17.06.2026 08:10
ZDF-Dokumentation "Amerika - Traum und Wirklichkeit"
epd Über keinen anderen Staat berichtet das deutsche Fernsehen derart ausführlich wie über die USA, erst recht, seit Präsident Trump ständig für vermeintliche Anlässe sorgt, die sich auf die Geopolitik und auf Europas Wirtschaft auswirken. Derzeit läuft die Fußball-Weltmeisterschaft mit den USA als Haupt-Gastgeberland. Und dann wird die "älteste moderne Demokratie der Welt" im Juli auch noch 250 Jahre alt. Selbstverständlich erfordern solche Jahrestage Fernsehsendungen.
Das ZDF beauftragte unter anderem eine dreiteilige Dokumentation und nahm den ersten Teil von "Amerika - Traum und Wirklichkeit" zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr linear ins Programm. Die Startfolge zum Thema "Spaltung" fokussiert sich zunächst auf die Stürmung des Capitols im Januar 2021, als der damals abgewählte Trump und seine Anhänger die Wahlniederlage nicht anerkannten.
Zum eigentlich auserzählten Thema fand der Film einen neuen Ansatz mit der damaligen Pro-Trump-Aktivistin Pam Hamphill, die sich zur Trump-Gegnerin wandelte, im Kongressausschuss aussagt und von ihren einstigen Mitstreitern beschimpft wird. Der US-Korrespondent des ZDF Elmar Theveßen berichtet, wie Fernsehteams damals bedroht und Kameras zerstört wurden.
Zu viel Gewalt in den USA trägt das uneingeschränkte Recht auf Waffenbesitz bei. In Europa wird das kritisch gesehen, vielen US-Amerikanern ist es wichtig, weil es nicht nur in der Verfassung verankert ist, sondern ins Jahr 1776 verweist: Ohne eigene Waffen hätten die damaligen Amerikaner sich ihre Unabhängigkeit nicht erkämpfen können. So kriegt der Film die Kurve zu seinem Anlass.
Neben "Zeit"-Korrespondentin Rieke Havertz äußert sich eine Familie beim Schießtraining über das "von Gott gegebene" und von den Vorfahren erkämpfte Recht. Zudem kommen sowohl Demonstranten gegen Einschränkungen des Waffenbesitzes zu Wort wie solche, die gegen die berüchtigte ICE-Behörde protestieren, die gegen Einwanderer auch im Inland vorgeht. Alle berufen sich auf den Wert der "Freiheit", zu dem so unversöhnliche Narrative im Umlauf sind wie zur Präsidentschaftswahl 2020.
Die Dokumentation blickt auch nach Birmingham, Alabama, einem der früher "rassistischsten Orte des Landes", wie der Historiker Volker Depkat sagt. Sie zeigt Martin Luther Kings "I Have A Dream"-Zitat, das in keiner deutschen USA-Doku fehlen darf, und erinnert daran, dass Werte wie Freiheit lange Zeit keineswegs für alle Menschen in den USA galten. Schließlich macht ein ehemaliger Blackrock-Investmentbanker, der sich nun für die "Patriotischen Millionäre" engagiert, auf aktuelle soziale Ungleichheit in den USA aufmerksam.
Kurzum: Die erste, 45 Minuten lange Folge vermittelt unterhaltsam Interessantes, tut das aber im Duktus zahlreicher Nachrichten- und Magazinbeiträge über die USA: erst werden kontroverse Voxpops eingesammelt, dann wird das alles durch Experten eingeordnet. Ein besonderer Bezug zur 250-Jahrfeier vermittelt sich eher nicht.
Das verhält sich in den beiden weiteren, im linearen Programm nicht prominent platzierten Folgen anders. Vor allem die zweite zum Thema Freiheit geht über das Gewohnte hinaus. Nachdem eine mit ihrer jüdischen Familie aus dem Iran eingewanderte Schönheitschirurgin in Beverly Hills postuliert, dass auch heute "in Amerika alles möglich" sei, sagt Korrespondentin Havertz, dass Aufstiegsgeschichten alles andere repräsentativ seien, sondern vor allem durch Hollywood verbreitet würden.
Die zweite Folge vertieft auch das Thema, dass die 1776 verkündeten Freiheits- und Gleichheitsrechte für viele Menschen lange nicht galten. Sie blickt unter anderem nach Africatown, wo man sich trotz aktuellen politischen Gegenwinds bemüht, die Geschichte des Sklavenhandels im Gedächtnis zu halten. In New Yorks Chinatown erinnert der Film daran, dass die Einreise für Chinesen bis zum Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang eingeschränkt war, und schlägt den Bogen zu Donald Trumps Einreisestopps und Reisebeschränkungen für islamische Länder. Darunter werde die Magnetwirkung der USA für Menschen leiden, die etwas wagen und aufsteigen wollen, prophezeit die Politikwissenschaftlerin Rachel Tausendfreund von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.
Besonders beeindruckt eine Sequenz aus dem Reservat der indigenen Lakota beim Mount Rushmore, wo eine als Tochter einer Schweizerin deutschsprachige Einheimische von hoher Arbeitslosigkeit, früher Sterblichkeit und aktuellen Entwicklungen am Wounded Knee berichtet. 1890 verübte die US-Armee dort Massaker an Indigenen, Verteidigungsminister Hegseth schlug dazu martialische Töne an. Versöhnungsbemühungen anderer, ebenfalls republikanischer Politiker gibt es aber auch. So kann die Frage nachhallen, ob die USA ihre Kraft, auch scharfe Gegensätze auf längere Frist auszugleichen und Fehlentwicklungen zu korrigieren, bewahren oder ob noch schärfere Konflikte bevorstehen, wenn die Weißen nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit stellen - wie Tausendfreund vorhersieht.
Folge drei zum Thema Macht verläuft in erwartbaren Bahnen. Sie rekapituliert die bestens bekannten Entwicklungen seit 1945 und transportiert Einschätzungen dazu, ob durch Trumps geopolitischen Aktionismus die Supermacht der USA wächst oder schwindet. Der deutsche Politikwissenschaftler Daniel Marwecki nennt es tragisch, dass die liberale Weltordnung von ihrem "Geburtshelfer", den USA, nun "beerdigt" werde. Der ebenfalls deutsche Informatiker Sebastian Thrun, der in Kalifornien lebt und Englisch spricht, verweist auf die immer überwältigender werdende Dominanz der Digitalkonzerne aus dem Silicon Valley.
Anlässe weiterzudenken, wie es in den nächsten 250 Jahren mit den USA weitergehen wird, bietet also auch die abschließende Folge des Dreiteilers. Eine 90 Minuten lange Dokumentation wäre überzeugender ausgefallen als dieser Dreiteiler.
infobox: "Amerika - Traum und Wirklichkeit", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Jan Tenhaven, Jens Strohschnieder, Kamera: Alex Foster, Produktion: Beetz Brothers (ZDF-Mediathek, seit 9.6.26, ZDF, 9.6.26, 20.15-21.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 17.06.2026 10:10 Letzte Änderung: 17.06.2026 10:54
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dokumentation, Tenhaven, Strohschnieder, Bartels, NEU
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