Wankelmütiger Maschinengott - epd medien

21.06.2026 07:00

Im Game "Promptables", entwickelt vom X-Lab des SWR, können Spielerinnen und Spieler kleine Monster mit speziellen Eigenschaften schaffen und diese gegeneinander antreten lassen. Wer gewonnen hat, entscheidet die Künstliche Intelligenz.

In "Promptables" lädt der SWR zu einem Duell mit der KI ein.

Mit "Promptables" können Spieler und Spielerinnen den Umgang mit Künstlicher Intelligenz lernen

epd Pokémon, das japanische Franchise kleiner Monster, die man sammeln und gegeneinander kämpfen lassen kann, gilt als die umsatzstärkste Medienmarke weltweit. In den 90ern entwickelt, um auf zwei mit einem Kabel verbundenen Game-Boy-Konsolen gespielt zu werden, hat es sich als endlos anpassungsfähig an immer neue Spielumgebungen erwiesen. Zuletzt erlebten die Cartoon-Kreaturen vor zehn Jahren einen Schub, als Pokémon Go Menschen dazu brachte, sich in Parks zu versammeln, um dort besonders seltene Kreaturen zu jagen - eine perfekte Adaption an das ortsbasierte Spielen auf dem Smartphone.

Eine Variante von Pokémon für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gibt es noch nicht. Der SWR hat aber mit "Promptables - Das KI-Duell" einen Vorschlag gemacht. Wie beim Klassiker von Nintendo treten auch hier kleine Monster mit spezialisierten Angriffen gegeneinander an. Das Spiel lässt sich im Browser oder über die Plattform Steam kostenlos spielen. Eine größere Story gibt es nicht, aber die Spielumgebung erinnert an ein Labor von verrückten Wissenschaftlern, die ihre Kreaturen so lange in Nährlösung schwimmen lassen, bis sie von einer Gegnerin oder einem Gegner zum Duell aufgefordert werden.

Wie bei "Stein, Schere, Papier"

Es folgt ein Spielablauf, der an "Stein, Schere, Papier" erinnert, in dem beide Kontrahenten unabhängig voneinander eine von drei zur Verfügung stehenden Attacken auswählen und diese gleichzeitig enthüllen. Was "Promptables" sowohl vom klassischen Entscheidungsspiel als auch von den Monsterduellen bei Pokémon unterscheidet: Es gibt keine transparenten Regeln, nach denen die Konfrontationen aufgelöst werden. Stattdessen vergleicht ein Large Language Model, eine Künstliche Intelligenz von OpenAI, die Angriffe miteinander und entscheidet, wie der Kampf abläuft und wer gewinnt.

Der Prompting-Teil der "Promptables" besteht darin, dass die Spielerinnen die Attacken ihrer kleinen Monster und deren Beschreibungen selbstständig anpassen können. Aus dem "Feuerball"-Angriff des kleinen Drachen Flamey lässt sich zum Beispiel ein "Großer Feuerball" machen, der besser trifft. Die Igelkreatur Spikey kann nicht nur einzelne Stacheln abschießen, sondern auch eine Stachel-Elementarkraft entfesseln. Ob das zulässig ist und zum gewählten Monster passt, entscheidet erneut die KI. Zu mächtige, thematisch ungeeignete oder generisch effektive Vorschläge lehnt sie ab. Jeder neue Vorschlag kostet Ressourcen ("Bits"), die sich durch Duelle und Aufgaben aber wieder neu einspielen lassen.

Interaktion mit der KI

Der Gedanke hinter "Promptables", das begleitend zum "KI-Podcast" mit Gregor Schmalzried, Marie Kilg und Fritz Espenlaub vom SWR X Lab entwickelt und promotet wurde, ist eigentlich ein guter: Wie lässt sich die Fähigkeit von LLMs, mit natürlicher Sprache umzugehen und diese in Wahrscheinlichkeiten zu übersetzen, zu einem Spielprinzip machen?

Während verschiedene Games derzeit schon damit experimentieren, die generativen Fähigkeiten von KI für die Erstellung von Dialogen oder Spielabschnitten "unsichtbar" im Hintergrund einzusetzen, steht hier die Interaktion mit der KI im Zentrum. Wer besser promptet, gewinnt, lautet das Versprechen. Das Spiel zeige, wie viel Spaß es mache, "KI gemeinsam kreativ und bewusst zu nutzen", teilte der SWR dazu mit.

Dystopisches Gefühl

Das stimmt. Zu lesen, wie die KI immer neue Szenarien generiert, wenn zwei Angriffe aufeinandertreffen, hat einen gewissen Unterhaltungswert. Zu merken, dass kleine Ergänzungen oder neue Adjektive in den Attackenbeschreibungen wirklich einen Unterschied machen, ist amüsant. "Promptables" schafft einen spielerischen Umgang mit LLMs, den es so noch nicht als Spiel gab.

Das Spiel gibt aber auch einen Vorgeschmack auf das dystopische Gefühl, in der Bewertung seiner Taten allmächtigen Computersystemen ausgesetzt zu sein, deren Maßstäbe sich nur erraten lassen. Wenn also, wie sich die Tech-Oligarchen das wünschen, in Zukunft immer öfter KIs darüber entscheiden werden, ob wir einen Job bekommen oder ob uns bestimmte Privilegien zustehen, dann ist "Promptables" dafür das perfekte Training.

Die KI entscheidet bei "Promptables" über alles: Darüber, ob eine Attacke angemessen ist und ob sie im Duell etwas taugt. Als Nutzer kann man dazu zwar Feedback geben, aber anfechten kann man die Entscheidungen nicht. Ein Tipp des Spiels weist sogar explizit auf die Wankelmütigkeit des Maschinengottes hin: "Wenn etwas abgelehnt wird, kann es sich lohnen, es einfach noch einmal zu probieren. Die KI entscheidet nicht immer gleich."

Bauern im Spiel der KI

Marc-Uwe Kling hat in seinen "Känguru-Chroniken den Running Gag eingeführt, dass "Stein-Schere-Papier", trotz seines einmalig fairen Wirkungskreises - Stein schlägt Schere, Schere schlägt Papier, Papier schlägt Stein - kein Glücksspiel ist, sondern in Wahrheit ein psychologisches Duell: Jede Spielerin versucht zu erraten, welches Symbol die andere wohl zeigen wird. Wer die Gewohnheiten und Vorlieben seines Gegenübers gut kennt, kann die winzigen Vorteile nutzen, die es zum Gewinnen braucht.

Bei "Promptables" sind die wahren Gegner, anders als es das Spielprinzip suggeriert, nicht die anderen Spieler. Jeder psychologische Vorsprung ist somit hinfällig. In Wirklichkeit sind alle Spielenden nur Bauern im Spiel der KI. Sich selbst dabei zu beobachten, wie man versucht, die KI-Schiedsrichterin immer besser zufriedenzustellen, macht schon nach kurzer Zeit traurig. Dann lieber wieder ein Standard-Chatbot, der einem ständig nach dem Mund redet, dafür aber wenigstens noch keine direkte Macht ausübt.

infobox: "Promptables - Das KI-Duell", Game mit Fritz Espenlaub und Gregor Schmalzried, Entwicklung und Produktion: Emergo Entertainment, Ivy Juice Games, Neuroforge (ARD/SWR, seit 21.5.26)

Alexander Matzkeit Copyright: Foto: privat Darstellung: Autorenbox Text: Alexander Matzkeit ist Host des Podcasts "Läuft", den epdn gemeinsam mit dem Grimme-Institut verantwortet. Er arbeitet unter anderem als freier Journalist und Kritiker.



Zuerst veröffentlicht 21.06.2026 09:00 Letzte Änderung: 25.06.2026 10:30

Alexander Matzkeit

Schlagworte: Medien, Internet, Künstliche Intelligenz, Prompts, Gaming, SWR, Matzkeit, NEU

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