14.06.2026 20:07
"Heilige Krieger - Christfluencer und die Neue Rechte" bei ARD-Sounds
epd Ralf Homann legt den Finger in die Wunde. Seit vielen Jahren recherchiert der Münchner Künstler und Autor zum Thema Rechtsextremismus. Für sein jüngstes Feature dürfte gelten, was Matthias Pöhl, einer der Initiatoren von "Fundiwatch", des im Jahr 2024 ins Leben gerufenen Recherche- und Aufklärungskollektivs zum Thema "Christlicher Fundamentalismus", gleich am Anfang äußert: Dass "Thema und Gefahren", die von christlichen Fundamentalisten ausgehen, trotz des Beispiels USA, hierzulande immer noch zu wenig "beachtet und thematisiert" würden.
Die mit O-Tönen gespickte Sendung, in der sowohl "Christfluencer" und ihre Anhänger als auch kritische Stimmen von Forschenden oder einer Aussteigerin aus einer evangelikalen Pfingstkirche zu hören sind, liefert einen ersten instruktiven Überblick. Mehr kann ein knapp einstündiges Feature, das gerne länger hätte ausfallen können, kaum erreichen.
Das Feature stellt Fragen. Zunächst, wie es den szenebekannten Akteuren gelingt, christliche Glaubensinhalte an Mann und Frau zu bringen. Hier kommen die Onlineplattformen ins Spiel, auf denen mit bewusst knappen Inhalten und viel Unterhaltung um die Gunst der Menschen geworben wird. So erklärt es Madlen Geidel, die am Lehrstuhl für Medienkommunikation, Medienethik und Digitale Theologie der Universität Erlangen arbeitet. Wir haben es also, wie Homann in seinem Kommentar aufklärt, vor allem mit einer Art "extremistischer, elektronischer Kirche" zu tun, deren Einfluss stetig wächst.
Im Folgenden stellt er einige ihrer Protagonisten vor. "Die Harten und die weniger Harten", wie er flapsig hinzufügt - ein ironischer Tonfall, der die von Shenja Lacher vorgetragenen Kommentare prägt, ihnen dadurch aber auch etwas von ihrer Dringlichkeit nimmt. Weniger wäre hier mehr gewesen. Für nüchterne Fakten und Sachkommentare ist Katja Bürkle, die zweite Sprecherin des Features, zuständig.
Leonard Jäger dürfte nach Homanns Einteilung zu den Harten gehören. Der Youtuber, der sich "Ketzer der Neuzeit" nennt und auf über eine halbe Million Abonnenten kommt, ließ in seinem Podcast auch den österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner zu Wort kommen. Darin nannte sich dieser einen "praktizierenden Katholiken".
Ein weiterer Christfluencer ist Mathias von Gersdorff, Leiter des deutschen Büros der Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum, die die demokratische Idee von der Gleichheit der Menschen ablehnt und sich gegen Abtreibung ausspricht. Gersdorff war im Frühjahr 2026 auch Hauptredner bei dem von der Lebensrechtsbewegung initiierten "Marsch fürs Leben" in München.
Dieser steht im Zentrum des hörenswerten Features. Das leuchtet ein, will Homann doch besonders darauf aufmerksam machen, wie der Schutz ungeborenen Lebens der extremen Rechten als "Scharnier" dient. Der Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche fungiert als "symbolic glue", als inhaltlicher Klebstoff, der Menschen mit einem traditionellen Familienbild mit extrem rechten Gruppierungen zusammenbringt. Homann hat selbst am "Marsch" teilgenommen und lässt Abtreibungsgegner, aber auch das Presseteam der Gegendemonstration "Pro Choice" zu Wort kommen, die dem "Marsch" ein "patriarchales Familien- und antifeministisches Weltbild" attestieren. US-amerikanische Stimmen wie die des Trump nahestehenden Bischof Robert Barron tragen zu diesem Gesamtbild bei.
"Heilige Krieger" leistet viel. In O-Tönen zitiert Homann die Christfluencer, die mit ihrem antiliberalen Gedankengut eine erschreckende Reichweite haben. Das rüttelt wach. Dabei belässt er es jedoch nicht. Er dekonstruiert auch ihre Reden. Unterstützt von der Wissenschaftlerin Madlen Geidel zeigt er, wie sie rhetorisch vorgehen. Dabei geht es immer um eine Konstruktion von Feindbildern und einer Erzählung "Gut gegen Böse", "Wir gegen Die".
Homann ergänzt seine Aufklärung mit der persönlichen Geschichte einer Aussteigerin, die berichtet, wie sie als Heranwachsende ohne Halt in der eigenen Familie in der Pfingstbewegung vermeintlich aufgefangen wurde. Sie nennt die Methode, auf die sie selbst reingefallen ist: "Mit Honig fängt man Fliegen."
infobox: "Heilige Krieger - Christfluencer und die Neue Rechte", ARD-Radiofeature, Regie: Ron Schickler, Buch: Autor: Ralf Homann (Bayern2, 6.6.26, 13.05-14.00 Uhr und bei ARD Sounds)
Zuerst veröffentlicht 14.06.2026 22:07
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KBR, ARD-Radiofeature, Homann, Welle, ema, NEU
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