können, beim Gespräch am Gartenzaun oder beim Friseur. Die morgendliche Lektüre der Tageszeitung war deshalb für viele weit mehr als reiner Nachrichtenkonsum. Sie war die Basis für gesellschaftliche Teilhabe. Und natürlich ein lieb gewonnenes Ritual, von dem sich viele nur ungern verabschieden. "Zeitunglesen, das gehört halt zum Alltag", so fasste eine ältere Dame aus Cossengrün ihr Verhältnis zur Lokalzeitung zusammen.

Die Entscheidung des Funke Verlags, die klassische Zeitungszustellung in der Region einzustellen, traf bei Menschen auch deshalb einen Nerv, weil sie darin die Fortsetzung einer schleichenden Entwicklung sehen: In kleinen Ortschaften wie Cossengrün leidet die Infrastruktur und die Versorgungslage wird schlechter. Arztpraxen, Restaurants, Läden - fast alles schließt. Diese für den ländlichen Raum typische Entwicklung führt zu einem stärker werdenden Gefühl des Abgehängtseins. Und jetzt "geht" auch noch die Zeitung.

Bezug zur Lokalzeitung verloren

Die Leser hatten allerdings schon vor dem Ende der Zustellung das Gefühl, dass sie und ihre Lebenswirklichkeit in der Zeitung kaum noch vorkommen, weil der Lokalteil ein immer größeres Gebiet abdeckte. Forschende der Thüringer Landesmedienanstalt gehen davon aus, dass die Lokalausgaben der Tageszeitungen aus ökonomischen Gründen künftig noch stärker auf größere Verbreitungsgebiete zugeschnitten und für die Menschen vor Ort deshalb weiter an Relevanz verlieren werden. Die Verlage handeln damit gegen den erklärten Wunsch ihrer Kundschaft.

Die "Ostthüringer Zeitung" hat in den vergangenen 25 Jahren 75 Prozent ihrer Leserschaft im Verbreitungsgebiet der Lokalausgabe Greiz/Zeulenroda verloren. Zu teuer, thematisch oft irrelevant, inhaltlich zu oberflächlich - so lässt sich die Kritik zusammenfassen. Und dass sie neue, jüngere Lesergruppen davon überzeugen kann, ein Abonnement abzuschließen, darauf deutet wenig hin.

Zu viele irrelevante und überflüssige Informationen.

Zumindest zeigen die jungen Menschen, mit denen wir gesprochen haben, kaum Interesse an der Berichterstattung der Lokalzeitung. "Für mich sind da viel zu viele irrelevante und überflüssige Informationen drin", sagte ein Auszubildender der örtlichen Sparkasse. Dies dürfte vor allem an der Auswahl und Aufbereitung von Nachrichten in klassischen Medien liegen. "Die Themen, die aufgegriffen werden, sind so Sachen, die uns halt eher weniger tangieren", lautete eine andere Wortmeldung aus dieser Altersgruppe.

Hier wird der Spagat deutlich, den die Lokalzeitung schaffen müsste: Ältere Bevölkerungsgruppen bei der Stange halten und zusätzlich die Jungen abholen.

Die Quelle ist egal

Doch die scheinen für die Verlage fast schon verloren. Kaum jemand aus der jungen Generation, mit dem wir gesprochen haben, hat noch einen Bezug zur Lokalzeitung. Im Elternhaus ist meist kein Zeitungs-Abo mehr vorhanden und die Kanäle, auf denen junge Leute unterwegs sind, wie Instagram und Tiktok, werden von den Verlagen aus Kostengründen oft stiefmütterlich behandelt oder komplett ignoriert.

Und weil die junge Generation die Lokalzeitung eigentlich gar nicht mehr kennt, vermisst sie sie auch nicht. Dieser Altersgruppe ist es zunehmend egal, ob sie ihre Informationen von Journalisten oder aus anderen Quellen bekommt. Das langjährige Versprechen der Lokalzeitung als Quelle seriöser Information hat, so ist zu befürchten, für nachfolgende Generationen seine Bedeutung verloren.

Was folgt daraus?

Ideen zur Rettung des Lokaljournalismus gibt es viele. Hingewiesen sei auf ein Policy Paper der Heinrich-Böll-Stiftung mit Empfehlungen zur Medienförderung. Aus den Gesprächen mit den Menschen in Ostthüringen haben wir den Schluss gezogen, dass sich die Lokalzeitung wieder auf ihre Stärke, ihr Alleinstellungsmerkmal, besinnen muss, um überleben zu können: die Nähe zu den Menschen vor Ort und die lokale Recherche.

Sie muss Räume für Austausch schaffen, um stärker mit dem eigenen Publikum in Kontakt zu treten. Öffentliche Redaktionskonferenzen, Bürgersprechstunden, good old shoe leather reporting in den Ortschaften, ein Stand auf dem Wochenmarkt. Die Ideen sind genauso zahlreich wie die Bedenken in den kaputtgesparten Redaktionen. Dort hat niemand Zeit für so viel Bürgernähe.

Wie wäre es also, wenn man - vergleichbar mit den Social-Media-Teams der Redaktionen, die versuchen, den Wildwuchs in den Kommentarspalten einzudämmen - analoge Community-Manager einstellt? Menschen, die mit anderen Menschen in Dialog treten und Kritik, Themenideen und vielleicht sogar Lob in die Redaktion tragen? Die Lokalredaktionen könnten die gewonnene Zeit in lokale Recherchen investieren. Es wäre einen Versuch wert.

infobox: Thomas Schnedler ist Co-Geschäftsführer von Netzwerk Recherche, Malte Werner leitet beim Netzwerk Recherche die "Helpline" für mental belastete Journalisten.



Zuerst veröffentlicht 01.06.2026 09:00

Thomas Schnedler und Malte Werner

Schlagworte: Medien, Presse, Lokalzeitungen, Funke, Schnedler, Werner, Thüringen

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