25.06.2026 08:10
Britische Serie "The Hack" über Abhörskandal
epd David Tennant, ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens, war, so schreibt er auf seiner Website, "fasziniert, entsetzt, schockiert", als ab 2006 Berichte erschienen, die schilderten, dass im Auftrag britischer Revolverblätter Anrufbeantworter abgehört, Einbrüche begangen, Bestechungsgelder gezahlt wurden, um an intime Informationen zu gelangen. Betroffen waren Prominente, Politiker, die Royals, Angehörige von Anschlagsopfern und Kriegsgefallenen. Selbst vor der Privatsphäre eines ermordeten Teenagers machten die Boulevardmedien nicht Halt.
Die Polizei begann zögerlich zu ermitteln. Eines Tages erhielt Tennant einen Anruf der Behörde: Auch er sei betroffen. "Damals war ich bei 'Doctor Who', also gab ich wohl eine gute Geschichte ab ...", sagte der Schauspieler später lakonisch im Gespräch mit dem "Guardian". Er war der Hauptdarsteller der Serie, die nationales Kulturgut ist.
Die verschachtelte Affäre reichte bis in die Regierung des konservativen Premiers David Cameron. Andy Coulson, der später zu 18 Monaten Gefängnis verurteilte ehemalige Chefredakteur des Boulevardblatts "News of the World", leitete ab 2007 den Kommunikationsstab der Conservative Party und wurde 2010, nach der Wahl Camerons zum Premierminister, Regierungssprecher. Das Geflecht aus Medienmacht, Einschüchterung, Korruption, krimineller Energie war kaum zu durchdringen. Nick Davies, freier Mitarbeiter der Tageszeitung "The Guardian", blieb jedoch hartnäckig. Die ITV-Arte-Serie "The Hack" erzählt seine Geschichte. Gespielt wird er von David Tennant.
Hauptautor Jack Thorne, zuvor unter anderem mit "This Is England", "Glue" und "Adolescence" hervorgetreten, verknüpft geschickt zwei scheinbar unzusammenhängende Handlungsstränge, widmet die Episoden eins und drei den journalistischen Recherchen zum Treiben der Boulevardblätter, die Folgen zwei und vier einer Mordermittlung. Der klassisch erzählte Krimi nähert sich dann dem Hauptthema: Die Familie von Detective Chief Superintendent Dave Cook, brillant gespielt von Robert Carlyle, wird von Bütteln der Boulevardpresse bedrängt.
Reporter Nick Davies blinzelt uns von der Metaebene zu, spricht direkt das Publikum an, stellt Transparenz her. Eine Verfilmung realer Begebenheiten bedarf erzählökonomischer Entscheidungen. In der Serie legt Nick Davies Abweichungen offen, spricht an, wenn eine gezeigte Begegnung eigentlich anderswo stattgefunden hat, und ulkt: "Aber diese Kulisse tut es." Seine Kommentare und surreale Einsprengsel geben der Geschichte eine sarkastische Note, ohne das verstörende Geschehen komödiantisch zu entschärfen.
Die Qualitätsmerkmale dieser Serie: eine durchdachte Dramaturgie, pfiffige Kameraführung, ungekünstelte Dialoge, intensive Schauspielleistungen und anhaltende Relevanz. Bevor er auf den Abhörskandal stieß, untersuchte Nick Davies in Kooperation mit der Cardiff School of Journalism, Media and Culture rund 2.000 Zeitungsartikel. Ergebnis war das Buch "Flat Earth News". Die darin aufgezeigten Mängel kennen wir auch in Deutschland: ungeprüfte Tatsachenbehauptungen, eklatante Fehler.
Das Boulevardblatt "News of the World", das zur News Corporation von Rupert Murdoch gehörte, wurde 2011 eingestellt. Der Abhörskandal wurde in Großbritannien im sogenannten Leveson-Report aufgearbeitet, einem 2.000 Seiten dicken Bericht, der 2012 unter anderem die Regulierung von Zeitungen empfahl. Doch kaum war der Bericht veröffentlicht, winkte der amtierende Premierminister Cameron bereits ab: Ein Pressegesetz werde es mit ihm nicht geben. In England setzte man weiter auf die Selbstregulierung der Presse.
infobox: "The Hack", siebenteilige Serie, Regie: Lewis Arnold, Buch: Jack Thorme, Annalisa Dinnela, Produktion: ITV-Studios, AC Chapter One, One Shoe Films (Arte-Mediathek/ITVX, seit 12.6.26)
Zuerst veröffentlicht 25.06.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, Serie, Arnold, Thorme
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