Unversöhnlicher Riss - epd medien

09.06.2026 07:49

Schulbibliotheken waren in den USA jahrzehntelang wichtige Anlaufpunkte, um zu lesen und zu lernen. Die Dokumentation "Verbotene Bücher - Kulturkampf in den USA" zeichnet nach, wie die Auseinandersetzung um Pornografie in den Bibliotheken zu einem Kulturkampf eskalierte.

Dokumentation "Verbotene Bücher - Kulturkampf in den USA"

Die Bibliotheksleiterin Suzette Baker weigerte sich, Bücher aus ihrem Bestand zu entfernen - und wurde daraufhin entlassen

epd Weston Brown kommt aus einer religiösen Familie. Nachdem seine Eltern ihn wegen seiner Homosexualität verstoßen haben, ergreift er bei einer öffentlichen Anhörung das Wort. Es geht um das Reizthema jener Bücher, die in Schulbibliotheken aufgrund pornografischer Darstellungen verboten werden sollen. Da Weston Brown schon als Kind die Bibel "von vorn bis hinten gelesen" hat, stellt er die Heilige Schrift an den Pranger, die seiner Meinung verbotswürdig ist: Sie enthalte viele "Beschreibungen über Sex, Gewalt, Mord, Vergewaltigungen und Inzest".

Anschließend tritt seine Mutter vors Mikro. Monica Brown ist eine prominente Aktivistin, die sich dafür einsetzt, dass Werke mit "pornografischen Inhalten" aus Schulbibliotheken verschwinden sollen. Sie sagt: "In der Bibel steht 'Adam erkannte Eva'. Das ist nicht dasselbe wie 'Er steckte seinen Schwanz in sie hinein': - So was steht hier in Ihrer Bibliothek."

Die Rolle der Bibliothekarinnen

Der unversöhnliche Riss, der eine Familie entzweit - und mit einer Bibelexegese einhergeht -, verdeutlicht das Thema dieser US-amerikanischen Dokumentation. Kim A. Snyder widmet sich in "The Librarians" (so der Originaltitel) jenem Kulturkampf, der in den USA seit Längerem für Schlagzeilen sorgt. In ihrer Dokumentation porträtiert sie Bibliothekarinnen, die in dieser Auseinandersetzung eine Schlüsselrolle spielen.

Eine von ihnen, Martha Hicksen aus New Jersey, berichtet, wie ein Schüler, offenbar auf Anweisung seiner Eltern, in ihrer Bibliothek gezielt nach Jonathan Evisons "Lawn Boy" suchte. Aus diesem eher unbekannten Roman zitiert die Doku den Satz "Ich bin schwul". Aufgrund solcher Sätze wurde das Buch zeitweise aussortiert. Als die Bibliothekarin mit Verweis auf die literarische Qualität des Werks dieses Verbot kritisierte, wurde sie angefeindet. Man hätte aus diesem Buch explizitere Passagen zitieren können. Warum aber, so fragt man sich, entbrennt in einem Land mit freiheitlichen Idealen überhaupt ein lächerlich anmutender Streit um mutmaßlich anstößige Inhalte? Was genau ist mit "pornografische Inhalte" gemeint?

Provokante Wortspiele

Hintergründe dieser Auseinandersetzung lassen sich während der monatlichen Aufsichtsratssitzung der Bibliothek von Livingston Parish, einer Kleinstadt in Louisiana, erahnen. Hier verteidigt die Lehrerin Amanda Jones das Buch "Queerfully and wonderfully made. A Guide for LGBTQ+ Christian Teens". In konservativen Kreisen ist dieser Titel umstritten, weil er auf Psalm 139 anspielt ("fearfully and wonderfully made"). Der Ausdruck "fearfully" (mit Furcht/Ehrfurcht) wird im Sinne einer lautmalerischen Assoziation ersetzt durch den programmatischen Ausdruck "queerfully".

Mit Konflikten, die durch solche provokanten Wortspiele hervorgerufen werden, setzt sich der Film leider nicht auseinander. Er führt nicht aus, warum konservative Christen sich durch diese Blasphemie provoziert fühlen. Stattdessen werden in der Dokumentation Lehrerinnen wie Amanda Jones und Bibliothekarinnen wie Martha Hicksen als Verteidigerinnen der Demokratie porträtiert. Vertreterinnen der Gegenseite, etwa die konservative Interessengruppe "Moms for Liberty", erhalten kaum Gelegenheit, ihre Sichtweise darzulegen. Diese Interessengruppe, die landesweit Kampagnen gegen ihrer Meinung nach anstößige Bücher organisiert, so zeichnet der Film nach, wird von dem Mobilfunkanbieter Patriot Mobile gesponsort.

Zu Wort kommt allein Courtney Gore, eine republikanische Schulbezirksrätin aus Texas, die in Talkshows zunächst vor "woker Indoktrination" durch einschlägige Schulbücher warnte. Nach einer Überprüfung der Sachlage gab sie jedoch Entwarnung. Leider werden ihre Ausführungen nicht vertieft. Die Stellungnahme von Courtney Gore, die als Kronzeugin gegen die konservativen Interessengruppen aufgeboten wird, erscheint daher nicht überzeugend.

Alarmistischer Tonfall

Statt sich mit den Argumenten jener christlichen Gruppen genauer auseinanderzusetzen, übernimmt Kim A. Snyder den alarmistischen Tonfall der Kritiker, die vor Zensur warnen: "Wenn Sie Bücher mit schwulen Protagonisten verbieten, können Sie gleich das Vierte Reich ausrufen!", so ein Redner bei einer öffentlichen Anhörung. Das Bestreben, "pornografische" Bücher aus Schulbibliotheken zu entfernen, wird in der Dokumentation illustriert vermittels einer berüchtigten Rede von Joseph Goebbels. Der NS-Propagandaminister stachelte 1933 in Berlin Studenten zu Bücherverbrennungen auf.

Snyder zeigt auch markante Ausschnitte aus François Truffauts Adaption von Ray Bradbrurys Roman "Fahrenheit 451": Szenen, in denen zu sehen ist, wie ein Feuerwehrmann Klassiker von T.S. Elliot, Marcel Proust oder Charles Dickens mit dem Flammenwerfer abfackelt.

Klassiker mit Triggerwarnungen

Dies sind effektvolle, plakative Bilder - sie überdecken jedoch, dass die Filmemacherin die Vorgeschichte des "Kulturkampfes" ausblendet. So gibt es seit den 1980er Jahren und verstärkt seit 15 Jahren an zahlreichen amerikanischen Universitäten Debatten um jene Bücher, die in "Fahrenheit 451" verbrannt werden. Mit dem Schlagwort "Decolonizing the Curriculum" wurden in diesem Kulturkrieg Klassiker aus der Feder von "weißen männlichen Autoren" mit "trigger warnings" versehen. Ihre Lektüre ist an vielen Universitäten nicht mehr bindend.

Die Debatte um das Verbot mutmaßlich anstößiger Literatur in Schulbibliotheken ist auch eine Reaktion auf diese universitäre Bewegung. Konnte diese doch als eine Verdrängung des christlichen Wertekanons durch eine "postkoloniale", "inklusive" und "genderqueere" Weltanschauung verstanden werden. In ihren Off-Kommentaren verwendet auch die Filmautorin diesen akademischen Jargon. Archivfilme, die zeigen, wie Nazis Bücher ins Feuer werfen, kommentiert sie mit den Worten, dass auch die Anhänger von Hitler "Bücher von LGBTQ+-Autoren verbrannt" hätten.

Angesichts dieses akademischen Vokabulars wirken die im Film vorgeführten konservativen US-Amerikaner argumentativ hilflos. Ihre überschäumende Wut über Bücher, die ihrer Ansicht nach "pornografisch" sind, rechtfertigt nicht die Zensur dieser Werke, insofern ist Kim A. Snyder zuzustimmen. Da sie dieses wichtige Thema aber einseitig und ohne Berücksichtigung der Vorgeschichte aufgreift, bleibt ihr Film unterkomplex.

infobox: "Verbotene Bücher. Kulturkampf in den USA", Dokumentation, Regie und Buch: Kim A. Snyder, Kamera: Paulius Kontievas, Amy Bench, Derek Wiesenhahn, Produktion: Radical Gaslighters LLC (3sat/ZDF, 27.5.26, 20.15-21.30 Uhr und in der 3sat-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 09.06.2026 09:49

Manfred Riepe

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), K3sat, Dokumentation, Snyder, Riepe

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