15.06.2026 09:30
Sat.1-Vorabendserie "Frieda - Mit Feuer und Flamme"
epd Manchmal möchte man gern in die Köpfe von Programmverantwortlichen und Produzenten schauen und erfahren, welche Zielgruppe sie sich bei ihren Produktionen vorgestellt haben - falls sie darüber nachgedacht haben. Vielleicht läuft es aber auch einfach nach dem Schema "Millionen Soaps können nicht irren": Man nutzt das altbewährte Baukastensystem in der Hoffnung, es möge irgendwie nochmal funktionieren, und holt sich Saxonia Media ins Boot, die Dauerbrenner wie "In aller Freundschaft" produziert.
Sat.1 wirkt in Sachen Vorabendserie derzeit wie ein verzweifelter Autor mit Schreibblockade und Ideenmangel. Die neue Daily Soap "Frieda - Mit Feuer und Flamme" (schon der Titel klingt nach nackter Verzweiflung) ist so ein Bauklötzchenprodukt: Diesmal aufbauend auf dem oft wiedergekäuten Plot "Frau kehrt aus Großstadt in ihr Heimatdorf zurück, bleibt wegen der Familie und steht zwischen zwei Männern", kombiniert mit den Erfolgssujets "Feuerwehr" und "irgendwas mit Medizin". Dazu ein paar Soap-bekannte Gesichter, schicke Landschaftsbilder, etwas Popmusik drüberlegen und fertig ist die Laube.
Die Frau heißt hier Frieda, ist Mitte dreißig und Intensivkrankenschwester, alleinerziehend, ihre Tochter Pippa (Natascha Weitzendorf) ist 18 und frische Abiturientin. Frieda (Laura Lippmann) kommt aus Hamburg und besucht ihren Vater Otto (Andreas Borcherding), der immer noch im dörflichen Liebitz im Elbsandsteingebirge wohnt - ebenso wie Felix (Christopher Kohn): Friedas Jugendliebe, Pippas Papa und inzwischen Bürgermeister in Liebitz.
Eigentlich kommt Frieda nur wegen Papas Geburtstag, stellt aber schnell fest, dass der nicht nur krank und nach dem Tod von Friedas Mutter sehr einsam ist, sondern dass auch noch sein Lebenswerk (und das seiner Frau) in Gefahr ist: Die örtliche freiwillige Feuerwehr soll geschlossen werden, angeblich aus Kostengründen und wegen mangelnden Nachwuchses, eigentlich aber, weil die fiese Geschäftsfrau Cornelia es auf das Grundstück abgesehen hat. Sie will dort eine Fleischfabrik errichten und intrigiert dafür mit dem Gemeinderatsvorstand. Frieda ist empört und beschließt, zu bleiben und für die Feuerwehr zu kämpfen. Die ist schließlich mehr als nur Brandlöscher, sondern auch gemeinschaftsstiftend im Dorf.
Damit auch der Letzte begreift, worum es geht, gibt es schon in der ersten Folge völlig überflüssige Rückblenden auf das zuvor Erzählte, dazu muss Frieda hölzerne Drehbuchsätze in ihr altes Tagebuch schreiben ("Heute ist mir klar geworden, dass ich vor der vielleicht größten Herausforderung meines Lebens stehe"). Szenen wie Friedas Gespräch mit dem Grab ihrer Mutter haben erkennbar funktionalen Charakter: in diesem Fall, um eine neue Figur einzuführen, nämlich Vitus, den schwarzen Pfarrer (Philip Bender). Außerdem muss Frieda in der ersten Folge noch ihren schwulen Kumpel Georg, Bäcker und Inhaber der Dorfbäckerei, in die Handlung holen. Praktischerweise schneit dort Mirko (Sebastian Deyle) in die Szene, ihr zweites potenzielles Love Interest, zufällig ebenfalls Feuerwehrmann, aber, so Georg, "leider hetero". Alles klar.
Nach mehreren Folgen dieses Fernsehens für ABC-Schützen kann man die Augen kaum noch offenhalten. Sicher: Niemand erwartet von einer Sat.1-Vorabendserie Tiefgang, nicht mal bahnbrechend Originelles. Aber hätte man sich nicht gerade angesichts der jüngsten Vorabend-Flops vielleicht mal ein paar Gedanken machen müssen?
Wirklich verstörend an dieser Vorabendsoap ist jedoch ihr Mangel an Plausibilität. Die Heimattümelei wird ad absurdum geführt, wenn in diesem angeblichen Elbsandsteindorf niemand auch nur ansatzweise sächseln darf - außer natürlich der Bürokratin von der Baubehörde. Und das, obwohl die Hauptdarstellerin selbst keine Mühe hätte, ihren Heimatdialekt zu reaktivieren. Aber für wie blöd hält man insbesondere die sächsischen Zuschauer, wenn man ihnen Drehorte im Berliner Umland (gut erkennbar an Autokennzeichen) als heimische verkaufen will? Die ganzen malerischen, üppig zwischen eingestreuten Bilder vom Elbsandsteingebirge wirken wie billig geshoppt bei Stock-Footage-Plattformen.
Hinzu kommt eine 18-Jährige, die nicht nur in den ersten Folgen so gut wie nie ein Handy in der Hand hat, sondern auch noch begeistert ist, wenn sie mit ihrer Mutter den Sommer nach dem Abitur in der Provinz beim Opa statt im großstädtischen Hamburg verbringen soll. Ein sächsisches Dorf als heile Welt und idyllische Toleranz-Hochburg, hier fremdelt keiner mit einem schwarzen Pfarrer, einem schwarzen Spieler im örtlichen Basketballteam, einem schwulen Bäcker oder zurückkehrenden Großstädtern.
Überdies scheint - trotz angeblich klammer Gemeindefinanzen - die örtliche Infrastruktur mustergültig in Ordnung zu sein - abgesehen natürlich von der maroden Wache der freiwilligen Feuerwehr, die es ja zu retten gilt. Selbst eine Bäckerei gibt es im Dorf noch. Klar: Eine Soap ist keine Doku, aber so viel zuckersüße Harmonie ist dann doch zu viel.
Es gibt leider auch nichts, was von all den Ungereimtheiten ablenken würde: Die Handlung dümpelt uninspiriert, behäbig und vorhersehbar vor sich hin, die Figuren bleiben blass und uninteressant, die hölzernen Dialoge klingen, als seien sie von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben worden. Absehbar also, dass auch "Frieda - Mit Feuer und Flamme" der Serie der Vorabendflops bei Sat.1 kein Ende setzen wird.
infobox: "Frieda - Mit Feuer und Flamme", Vorabendserie, Regie: Maik Johanns, Daniel Bussmann, Matthias Hedwig, Martina Allgeyer u. a., Buch: Amélie Czerwenka, Jule Keller, Paula Mechtel, Claudia Römer u. a., Idee: Tim Gondi, Produktion: Saxonia Media (Sat.1, seit 1.6.26, 18.00-19.00 Uhr und bei Joyn)
Zuerst veröffentlicht 15.06.2026 11:30
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSat.1, Serie, Johanns, Bussmann, Hedwig, Allgeyer, Czerwenka, Keller, Mechtel, Römer, Gondi, Steglich
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