04.06.2026 09:00
Dokumentation "Arved Fuchs - Wenn das Eis ruft"
epd Seit fast 50 Jahren unternimmt der Polarforscher und Buchautor Arved Fuchs Expeditionen in die Regionen um die Arktis und Antarktis. Heiko De Groots Dokumentation "Arved Fuchs - Wenn das Eis ruft" ist eine charmante Hommage an den Abenteurer. Dieser erinnert sich im Originalton an seine Expeditionen, hinzu kommen bewundernde Zitate seiner Weggefährten.
Für den Film öffnet Fuchs seine "Schatzkiste voller Erinnerung", die er seinen Reichtum nennt. Wer sich auf diese Art des filmischen Stöberns einlässt, wird mit reizvollen Szenen und Kontrasten belohnt, zumal Fuchs auch alte Familienbilder ausgegraben hat. Der Kontrast zwischen den Bildern von ihm als Kind, das seinen Cockerspaniel vor den Schlitten spannt und denen der Huskys bei einer späteren Grönland-Expedition ist verblüffend.
Fuchs hat das Abenteuer gesucht und sich daher auch Gefahren ausgesetzt. Das heißt jedoch nicht, dass er keine Angst gehabt hätte. Angst sei "eine Hilfestellung des Organismus", sagt er. Dazu passen die Bilder, die der Polarforscher 1984 bei der Umrundung des berüchtigten Kap Hoorn aufnahm. Regen, Sturm, wogende See: ein "Brandungsstau", der den Weg zum Festland blockiert.
Björn Both, Mitbegründer der Shanty-Rockband Santiano und ein Freund Fuchs, sagt: Das riskante Abenteuer biete die "Essenz von Leben". Das Leben finde dort statt, "wo es gleich vorbei sein könnte". Als wäre das der Klischees nicht genug, setzt Regisseur De Groot eine von Boths Songzeilen immer wieder ein, wenn es einen szenischen Übergang musikalisch zu begleiten gilt: "Kalt ruft der Wind / Und er hört jedes Wort / Tiefblaues Meer / Und das Eis zieht ihn fort. / Die Spur führt zum Pol / Und es gibt kein Zurück."
Liest man die Biografien berühmter Polarforscher, geht es darin immer auch um zerbrochene oder unmögliche Frauengeschichten. Nicht so bei Fuchs: Er lebt seit fast 50 Jahren mit Brigitte Ellerbrock zusammen, seiner Schulfreundin, sie begleitet ihn auch auf vielen Expeditionen. Sie hat selbst nautische Qualifikationen und ist nach Ansicht von Sigridur Ragna Sverrisdottir, ebenfalls ein Mitglied von Fuchs' Crew, ein "Powerhouse".
Auch die Isländerin hat spannende Geschichten zu erzählen. 1995 campierten sie zu fünft auf einer Fahrt durch Patagonien während eines neuntägigen Sturms in einem Dreimannzelt. Und die Notdurft? - "Das muss ganz schnell gehen", draußen im eisigen Frost. Man sieht Bilder von Fuchs' umgebautem Segler Dagmar Aaen, Abendbrot um 19.30 Uhr mit Fischkonservendosen und Schlafkojen, die von außen wie ein Schrank mit Schiebetüren aussehen.
Diese Dokumentation, das ist auch ihr Manko, hat keine Dramaturgie, keine Chronologie. Sie wirkt wie ein bunter Flickenteppich aus Momenten. Auf Bilder vom Ostsee-Törn mit Ehefrau Brigitte folgen Szenen einer Expedition über das grönländische Inlandeis. An dieser Route war einst Alfred Wegener gescheitert. Fuchs erinnert sich an die Geburt eines Husky-Welpen bei minus 30 Grad, erzählt, wie er den jungen Hund fürsorglich über Eis und Gletscher trug - bis er am Ende an einer Infektion starb.
Das einzige Narrativ, das sich neben Arved Fuchs noch durch die Dokumentation zieht, ist der Klimawandel. Im Jahr 1989 machte der Forscher eine Tour von Kanada zum Nordpol. Das ginge heute nicht mehr, sagt er. Das Eis ist zu dünn oder nicht mehr da. Dieses Wissen stärke sein Bedürfnis, der Natur etwas zurückzugeben. Und sei es, um "unheilvolle Entwicklungen zu beseitigen". Das Projekt "Ocean Change" wird erwähnt, in dem Fuchs seit elf Jahren Veränderungen in den Ozeanen und um sie herum erforscht. Im Juni wird er mit seinem Schiff wieder in Richtung Grönland und kanadische Arktis segeln, um in Verbindung mit Wissenschaftlern Daten zu sammeln.
Gerne hätte man mehr über diese Forschungen von Fuchs erfahren, doch die Dokumentation interessiert sich eher für Sentimentales und Anekdotisches: Dass seine stolze Mutter ihm nachreiste. Oder dass er, seit er im Diercke Schulatlas Sable Island entdeckte, einen länglichen Dünenstreifen im Atlantik vor Kanada, dort hinreisen wollte. 2010 war es endlich so weit: Er bestaunte das wildromantische Inselchen mit den dort lebenden Wildpferden.
Die Dokumentation erzählt die Geschichte von einem kleinen Jungen aus Bad Brahmstedt, der als Entdecker tapfer seine Träume ansteuert. Man spürt auch, dass Fuchs mit seinen Erzählungen Menschen begeistern kann. Leider kommt von ihm dann aber noch die Floskel: "Ich wollte die Komfortzone verlassen." Und wenn er von extremer Kälte erzählt, von minus 60 Grad in Sibirien, wird aus der Dokumentation ein Film für "armchair traveller", die im warmen Zuhause über die schreckliche und schöne Welt da draußen staunen wollen.
infobox: "Arved Fuchs - Wenn das Eis ruft", Dokumentation, Regie und Buch: Heiko De Groot, Kamera: Heiko De Groot, Juri Burak, René Dame, Arved Fuchs u.a., Produktion: Federvieh, Medienkontor (Arte/NDR, 4.6.26, 20.15-20.55 Uhr und in der Arte-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 04.06.2026 11:00 Letzte Änderung: 17.06.2026 18:12
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KNDR, Dokumentation, Arved Fuchs, De Groot, Dehler, NEU
zur Startseite von epd medien