26.06.2026 08:10
Mikrodrama "Between The Beats" bei Tiktok
epd Mikrodramen im vertikalen Bildformat sind derzeit im Trend. Ausgehend vom chinesischen Bewegtbildmarkt, auf dem sich Serien im handlichen, für Mobilgeräte optimierten Hochkantformat mit Folgen von maximal zwei bis drei Minuten Länge bereits etablieren, befassen sich inzwischen auch europäische Produzenten mit der kostengünstigen Herstellung solcher kleinteiligen Serien. Als Early Adopter sind in Deutschland Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk dabei, die Ende Juni mit der Veröffentlichung von "Between The Beats" auf Tiktok begonnen haben. In ihrer Ankündigung hoben die Sender die formalen Besonderheiten des Mikrodramas hervor, indem sie die Serie als "neue Vertical Serie für eine junge Zielgruppe und ein neues Nutzungsverhalten" ankündigten, ohne zunmächst im ersten Satz auch nur einen Hinweis darauf zu geben, worum es in der Serie inhaltlich geht.
Am Tag der Veröffentlichung schickte Radio Bremen eine Pressemitteilung hinterher, in der der Plot so zusammengefasst wurde: "Romeo und Julia trifft auf K-Pop."
Die Intention, mit der vertikale Mikrodramen auf den Markt gebracht werden, entspringt "nicht aus der kreativen Vision eines Storytellers", sondern "aus Plattformverhalten", erklärte Kai Fischer, Manager bei Constantin Entertainment, kürzlich bei "DWDL". Erfolgreiche Vertical Dramas würden nicht auf Originalität setzen, sondern auf Wiederholung, "Pattern Recognition", tausendfach getestete emotionale Mechaniken.
Formales Neuland also, auf das sich die ARD nun begibt. Doch so revolutionär die Strategien hinter Mikrodramen für die beiden kleinen ARD-Anstalten auch sein mögen, erzählt "Between The Beats" immer noch eine Geschichte und zwar die der Schülerin Sara (Gio Yoo), die auf dem Weg ist, eine Primaballerina zu werden, insgeheim aber von einer K-Pop-Karriere in Seoul träumt. Sie verguckt sich in das Musiktalent Daniel (gespielt von K-Pop-Star Alexander Schmidt), den Sohn des langjährigen Erzfeindes ihres Vaters. Durch Daniel schöpft Sara Mut, sich den Erwartungen ihrer strengen Mutter zu widersetzen und erste Schritte in Richtung einer K-Pop-Karriere zu gehen, während Saras Verhältnis zu ihrer ehrgeizigen Freundin Isa (Lisa Junick) zu kippen droht.
Die Grundidee der Serie ist also überschaubar, das liegt nicht nur an den kurzen Folgen, die selten mehr als eine kleine Szene darstellen, sondern vor allem am erschreckend berechenbaren Buch, dem es an längst bekannten Plots, an Vorhersehbarkeit und an dramaturgischer Stumpfheit nicht mangelt. Vom seltsam kühlen Schauspiel der Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller ganz zu schweigen.
Ob das in der Praxis genügt, wenn "Between The Beats" nach und nach auf Tiktok veröffentlicht wird, muss sich zeigen, die Serienfolgen konkurrieren dort mit unterschiedlichen Inhalten unzähliger "Kreativer".
Radio Bremen jedenfalls versichert, der flexible Ansatz ermögliche dem Distributionsteam, aktiv auf das Feedback der Community einzugehen: "Die Rückmeldungen fließen direkt in die laufende Veröffentlichung ein", teilt der Sender mit. Der Tiktok-Kanal sei als Gesamtwerk aus fiktionalem Storytelling, Tanz- und Mode-Content und weiterem Bonusmaterial konzipiert.
Dass dem Sender zufolge jedes Video für sich steht und als Einstiegspunkt dienen kann, offenbart die inhaltliche Beliebigkeit der Serie. Tatsächlich wirken die einzelnen Folgen wie Erzählfetzen, die aneinandergereiht zwar Sinn ergeben, aber auf erzählerische Fäden von einer Folge zur nächsten gänzlich verzichten. Der Hauch eines Spannungsmoments muss als Cliffhanger herhalten und verlangt dem Publikum viel Neugier ab, die Geschichte wirkt lückenhaft. Ob die gerade mal 34-sekündige Folge, in der man nur sieht, wie Isa die Ballettschuhe ihrer Freundin Sara beschädigt, wirklich als Einstiegspunkt taugt?
Dem Mikrodrama-Trend folgend ist auch "Between The Beats" in Teilen mithilfe von Künstlicher Intelligenz produziert. Das ist bedauerlich, das Internet ist doch schon übervoll mit KI-Substituten kreativen Schaffens. Vertikale Mikrodramen nur des aktuellen Trends wegen zu produzieren und dabei narrative Ansprüche zu Gunsten von KI-unterstützter Produktion über Bord zu werfen, mag international Anklang bei kommerziellen Anbietern finden. Umgesetzt wie in "Between The Beats" aber müssen sich Radio Bremen und der SR die Frage gefallen lassen, ob eine derart platte, die Komplexität von "Sturm der Liebe" und "Rote Rosen" weit unterschreitende Erzählung wirklich alles ist, was die ARD dem jungen Publikum, das sie erobern will, narrativ anzubieten hat. Hochkant allein ist kein Selbstzweck.
infobox: "Between The Beats", 26-teiliges Mikrodrama, Regie: Tatjana Wenig, Buch: Su-Jin Song, My Cao, Kamera: Etritanë Emini, Produktion: Red Pony Pictures, Sendefähig GmbH (Tiktok/RB/SR, seit 25.6.26)
Zuerst veröffentlicht 26.06.2026 10:10 Letzte Änderung: 27.06.2026 17:19
Schlagworte: Medien, Internet, Kritik, Kritik.(Internet), KRB, Tiktok, Mikrodrama, Wenig, Song, Cao, Respondek, Vertical, NEU
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