29.06.2026 08:55
"Born To Fake" erinnert an den "TV-Fälscher" Michael Born
epd Seine Stimme habe ich noch im Ohr. Ab 2002 lebte der sogenannte Filmfälscher Michael Born in Griechenland am Meer. Als Olivenbauer versuchte er zu überleben. Aber seine große Zeit beim Fernsehen, die 1996 schmählich mit einer Verurteilung zu vier Jahren Haft endete, ließ ihn nicht los. Er rief mich in der Redaktion von epd medien an. Die Stimme klang brüchig, die Verbindung war technisch nicht die beste: Volker, wir müssen mal wieder was zusammen machen!
Dabei kannten wir uns nicht wirklich. Ich hatte den Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Koblenz 1996 als Berichterstatter verfolgt und zu Borns Erinnerungen, die ein Jahr später unter dem Titel "Wer einmal fälscht …" bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, das Nachwort geschrieben. Der Verlag hatte sich etwas Kontextualisierung gewünscht. Denn natürlich waren Borns Memoiren auch eine Rechtfertigung seiner Taten und seiner selbst.
Durch den Dokumentarfilm "Born To Fake" von Erec Brehmer und Benjamin Rost, der derzeit deutschlandweit in Programmkinos zu sehen ist und voraussichtlich im Herbst beim koproduzierenden SWR gezeigt wird, weiß man jetzt, dass Born nach seiner Haftentlassung in Griechenland eben kein Neuanfang gelang, dass er zu viel trank und von der Idee besessen war, den Prozess gegen ihn wieder aufrollen zu lassen. Seine letzten Monate verbrachte er in Graz, wo er in der Familie des Filmproduzenten Roland Berger Unterschlupf fand. Berger, der früher in Trier tätig war, hatte Born dort in seiner Produktionsfirma beschäftigt, als er noch Freigänger war.
Roland Berger ist auch einer der Protagonisten in diesem sehenswerten Film. Der Weggefährte erzählt von Borns Betrug an "Stern TV" aus dessen Perspektive. Berger, der 2022 beim Klagenfurter Ensemble auch ein Theaterstück über Born initiiert hatte, ist ein wunderbarer Erzähler, aber natürlich weiß er vieles nur vom Hörensagen - geschönte Versionen, so wie er es von Born erzählt bekommen hat.
Die bis heute offene Frage, was RTL, "Stern TV" und Günther Jauch von Borns Machenschaften wussten, ob sie die Fakes rund um Ku-Klux-Clan, Katzenjäger und Krötenlecker sehenden Auges einkauften oder nur bei der Filmabnahme leichtfertig waren, kann auch dieser Film nicht aufklären - Jauch hatte auf die Interviewanfrage der Filmemacher nicht geantwortet. Martin Lettmayer, ein Österreicher wie Berger, war Mitte der 1990er Jahre fest-freier Reporter bei "Stern TV" gewesen und vertritt hier die Position, niemand habe etwas gewusst. Die Redaktion beschreibt er als "eine paradiesische Landschaft", größtes Lob bekommt Jauch: "Ein Tag ohne den Chefredakteur war ein verlorener Tag."
Der "Herr Born" dagegen habe ihm etwas angetan, "das werde ich ihm nicht verzeihen". Ob persönlich, das wird nicht ganz klar. Lettmayer erzählt in seinem schönen Haus, offenbar wieder in seiner österreichischen Heimat, über den großen Verlierer des Skandals, über einen Mann, der nur 60 Jahre alt wurde und seit über sieben Jahren tot ist. Auch Berger und die Bochumer Filmwissenschaftlerin Eva Hohenberger dürfen ihre schmucken Häuser vorzeigen. Die Asche von Michael Born wurde sehr einsam vor Carolinensiel in der Nordsee beigesetzt. Niemand war dabei, außer seiner Schwester, die sich im Film liebevoll an ihren Bruder erinnert (ebenso liebevoll: Borns ehemalige Partnerin und Aufnahmeassistentin Claudia Bern).
Gut 30 Jahre nach dem Fälscherskandal, der auch andere TV-Redaktionen neben "Stern TV" betraf, schmerzt bei den Betrogenen offenbar noch immer das "Trauma", wie Lettmayer es nennt. Man weiß, dass auch Jauch sich von den damaligen Medienkritikern, mich eingeschlossen, zu Unrecht als Mitwisser und leichtfertigen Born-Einkäufer hingestellt sah und wohl noch sieht.
So ganz ahnungslos aber kann man bei "Stern-TV" nicht gewesen sein. Das bezeugt im Film Thomas Pritzl, der damals für die Pressearbeit der Redaktion zuständig war und dem nicht nur der verrutschte angeklebte Bart beim Katzenjäger aufgefallen war. Später veröffentlichte er zwei Bücher über die Affäre. "Die haben das Material massiv zur Seite gebracht", erinnert sich Pritzl an eine hektische Spurenbeseitigung bei RTL, was später auch im Gerichtsurteil festgehalten wurde.
Der Film von Erec Brehmer und Benjamin Rost ist wundervoll komponiert und besticht auch durch die elegante Bildgestaltung von Pius Neumaier und Julian Krubasik. Auch spielt der Film mit der eigenen Inszenierung, die selbst in einem Dokumentarfilm unvermeidlich ist, und legt sie offen. Und er hat eine Pointe: In den letzten Minuten feiert der Taugenichts Michael Born fröhliche Wiederauferstehung - als KI-generierter Prophet, der über die neue Normalität von Deep Fakes sagt: "Hätte ich diese Hilfsmittel damals schon gehabt, mir wäre niemand auf die Schliche gekommen."
Womit er wohl recht hat. Aber das bedeutet eben auch: Das Trauma "Born To Fake" wird besonders den Fernseh-Journalismus in Wiederholungsschleife immer wieder einholen.
infobox: "Born to fake", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Erec Brehmer, Benjamin Rost, Kamera: Pius Neumaier, Julian Krubasik, Produktion: MSZ Film
Copyright: Foto: Wulf Rohwedder
Darstellung: Autorenbox
Text: Volker Lilienthal war von 2009 bis 2025 Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Zuvor arbeitete er 20 Jahre lang als Medienjournalist für den epd, von 2005 bis 2009 als Verantwortlicher Redakteur von epd medien.
Zuerst veröffentlicht 29.06.2026 10:55 Letzte Änderung: 29.06.2026 16:26
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Mediengeschichte, Born, Lilienthal, NEU
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