02.06.2026 08:20
ARD-Dokumentation "Elf Helden, ein Albtraum"
epd Fußballfans wissen: Am Ende trifft es immer den Trainer. Es ist nun mal einfacher, den Übungsleiter zu entlassen, als eine ganze Mannschaft auszutauschen. Die Medien spielen dabei oft eine unrühmliche Rolle, erst recht, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Deshalb ist diese kurzweilige Serie über die Fußball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA, von der im Wesentlichen Stefan Effenbergs Mittelfinger in Erinnerung geblieben ist, ein Lehrstück über den Missbrauch medialer Macht.
Wie schon in der ZDF-Dokumentation "Mission Sommermärchen" geht es in erster Linie um das Boulevardmedium "Bild", das sich gern als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit inszeniert, tatsächlich aber oft Kampagnenjournalismus betreibt. Damals war das Opfer Berti Vogts. Doch "Bild" war bloß die Speerspitze der Treibjagd. Selbst der Fußballreporter Marcel Reif, der damals noch für das ZDF arbeitete, empfindet im Nachhinein eine gewisse Scham.
"Elf Helden, ein Albtraum" reiht sich in die Riege jener Dokumentationen ein, in denen der Fußball nur der massentaugliche Köder ist, denn eigentlich geht es um gesellschaftliche Missstände. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Manfred Oldenburgs Vierteiler erheblich von "Mission Sommermärchen" (ZDF), denn er hält, was das ZDF bloß versprochen hatte. Der Autor legt eine Analyse vor, die weit unter die Oberfläche geht.
Natürlich geben die beteiligten Kicker auch die eine oder andere Anekdote zum Besten, aber lustig wird es nur selten, die Beiträge sind im Gegenteil klug und reflektiert. Für den Überbau sorgt vor allem der Sportphilosoph und "Zeit"-Kolumnist Wolfram Eilenberger. Mit seiner Hilfe und viel zeitgenössischem Archivmaterial trägt Oldenburg zusammen, was damals die Basis für das Ausscheiden des amtierenden Weltmeisters und Titelfavoriten im Viertelfinale bildete.
1994 standen lauter Ich-AGs auf dem Platz. Weit über den Fußball hinaus wirkten jedoch andere Aspekte. Große Turniere, sagt Jürgen Klinsmann, spiegelten oftmals wider, was eine Gesellschaft gerade bewege: zum Beispiel die Folgen der Wiedervereinigung, repräsentiert durch Matthias Sammer, der sich in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft nicht willkommen fühlte.
Die aufschlussreichste Szene in historischer Hinsicht ist eine Schnittfolge in Folge drei, als Oldenburg den Spielern ein Foto reicht und alle betroffen schweigen. Es stammt aus dem August 1992, wurde während der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen aufgenommen und zeigt einen Mann im Trikot der Weltmeister von 1990, mit unübersehbarem Pinkelfleck auf der Jogginghose und den rechten Arm zum "Deutschen Gruß" erhoben.
Dieses Bild vom "hässlichen Deutschen", das damals um die Welt ging, wollte Trainer Vogts mit seiner Mannschaft als Botschafter eines anderen Deutschlands konterkarieren, doch sein Kader war weit davon entfernt, jene Werte zu verkörpern, für die er selbst stand.
Die Öffentlichkeit hatte sich ohnehin nie mit dem als Spieler "Terrier" genannten Verteidiger aus der niederrheinischen Provinz als Nachfolger der weltmännischen "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer anfreunden können. Oldenburg illustriert das etwas plakativ, aber treffend durch entsprechende Bilder auf und neben dem Platz. Dass Vogts außerdem jede Kooperation mit dem Springer-Verlag ablehnte, war zwar ehrenwert, aber auch der Beginn einer fatalen Feindschaft. Und dann veröffentlichte Stefan Raab auch noch seinen Song "Börtie Börtie Vogts".
Der damalige Viva-Moderator hatte laut Eilenberger schon immer ein gutes Gefühl dafür, wer als öffentliche Person "gerade sturmreif geschossen war", und Vogts mit seinem Spottlied "exekutiert", was aber nur dank der langen Vorarbeit "vom Springer-Universum" möglich gewesen sei.
Zwischendurch zeigt Oldenburg immer wieder Vogts, der mit unbewegter Miene in die Kamera schaut. Zum Schluss sagt der Autor seinem mittlerweile bald 80 Jahre alten Interviewpartner, er finde es erstaunlich, dass dieser trotz allem so fair auf die Ereignisse zurückblicke. Es sagt eine Menge über den Charakter von Vogts, dass er nicht versteht, worüber Oldenburg sich wundert.
infobox: "Elf Helden, ein Albtraum", vierteilige Dokumentation, Regie und Buch: Manfred Oldenburg, Kamera: Jonas Julian Köck, Till Vielrose, Produktion: Broadview TV (ARD-Mediathek/NDR/WDR/BR, seit 2.6.26, ARD, 14.6.26, 22.00-23.30 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 02.06.2026 10:20
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Dokumentation, KNDR, Oldenburg, Gangloff
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