Ein Mythos wird gefeiert - epd medien

05.06.2026 09:15

Schon wieder eine Doku über das Heavy-Metal-Festival in Wacken? In "Wacken - Hearts Full of Metal" lässt Cordula Kablitz-Post die Festivalgründer einmal mehr erzählen, wie aus einer Schnapsidee ein Mega-Event wurde. Etwas mehr Distanz zum Sujet hätte der Doku gutgetan.

Dokumentation "Wacken - Hearts full of Metal

Thonmas Jensen und Holger Hübner in einer Besprechung mit Rudolf Schenker und Klaus Meine von den Scorpions (von links)

epd Von der Kneipenidee zum international gehypten Mega-Event: Wie zwei Jungs aus der schleswig-holsteinischen Provinz ihr verschlafenes Dorf in einen Wallfahrtsort der Metal-Szene verwandelt haben, ist schon häufig medial erzählt worden. In der fiktionalen RTL-Serie "Legend of Wacken" (2023) wurde die Entstehungsgeschichte des Festivals in eine lustig-skurrile Rahmenhandlung eingebettet.

Nun legt Regisseurin Cordula Kablitz-Post mit "Wacken - Hearts Full of Metal" den nächsten Film über das Open-Air-Festival vor. In der Dokumentation, die bei MagentaTV zu sehen ist, "erzählen die Festivalgründer Holger Hübner und Thomas Jensen erstmals selbst in einem Film die ereignisreiche Geschichte des W.O.A.", wie es in der Ankündigung des Telekom-Senders heißt. Das lässt einzigartige Einblicke erwarten. Die Frage ist, ob das Versprechen eingelöst wird.

Der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür.

Der Film zeichnet den langen, mitunter beschwerlichen Weg von der erstmals 1990 gefeierten Provinzparty in der örtlichen Kiesgrube zur Mega-Veranstaltung mit über 80.000 Zuschauern nach. Den beiden Protagonisten stellen sich dabei etliche Hindernisse in den Weg, etwa ein Schuldenberg von mehreren Hunderttausend Euro in den Anfangsjahren. "Der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür", schildert Hübner. Die Helden aber bestehen jede Prüfung.

Die Doku verschränkt diese historische Erzählung mit Eindrücken von der Festivalvorbereitung. Holger Hübner kurvt mit dem Fahrrad übers Festivalgelände, inspiziert die Aufbauten, Jensen bespricht beim Spaziergang mit Frau Ulrike, einer Musikmanagerin, die erwartete Ankunft von "Kiss"-Bassist Gene Simmons. Deutlich wird die große Heimatverbundenheit der Wacken-Macher. Die sind auf dem Boden geblieben, lautet die Botschaft.

Utopische Kraft

Dass hier alle "eine Familie" seien, zieht sich als Konsens durch den Film. Die befragten Musiker beschwören den Geist der Wacken-Community. Und Holger Hübners Frau Heike schreibt dem Festival gar utopische Kraft zu. Die Metal-Fans achteten alle sehr aufeinander: "Das ist das, was man sich für die ganze Welt wünschen würde."

Authentizität, Zusammenhalt und Zuschauermassen vor gigantischen Bühnen - das ist die eine Seite des Festivals, das Bild, dem die Dokumentation viel Platz einräumt. Auf der anderen Seite ist Wacken auch ein Unternehmen mit Millionenumsatz, die Kommerzialisierung des Festivals schreitet voran. Doch dieses Thema behandelt "Wacken - Hearts Full of Metal" nur an der Oberfläche. Etwa, wenn es um die Übernahme des Wacken-Veranstalters Superstruct Entertainment durch den Finanzinvestor KKR geht. Dass sich nun etwas wesentlich ändern werde, sei "Bullshit", beschwichtigt Holger Hübner die Mitglieder des Wacken-Fanclubs "Full Metal Army". Entscheidend sei, dass "der Spirit" bleibt: "Dafür stehen wir, Thomas und ich, gerade."

Für Holger ist Wacken wie ein Kind.

Hübner wischt alle Bedenken weg. Seine Frau Heike hingegen lässt erkennen, dass mit der Präsenz des profitorientierten Investors doch einiges auf dem Spiel steht. "Für Holger ist Wacken wie ein Kind", sagt sie. "Und ein Kind braucht keine Zahlen, ein Kind braucht Liebe." Für ihren Mann werde es daher ein Spagat: "Einerseits muss er für den Konzern arbeiten, und andererseits möchte er eben sein Baby weiter beschützen."

Hier spricht der Film einen spannenden Aspekt an, aber leider nur für wenige Minuten. Dabei wäre ein Blick von außen erkenntnisfördernd gewesen: Ein Kulturwissenschaftler hätte beschreiben können, wie die wirtschaftlichen Erfordernisse einer Großveranstaltung und das Authentizitätsversprechen eines Metal-Festivals im Widerspruch stehen. Dass dieser Aspekt nicht vertieft wird und auch der Investor namentlich nicht genannt wird, könnte auch daran liegen, dass KKR an der Produktionsfirma beteiligt ist, die diesen Film gemacht hat.

Die große Metal-Family

Auch ökonomische Expertise über die Entwicklung der Eventindustrie fehlt. Mehrere Metal-Festivals in Europa konkurrieren mit Wacken um das Publikum, etwa das "Hellfest" in Frankreich, dessen Infrastruktur dem Acker in Schleswig-Holstein deutlich überlegen ist. Wie kann sich Jensens und Hübners "Baby" da behaupten?

So verharrt "Wacken - Hearts Full of Metal" im Erwartbaren und bekräftigt das Stereotyp der großen Metal-Family, die sich einträchtig auf einem Acker trifft, um Schlamm und Regen zu trotzen. Bezeichnend ist die Episode, in der die Wacken-Macher den Top-Act Guns n' Roses als Headliner für das Festival 2025 buchen. "Das kann einfach nur geil werden", sind sich die Organisatoren bei der Team-Besprechung einig. So großartig wurde der Auftritt dann nach Meinung vieler Fans und Kritiker aber nicht: In den sozialen Netzen überwog die Enttäuschung über den schwachen Gesang des Frontmanns. Die Doku erwähnt das nicht.

Wir wollen, dass dieses Festival bis in die Ewigkeit läuft.

Stattdessen zeigt der Film zum Abschluss Thomas Jensen, der mit leuchtenden Augen dem Auftritt der Hard-Rocker zusieht. Es folgen nochmals körnige Bilder aus der Anfangszeit des Festivals, als sich einige Hundert Fans in der Kiesgrube trafen - ein verklärender Zusammenschnitt, der noch einmal den Wacken-Mythos zelebriert.

"Wir wollen natürlich, dass dieses Festival bis in die Ewigkeit läuft", wünscht sich Jensen. Verständlich, doch im Moment sieht die Zukunft nicht blendend aus. Das nächste "Wacken Open Air" war Ende Mai noch immer nicht ausverkauft, anders als in den Vorjahren, als die Tickets binnen kürzester Zeit vergriffen waren. Die große Zeit von Wacken ist womöglich vorbei. Woran könnte das liegen? Auf diese Frage gibt die Dokumentation keine Antworten.

infobox: "Wacken - Hearts full of metal", Dokumentation, Regie und Buch: Cordula Kablitz-Post, Kamera: Ulf Behrens, Christopher Rowe, Konrad Waldmann, Produktion: Beetz Brothers Film Production (Magenta TV, seit 4.6.26)



Zuerst veröffentlicht 05.06.2026 11:15

Stefan Fuhr

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Streaming, Kritik, Kritik.(Streaming), Musik, Dokumentation, KMagenta, Kablitz-Post, Fuhr

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