Weibliche Selbstverwirklichung - epd medien

12.06.2026 13:51

"Ihr könnt alles schaffen, was ihr wollt", ist eine Botschaft, die Influencerinnen in sozialen Netzwerken gern verbreiten. Die Reportage "Mama, Bossbabe, Office Girl" will das Thema Social Media als Lebensmodell kulturkritisch analysieren, kommt aber sehr oberflächlich daher.

Kulturreportage "Mama, Bossbabe, Office Girl"

Die Reportage "Mama, Bossbabe, Officegirl" stellt vier Influencerinnen vor

epd Die ehemalige Arzthelferin und dreifache Mutter Alicia Vosgrau bewirbt mithilfe ihres Ehemanns als Mami-Influencerin heiles Familienleben, Wegwerf-Windeln und Duftkerzen und lässt die kleine Tochter zu Werbezwecken vor der Kamera Kindermesser vorführen. Olivia Grimaud coacht - nach eigenen Angaben höchst erfolgreich - als Business-Beraterin (sie selbst nennt sich Mentorin) von ihr so benannte Karrierefrauen mit Motivations-Happen. Stefanie Schmidbauer berichtet ihrer Follower-Gemeinde aus dem oberbayerischen Murnau online von ihrer Selbstfindung als frisch ausgebildete junge Bankberaterin. Und dann ist da noch Julia Brandner, die als einzige der vier neben ihrer Online-Existenz bei Instagram auch (oder vor allem?) auf wirklichen Bühnen als Stand-Up-Comedienne auftritt. Sie vertritt für sich selbst eine kinderfreie Lebensplanung samt Sterilisation.

Das Frauen-Powerquartett verbindet neben dem Influencertum ein erstaunlich normiertes Aussehen: jung, schlank, geschminkt, mal mehr, mal weniger dunkelblonder Mittelscheitel. Die vier Frauen werden in einer Reportage des Kulturmagazins "ttt" präsentiert. Erstaunlich, dass hier ausgerechnet Brandner mit deutlich weniger Auftrittszeit thematisch nur eine Randexistenz als Kontrastfolie zugewiesen wird.

Diversifizierung von Frauen-Identitäten

Inhaltlich einig sind sich alle Protagonistinnen darin, die Bedeutung ihrer Tätigkeit als weibliche Selbstverwirklichung zu betonen, die ihnen offensichtlich auch zu Wohlstand verhilft. Während bei Momfluencerin Vosgrau und bei Grimaud das aktuelle Familienleben im Zentrum steht, ist das Projekt der Bankerin ganz auf die Zukunft ausgerichtet.

Einordnungen kommen von der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Annekathrin Kohout. Sie hat durchaus differenzierte Kritik am Influencerinnen-Boom, registriert aber die dadurch eingeleitete Diversifizierung von Frauen-Identitäten und die zunehmende Autonomie der Presenterinnen vom männlichen Blickregime positiv. Es ist eine Welt, in der zwar viel "Content" vorgezeigt wird, doch Inhalte jenseits von Familie, Karriere, Aussehen und Geld (der einmal geäußerte Begriff "erfülltes Business" scheint symptomatisch) werden höchstens bei Brandners feministischen Pointen sichtbar.

Dabei ist allen trotz der vermeintlichen Selbstbestimmung ihrer Tätigkeit die Bedeutung der Algorithmen für ihr alltägliches Leben bewusst. Dass selbstverständlich auch jeder Auftritt der Influencerinnen in diesem Film vor allem ein Werbeauftritt in eigener Sache ist, wird nicht thematisiert.

Shitstorm wegen Kaninchen

Am Schluss widmet sich die Reportage der Frage nach möglichen Herausforderungen und schildert in großer Breite einem Shitstorm um Momfluencerin Alicia. Dieser zeigt auch, dass die Misshandlung von Tieren in Deutschland offensichtlich viel stärker skandalisiert wird als der Einsatz von Kleinkindern zu Werbezwecken. Denn die Aufregung, die bis zu Morddrohungen ging, entzündete sich an der Tatsache, dass die überforderte junge Frau in einem (in ihrer medialen Selbstdarstellung ausgeklammerten) kritischen Moment ihres Familienlebens vier Kaninchen der Familie im norddeutschen Wald aussetzte - was zwei nicht überlebten.

Formal ist der mit einem durchgehenden Off-Kommentar gestaltete Film der Autorinnen Tita von Hardenberg und Schyda Vasseghi eine Mischung aus Feature und Home-Story. Der SWR bewirbt den Beitrag als seine erste "ttt-Reportage". Möglicherweise will die ARD damit das seit 2020 im Reportage-Format präsentierte ZDF-Kulturformat "Aspekte" kopieren. Dieses rollt allerdings in Themenwahl und Machart deutlich souveräner alltagskulturelle Zeitfragen auf.

Peinlicher Auftritt

Es ist erstaunlich, dass die erfahrenen Film- und Fernsehmacherinnen nicht mehr Substanz in ihre oberflächlich daherkommende Arbeit bringen konnten: Hardenberg war und ist unter anderem Produzentin von "Polylux” und "Tracks", Vasseghi war immerhin als Co-Autorin mitverantwortlich für das preisgekrönte Musikerinnen-Porträt "Teaches of Peaches". Harte Fakten jenseits von Follower-Zahlen gibt es in ihrer Reportage nicht, die jeweiligen Businessmodelle (bis auf das Pampers- und Duftkerzen-Sponsoring) bleiben ebenso ungeklärt wie Fragen zum konkreten Verdienst.

Wenn es dann gegen Ende der Reportage vage heißt, "Leben können davon nur die wenigsten", scheint die ganze vorher aufgebaute Bedeutsamkeit des Themas in sich zusammenzufallen. Für eine renommierte Kultursendung wie "ttt" ist das ein peinlicher Auftritt, der vor allem den Influencerinnen Klickzahlen bringen dürfte. Gut für deren Business-Pläne!

infobox: "Mama, Bossbabe, Office Girl - Social Media als Lebensmodell", Kulturreportage, Regie und Buch: Tita von Hardenberg, Schyda Vasseghi, Kamera: Till Bokern, Florian Henke, Patrick Meyer Clement u. a., Produktion: Kobalt Productions (ARD/SWR, 31.5.26, 23.40-0.10 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 12.06.2026 15:51 Letzte Änderung: 12.06.2026 17:41

Silvia Hallensleben

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, ttt, Reportage, Soziale Netzwerke, von Hardenberg, Vasseghi, Hallensleben, NEU

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