19.06.2026 08:10
Internationale Serie "Prisoner" bei der ARD
epd Gerade einmal sechs Monate ist es her, dass Amber Todd (Izuka Hoyle) Mutter wurde, doch zu Beginn der Serie "Prisoner", geht es für die junge Justizvollzugsbeamtin wieder zurück zur Arbeit. So schwer es ihr fällt, Ehemann Olly (Finn Bennett) und die kleine Mia allein zu lassen, so gern kehrt sie zurück in den Job, hat sie doch ehrgeizige Träume von einer Karriere als Kriminalpsychologin. Allerdings ahnt sie an diesem Morgen noch nicht, dass ihr gleich am ersten Tag alles andere als Routine bevorsteht.
Mitsamt ihrem Kollegen wird Amber zu einem kurzfristigen, offenkundig dringlichen Gefangentransport abbestellt, doch um wen es sich bei dem Mann handelt, der dieser von Matt Charman erdachten Serie ihren Titel gibt, wird ihnen zunächst vorenthalten. Tibor Stone (Tahar Rahim) war lange ein gefährlicher Auftragskiller für ein Verbrechersyndikat namens Pegasus, nun soll er als Kronzeuge gegen dessen mutmaßlichen Boss Harrison Dempsey (Brían F. O‘Byrne) aussagen.
Dass Dempseys Handlanger - allen voran sein Sohn Declan (Laurie Davidson) sowie die von Tibor angelernte Killerin Nina (Leonie Benesch) - alles daransetzen, das Erscheinen des Kronzeugen vor Gericht zu verhindern, versteht sich von selbst. Und so kommt es, wie es in Actionthrillern mit solcher Prämisse kommen muss: Es dauert nicht lange, bis Amber und Tibor gemeinsam wider Willen auf der Flucht sind, verfolgt nicht nur von den Pegasus-Schergen, sondern auch vom Ermittlungsteam der National Crime Unit. Dort scheint es unter der Führung von Alex Tebbit (Eddie Marsan) und dessen Vorgesetzter (Catherine McCormack) eine undichte Stelle zu geben.
Über sechs Episoden zieht sich die erste Staffel dieses von den britischen Sky Studios in Zusammenarbeit mit der ARD Degeto produzierten Actionthrillers, eine zweite ist bereits bestellt. Letzteres verwundert nicht, denn Charman, der für sein Drehbuch zu Steven Spielbergs "Bridge of Spies" für den Oscar nominiert wurde, bewies zuletzt mit Serien wie "Treason" und "Hostage", dass er sich auf die Welt von Geheimdiensten, Regierungsbehörden und Auftragsmördern versteht. Auch im Fall von "Prisoner" zeigt er, dass er effektiv erzählen kann: langweilig geht es hier nicht zu.
Dass die größtenteils in Wales entstandene Serie trotz eines sicherlich überschaubaren Budgets ziemlich ordentlich aussieht und ein paar mitreißende Actionszenen zu bieten hat, liegt auch daran, dass zwei versierte Regisseure, Otto Bathurst und Pia Strietmann, die Folgen unter sich aufgeteilt haben.
Überhaupt ist bei "Prisoner" viel Talent am Start, angefangen beim Ensemble. Hoyle, die schon Nebenrollen in "Boiling Point" oder der wundervollen Serie "Big Boys" hatte, ist eine charismatische Entdeckung, und Rahim ohnehin längst in der Speerspitze von Europas eindrucksvollsten und intensivsten Schauspielern angekommen. Nur Leonie Benesch, die bereits vor ihren viel beachteten Kinofilmen "Das Lehrerzimmer", "September 5" und "Heldin" gern gesehener Gast in seriellen europäischen Koproduktionen war, ist in ihrer Rolle als Killerin ein wenig unterfordert.
Tatsächlich sind die Drehbücher die große Schwäche von "Prisoner", unter anderem weil sie die Komplexität und Abgründigkeit der Figuren (allen voran Tibor Stone) nur bedingt ausloten. Einige Plot-Versatzstücke sind erwartbar wie die, dass der Protagonist Insulin-Spritzen braucht. Auch dass sich im Hintergrund eine rechtsterroristische Verschwörung abzeichnet, ist nicht unbedingt originell. Dennoch gibt es ausreichend Twists. Darüber, dass einzelne Handlungsstränge immer wieder in Vergessenheit zu geraten scheinen, nur um bei Bedarf dann wieder aufgenommen zu werden, lässt sich aber ebenso wenig hinwegsehen wie über zahlreiche, riesige Glaubwürdigkeitsprobleme und Logik-Löcher in der Handlung. Oder die Tatsache, dass im übereilten Finale die spannendsten Momente gar nicht gezeigt werden.
infobox: "Prisoner - Auf der Flucht", sechsteilige Thrillerserie, Regie: Otto Bathurst, Pia Strietmann, Buch: Matt Charman (Headwriter), Haleema Mirza, Kamera: Aske Alexander Foss, Florian Emmerich, Produktion: Binocular (ARD-Mediathek/Degeto/Sky, seit 19.6.26, ARD, 24.6.26, 23.30-2.33 Uhr und 26.6.26, 23.35-1.05 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 19.06.2026 10:10 Letzte Änderung: 19.06.2026 10:31
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, Degeto, Serie, Strietmann, Bathurst, Charman, Heidmann, NEU
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