08.06.2026 08:31
ZDF-Fernsehspiel "Fleisch"
epd Dies ist die Geschichte von Adrian. Wir sehen ihn gleich zu Beginn, wie er im Bus sitzt und aus dem Fenster schaut. Aber er scheint nichts zu sehen, sondern vieles zu fürchten. Er ist unterwegs nach Germanya. Hier wird er in einem Schlachthof viel Geld verdienen, das ihm, seiner Martina, dem kleinen Sohn und dem neu erbauten Haus, das noch nicht fertig ist, zugute kommen soll. Aber wollte er wirklich so weit weg?
Adrian kommt aus Rumänien, lebte bis vor Kurzem in einem kleinen Dorf. Ein Bekannter aus seiner Nachbarschaft, in dessen Schuld er stand, hat ihm von den Möglichkeiten erzählt, die er in Deutschland als Arbeiter auf einem Schlachthof hätte. Da hat er schließlich zugestimmt. Jetzt kommt er an in Germanya. Die Unterkunft, der Arbeitsplatz, die Kollegen: alles ist fremd und womöglich sogar feindlich. Adrian wird eingewiesen. Er beginnt mit der Arbeit. Der Job ist hart und gefährlich. Die Schweine bluten und auch der Arm des Kollegen, in den die Säge hineingefahren ist.
Eine Frau von der Gewerkschaft bittet Adrian, eine Aussage zu machen: dass es ein Arbeitsunfall war, das mit dem aufgesägten Arm. Adrian weiß nicht, was er tun soll. Am Ende stimmt die Abrechnung nicht, er hat viel mehr Stunden gearbeitet als auf dem Papier steht. Als er das moniert, bekommt er vom Chef eins auf die Fresse. Mit leeren Händen kehrt er heim, nur ein Spielzeug für seinen Sohn bringt er mit.
Diese Geschichte wird in "Fleisch" auf eine Weise erzählt, die das Erzählen selbst zum Thema macht. Adrian wird von Axel Moustache gespielt, der könnte aber auch Adrian sein und sich selbst spielen. Wenn das nicht so ist, gibt es irgendwo einen echten Adrian, dessen Geschichte dieser Film erzählt. Auch Adrians Frau wird von einer Schauspielerin, Alina Serban, dargestellt, aber es gibt sie, so möchte man schwören, wirklich.
Der Film, der als "Kleines Fernsehspiel" beim ZDF entstand, zeigt, dass das alles eine Darstellung ist. Es gibt Szenen, in denen der ganze Aufbau mit den Kameras und den Mikrofon-Galgen, den hin- und herlaufenden Technikern und Skriptgirls ins Bild kommt. Wir sehen die Schauspieler und die "echten" Fleischarbeiter, die diesen Film mit erarbeitet haben, und die Regisseure, wie sie für die nächste Einstellung proben. Zugleich wissen wir, während wir zusehen, wie die Arbeiter die Schweine schlitzen, dass all das Wirklichkeit ist.
Da die Verbindung von Dokumentation und Spiel in diesem Film selbst Thema wird, gibt es keine technischen und dramaturgischen Probleme bezüglich der Verzahnung beider Erzählweisen. Mal sind wir in Rumänien und sehen, wie die Familie dort vor dem Neubau frühstückt, mal sind wir im deutschen Schlachthof, wo die Arbeiter schuften, mal erleben wir in Spielszenen mit, wie den Rumänen ihr Lohn gleich wieder aus der Tasche gezogen wird: als Miete für die Unterkunft, das Stockbett kostet extra.
Oder war das dokumentarisch? Man weiß es nicht in jedem Fall, aber das ist auch nicht wichtig. Der Gesamteindruck von "Fleisch" ist der eines ziemlich gemeinen und breiten Betruges an den Arbeitern, den niemand verfolgt, obwohl alle wissen, was vor sich geht.
In "Fleisch" werden keine Ortsnamen genannt, wir lernen weder das rumänische Dorf noch den Standort des deutschen Schlachthofs näher kennen. Es geht nicht um Empirie, sondern um das Begreifen. Der Film ist nicht realistisch, hier wird nicht unter dem Zeichen des Faktenchecks recherchiert, sondern auf Grundlage wirklicher Zustände ein kleines filmisches Kunstwerk gemeinschaftlich geschaffen: Es gibt neben der dokumentarischen und der Spiel-Ebene noch eine weitere der poetischen Überhöhung, in der die Autoren und Regisseure ihrer Fantasie freien Lauf lassen. So, wenn Adrian sich in ein selbst geschaufeltes Grab legt oder wenn es aus der Dusche Blut regnet.
Der Film gehorcht aber immer den Imperativen des Erzählens, dass die nächste Szene sich aus der vorherigen entwickeln muss. Mit Rück- und Querverweisen wird der Faktor Zeit subjektiv gedehnt oder gepresst. Irgendwann erfährt Adrian, dass der Bekannte aus seinem Dorf Geld dafür erhalten hat, dass er Adrian vermittelt hat. Geld war also immer da, nur nicht für die, die die eigentliche Arbeit machen. Dieses Motiv durchläuft den Film wie ein Memento.
Es ist erfrischend und erleichternd, dass sich Eike Weinreich und Alexej Hermann eines Skandals angenommen haben, der schon lange bekannt ist, ohne dass etwas geschieht. Es ist gut, dass die Filmemacher diesen Stoff nicht nach Art des investigativen Journalismus mit neuen Beweisen anreichern, sondern mit Mitteln multipler Erzähltechniken und Vorstellungskraft als Geschichte darbieten, die einer umgekehrte Heldenreise gleicht: von der Heimeligkeit eines armen Dorfes in die Hölle des Schlachthofs. Sie folgen nicht der Spur des Skandals, sondern der eines menschlichen Schicksals. Dadurch aber wird der Skandal dem Zuschauer umso schmerzhafter bewusst.
infobox: "Fleisch", Fernsehfilm, Regie und Buch: Eike Weinreich, Alexej Hermann, Kamera: Alexej Hermann, Giulia Schelhas, Produktion: Storybay, MDM (ZDF, 8.6.26, 0.05-1.30 Uhr und in der ZDF-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 08.06.2026 10:31 Letzte Änderung: 08.06.2026 12:35
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Weinreich, Hermann, Sichtermann, NEU
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