11.06.2026 07:15
RTL-Serie "Mermaids to Lovers"
epd. Wasser kann vieles sein. Überlebensmittel, wunderschön glitzerndes Element, Leistungsträger, im buchstäblichen Sinn. Das Wasser im Hallenbad der 18-jährigen Schwimmerin Trixie (sehr passend: Serena Oexle) sieht man vor allem aus der Draufsicht, nicht von mittendrin. Das Trainingsbecken, abgeteilt in exakt parallelen Bahnen, sie selbst schwimmt nach der Stoppuhr, jeder Tag ist genau eingeteilt und verplant.
Verbissenheit, dein Name ist Trixie. Wenn ihr Trainer Konstantin (Oscar Nadermann) sie mit hochrotem Kopf schreiend vom Beckenrand aus anfeuert, sieht er so aus, wie beim Sex mit ihr. Schneller, höher, weiter: Er kommt garantiert. Während sie den Orgasmus bloß vortäuscht und sich in ihrer zur Rückzugshöhle umdekorierten Frauenumkleide fragt, was mit ihr nicht stimmt. Aber vielleicht stimmt auch alles mit ihr, und das Spitzenleistungsprinzip, dem sie ihr Sein unterworfen hat, ist das Problem?
Trixie aber hat sich vorgenommen, sich von nichts beirren zu lassen. Ihre Mutter, deren Wettkampfpokale in einem Schrein am Rand des Schwimmbeckens stehen, ist tot. Wenn sie ihre Gefühle ausspricht, gar Trauer ausdrückt, hilft das nur der Konkurrenz. Für das stählerne Herz Trixies ist Wasser Mittel zum Zweck ihres brutalen Ehrgeizes. Bald wird sie in den Kader der deutschen Schwimm-Jugendmannschaft aufgenommen werden. Nur der Sommer bleibt noch zum Trainieren.
Schlecht bloß, dass ihr Großvater Willy (Thomas Balou Martin), dem das Schwimmbad gehört, das Becken aus Geldnot gerade an eine Gruppe von Merpeople vermietet hat. Mer-was? "Möchtegern-Mermaids", nennt Trixie sie. Ihre Schwester Bubbles (Sofiya Root) freilich ist fasziniert von den jungen Leuten, die mit ihren schillernden Fischunterkörpern und zauberhaft schwebenden Schwanzflossen Glitzer und Glamour in das Hallenbad mit dem Charme der 70er Jahre bringen.
Sport soll das sein, mit Disziplinen? Nicht für Trixie, und eigentlich auch nicht für den Star dieser Gruppe mit den selbstbewusst diversen Körperformen, den 16-jährigen Finn (Philip Günsch). Finn trägt viel Schmuck und Achselhaar. Die Leistungsschwimmer dagegen entfernen jedes Körperhaar, um Millisekunden zu sparen. Finn ist verwirrend anders, zart und selbstbewusst, zeigt Gefühle und sagt, dass Mermaiding zwar auch Sport, aber ein Lifestyle sei.
Tauchend, schwebend, magisch: bei den Merpeople ist Wasser das Element, mit dem sie den Alltag transzendieren. Die von Philip Günsch überzeugend gespielte Figur Finn erinnert an die Romantiker des 19. Jahrhunderts, an die blaue Blume in Novalis' "Heinrich von Ofterdingen". An die romantische Verbindung von Nixen, Wasser und Beamtenfiguren bei E.T.A Hoffmann. Am tief getauchten Grund der Young Adult Rom-Com "Mermaids to Lovers" dümpeln solche Motive vor sich hin, ohne Bedeutungshuberei.
Die Story dieses Gewinners des RTL-Wettbewerbs "Storyteller" ist Romantik pur im ursprünglichen Sinn der geistesgeschichtlichen Bewegung, die gegen die Aufklärung des 18. Jahrhunderts rebellierte. Die Romantiker entdeckten damals auch die Märchen neu und gaben ihnen künstlerische Würde. Tatsächlich wirkt die Geschichte von "Mermaids to Lovers" aufs Schönste märchenhaft: Zwei Lebensprinzipien kämpfen hier gegeneinander, bis sie sich im Element Wasser vereinen und mit ihrem Kuss die neue Verbindung besiegeln.
Erzählt wird bloß das (symbolisch) Wesentliche, in starken Bildern und schnellen Szenen, die zum Tauchen einladen. Wer will, kann bleiben, wo der Zauber erster Liebe, in der man sich ganz geben und zeigen möchte, aufscheint in Pink und Hellblau, in Schuppengeglitzer und strahlendem Lächeln.
In den Einzelheiten könnte "Mermaids to Lovers" die Erzählstruktur zwar auch bei Rosamunde Pilcher entliehen haben, aber das macht nichts. Nach Staunen und erster Annäherung gibt es bei Trixie und Finn krasses Gegeneinanderschwimmen: Sie will ihn als "Muttersöhnchen" fertigmachen.
Aber auch bei Finn ist nicht alles shiny, das macht die Serie wertvoll. Heimlich kratzt er sich blutig in seiner Höhle, der Herrenumkleide. Denn seine Mutter hat ihn zum Social-Media-Star aufgebaut und vermarktet seine Kreativität mit Merchandising. Statt kreischender Follower will Finn eigentlich seine Ruhe. Beim von Willy veranstalteten Metal-Konzert, zwischen Headbanging und Fun (Metal ist das Mermaiding der alten Leute), stellen Trixie, ihre Freundin Nadira (Eilin Aliza Behbid) und Konstantin dem vermeintlichen Konkurrenten Finn eine Videofalle.
Nicht nur hier ist "Mermaids to Lovers" (Arbeitstitel "Schwanzlos") unaufdringlich edukativ. Gezeigt wird, welche Folgen die Präsenz junger Menschen auf Social Media haben kann, ohne solche Ausdrucksmöglichkeiten zu verurteilen. Mach mal was Echtes und zeige dich! Werde, wer du bist! Rede, damit ich dich sehe! Auch solche geborgten, zeitlosen Sätze spielen in dieser für Jugendliche sehr geeigneten Serie ihre passende Rolle.
Wertschätzend, warmherzig, manchmal lustig, auf alle Fälle verständnisvoll und ohne plumpe Ansprache ist "Mermaids to Lovers" ein gelungenes Beispiel dafür, wie Produktionen für das händeringend gesuchte jüngere Publikum gelingen können. Bei den Öffentlich-Rechtlichen könnte man zu Recht neidisch sein.
infobox: "Mermaids to Lovers", fünfteilige Serie, Regie: Olga Alexandra Müller, Buch: Lia Zebra, Larissa Dold, Kamera: Berta Valin Escofet, Produktion: Warner Bros., ITVP Deutschland (RTL+, seit 11.6.26)
Zuerst veröffentlicht 11.06.2026 09:15
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRTL, Serie, Müller, Zebra, Dold, Hupertz
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