Erschütternde Verhältnisse - epd medien

10.06.2026 08:15

In "Mexiko - WM im Schatten der Kartelle" richtet die ARD den Fokus auf ein Land, über das sonst wenig berichtet wird. Die Dokumentation ruft in Erinnerung, dass in dem Land mehr als 130.000 Menschen als vermisst gelten.

Dokumentation "Mexiko - WM im Schatten der Kartelle"

Im Aztekenstadion in Mexiko Stadt wird am 11. Juni das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen

epd Nicht nur die politische Situation in den USA trübt die Vorfreude auf die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft: Der ehemalige ARD-Korrespondent Michael Stocks ruft in seiner Dokumentation "Mexiko - WM im Schatten der Kartelle" die erschütternden Verhältnisse in dem mittelamerikanischen Land in Erinnerung, wo 13 Spiele ausgetragen werden, vier davon in Guadalajara. Stocks' Film beginnt mit Bildern von Angehörigen von Verschwundenen, die nur einen Kilometer vom Stadion entfernt nach den Überresten ihrer Kinder oder Geschwister suchen. Buchstäblich "im Schatten" des heutigen WM-Stadions betrieb ein Drogenkartell ein sogenanntes sicheres Haus, in dem Waffen versteckt, Menschen gefoltert und getötet wurden.

In Mexiko gelten mehr als 130.000 Menschen als vermisst. Sie wurden mutmaßlich von den Kartellen entführt. Ein ehemaliges Mitglied eines solchen Kartells, dessen Gesicht verpixelt wurde, berichtet von Säurefässern, großen Gruben und davon, dass "manches an Schweine verfüttert" worden sei. Stocks begleitet Angehörige, die mit Spaten oder den bloßen Händen in der trockenen Erde nach menschlichen Überresten graben. Ihre Organisation heißt "Die suchenden Krieger".

Wie ein Land im Bürgerkrieg

Zu ihrem Schutz werden sie in Guadalajara von der Nationalgarde begleitet, aber unterstützt fühlen sie sich von Justiz und Polizei nicht. Viele Angehörige würden sich gar nicht trauen, zur Polizei zu gehen, weil sie befürchten, dass dann Informationen an die Kartelle weitergegeben werden, sagt eine Menschenrechtsaktivistin. Korruption ist in Mexiko weit verbreitet.

Dass das Organisierte Verbrechen in Teilen des Landes die Macht an sich gerissen hat, ist ausnahmsweise kein Hirngespinst von Donald Trump. Von Mexiko aus werden Heroin und Fentanyl in die USA geschmuggelt, berichtet Stocks. Als im Februar der Drogenboss "El Mencho" von Sicherheitskräften getötet wurde, kam es an verschiedenen Orten zu Vergeltungsmaßnahmen des von ihm geführten Kartells und zu offenen Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär. Mexiko wirkte wie ein Land im Bürgerkrieg.

Ist Mexiko bereit für die WM?

Präsidentin Claudia Sheinbaum könne "durchaus einige Erfolge" vorweisen, erklärt der Autor. So seien im April fast 100 Mitglieder von Drogenkartellen verhaftet und an die USA ausgeliefert worden. Diesmal kam es nicht erneut zu landesweiten Unruhen. Sheinbaum sieht sich auch dem Druck des mächtigen Nachbarn ausgesetzt. Sie stellte sich öffentlich gegen Trump, der bereits mehrfach mit dem Einsatz von US-Truppen in Mexiko drohte.

Vor der WM präsentieren sich die Sicherheitskräfte hochgerüstet mit gepanzerten Fahrzeugen und Roboterhunden. Bis zu 100.000 Beamte sollen bei der WM im Einsatz sein. Allein in Guadalajara seien im öffentlichen Raum 3.000 Kameras installiert. Stocks konterkariert die offiziellen Bilder, die Sicherheit versprechen sollen, allerdings mit kritischen Interviews. Ein Abgeordneter, Journalisten und ein Politikwissenschaftler bezweifeln, dass Mexiko bereit sei für die WM.

Gelegenheit zur Geldwäsche

Das Sportereignis bietet mal wieder den Anlass, den Fokus auf ein Land zu richten, über das sonst nur berichtet wird, wenn es um das Verhältnis zu den USA geht, um Drogenhandel oder Migration. Stocks sammelt Beispiele für Korruption und Gewalt, hinterfragt die offizielle Sicherheitsstrategie und stellt auch die Verbindung zum Fußball her, der den Kartellen zum Beispiel Gelegenheit zur Geldwäsche bietet, wie der prominente Sportreporter David Faitelson vor der Kamera erklärt.

Und so üben die kriminellen Kartelle indirekt auch die Macht über die Bilder aus, die über das mittelamerikanische Land in die Welt gesandt werden. Aber möglicherweise sind auch die Drogenbosse nicht daran interessiert, dass Mexiko ausgerechnet während der WM im Chaos versinkt. Von einem "Pakt" der Regierung mit den Kartellen spricht in Stocks' Film allerdings nur der verpixelte Aussteiger. Es wäre interessant gewesen, was die anderen Gesprächspartner von dieser These halten. Kommt es bei der WM zu einer Art Friedhofsruhe, die nur von den Protesten der "suchenden Krieger" gestört wird? Der Film regt jedenfalls dazu an, über Mexiko weiter zu berichten, auch nach der WM.

infobox: "Mexiko - WM im Schatten der Kartelle", Dokumentation, Regie und Buch: Michael Stocks, Kamera: Mitja Hagelüken (ARD/SWR, 5.6.26, 23.00-23.45 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 10.06.2026 10:15

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Dokumentation, Stocks, Gehringer

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