Eine Art Gruppentherapie - epd medien

02.06.2026 11:58

Dass die öffentlich-rechtlichen Medien den Dialog mit dem Publikum suchen müssen, wird von der Politik im neuen Medienstaatsvertrag sogar vorgegeben. Was hat es dann zu bedeuten, wenn die ARD die eigenen Journalistinnen und Journalisten lieber heraushält aus dem Dialog? Das geschah zumindest teilweise bei der ARD-Aktion "Was Deutschland verbindet".

ARD-Dialogaktion "Was Deutschland verbindet

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Dialog-Aktion "Was Deutschland verbindet" in Baden-Baden

epd In Fernsehstudios in Leipzig und Baden-Baden diskutierten an einem Mai-Wochenende 84 gezielt als Querschnitt der Bevölkerung ausgewählte Bürgerinnen und Bürger über die Themen Dialog, Gleichberechtigung, Migration, Demokratie, Meckerkultur und Wandel. "Und das ganz pur, ohne klassische Moderation. Die Gespräche werden nicht von Journalistinnen oder Journalisten gelenkt. Sie sind offen, ohne Skript", erläuterte der Intendant des federführenden Hessischen Rundfunks (HR), Florian Hager, dem ARD-Publikum in einer Ausgabe von "Dialog vor Acht" im Ersten, die in der vergangenen Woche gesendet wurde. Das klang leider so, als wollte die ARD auf das Misstrauen gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien Rücksicht nehmen.

"Gelenkt" wurden die Gesprächsrunden nach ARD-Angaben stattdessen von dem Arzt, Psychiater und Schriftsteller Jakob Hein in Baden-Baden sowie von der systemischen Beraterin und Wirtschaftspsychologin Andrea Sandor in Leipzig. Beide blieben in der späteren medialen Aufbereitung nahezu unsichtbar. Nur in den knapp zweistündigen Zusammenfassungen, die zu jedem der sechs Themenblöcke als reines Mediathek-Angebot produziert wurden, tauchen sie gelegentlich auf. Offenkundig war es ihre Aufgabe, für ein zugewandtes Gesprächsklima zu sorgen, aber sich inhaltlich in größtmöglicher Zurückhaltung zu üben.

Respektvolle Atmosphäre

Nicht nur deshalb erinnert die Aktion eher an eine Art Gruppentherapie als an ein journalistisches Dialogformat. Auch mit Bürgerräten, in denen zielgerichtet Probleme diskutiert und konkrete Vorschläge für die Politik erarbeitet werden, hat die ARD-Aktion wenig gemeinsam. In den offenen, aber auch etwas ziellosen, manchmal ausufernden Diskussionen wurde vielmehr das Miteinandersprechen geübt. Dass es möglich ist, sich in einer respektvollen Atmosphäre in großer Runde über persönliche Erfahrungen und unterschiedliche Meinungen auszutauschen, scheint viele positiv überrascht zu haben. Eigentlich eine erschreckende Erkenntnis. Konsequent, dass nicht nur Politikerinnen und Politiker allgemein, sondern auch Menschen, die durch Hassreden und verfassungsfeindliche Haltungen aufgefallen waren, außen vor blieben.

Trotz des sympathischen Ansatzes und einer diversen Mischung von Menschen aus allen Generationen und unterschiedlichen Lebenswelten ist die Aufbereitung mäßig spannend geraten. Die einstündige Dokumentation "Was Deutschland verbindet" besteht fast ausschließlich aus einer beliebig wirkenden Aneinanderreihung von Wortmeldungen aus den Studiodiskussionen. Die zusätzlich geführten Einzel- oder Doppelinterviews und auch die wenigen Eindrücke, die die Kamera vom Miteinander außerhalb des Studios eingefangen hat, lassen jedoch erahnen, was diese Übung in Debattenkultur bewirkt haben könnte. Mehr vom Danach, von den persönlichen Reflexionen der Teilnehmenden, vielleicht auch mit einigem Abstand gedreht, wäre wünschenswert gewesen.

infobox: Die 84 ausgewählten Menschen, die an der Dialog-Aktion teilnahmen, stehen nach Angaben der ARD "symbolisch für 84 Millionen Einwohner in Deutschland". Die Auswahl habe sich an der Verteilung relevanter Merkmale in der amtlichen Statistik der Bundesrepublik Deutschland orientiert, dazu gehörten Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Bundesland, Einwanderungsgeschichte und Nationalität. Die fünf Themen Gleichberechtigung, Migration, Demokratie, Meckerkultur und Wandel seien in den Vorgesprächen am häufigsten genannt worden.

Wer sich mit besonders kontroversen Äußerungen etwa über Frauen in sogenannten Männerberufen hervorgetan hatte, wurde mit einer Einladung in die Talkshow "Hart aber fair" im Ersten "belohnt". Auch dort kam es am runden Tisch von Louis Klamroth zu Gesprächen, die wenig gemein hatten mit dem üblichen Parteienstreit. In ausgewogener Besetzung wetteiferten Sigmar Gabriel (SPD), Ricarda Lang (Bündnis 90/Die Grünen) und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) darum, den besten Eindruck in der Disziplin authentische Bürgernähe zu hinterlassen.

Für einen peinlichen Höhepunkt sorgte Sozialdemokrat Gabriel, der die "totale Akademisierung der Parlamente" beklagte. Seine Kritik an der politischen Klasse offenbarte eher sein etwas zweifelhaftes Bild von Nicht-Akademikern, die nach Gabriels Ansicht Fleisch essen, einen All-Inclusive-Urlaub auf Mallorca buchen, RTL-Soaps schauen und Pin-ups im Spind hängen haben.

Gelebte Demokratie

Das Gespenst AfD, obwohl die Partei persönlich nicht vertreten war, saß natürlich überall mit am Tisch, denn die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern rücken näher. Auch in den Dialogrunden wollte sich trotz kontroverser Diskussionen über Migration niemand als AfD-Anhänger outen, und der Vorschlag, dass sich die Partei durch Mitregieren selbst entzaubern möge, traf auf wenig Zustimmung.

Konstruktiv wirkten die Diskussionen immer dann, wenn Einzelne von ihrem persönlichen Engagement in der Nachbarschaft oder im "demokratischen Kleingartenverein" berichteten. Dann zeigte sich: Die Demokratie lebt - nicht nur in Parlamenten.

infobox: "Hart aber fair extra - Der Dialog", Talkshow mit Louis Klamroth, Regie: Moritz Moik, Produktion: Florida Factual GmbH (ARD/WDR/HR, 1.6.26, 21.15-22.30 Uhr und in der ARD-Mediathek); "Was Deutschland verbindet", Dokumentation, Regie und Buch und Regie: Sergej Moya, Produktion: Doity (ARD/HR/SWR/MDR/NDR/WDR, 1.6.26, 23.35-0.35 Uhr und in der ARD-Mediathek)

Thomas Gehringer Copyright: Foto: privat Darstellung: Autorenbox Text: Thomas Gehringer ist freier Journalist und Autor von epd medien.



Zuerst veröffentlicht 02.06.2026 13:58 Letzte Änderung: 02.06.2026 14:04

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, ARD, Programm, Thementag, Gehringer, NEU

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